Wie es sich lernt aus Kontradiktionen

Mir ist, als sollten wir auf guten Ton achten, insbesondere „im eigenen Lager“. Es heißt, der Ton macht die Musik. Niemand könnte widersprechen. Der Zweck heiligt die Mittel, heißt es ebenfalls. Demnach wäre ein heiliger oder doch bloß nur guter Zweck dadurch erreichbar, daß man in der Wahl der Mittel sich flexibel erweist und notfalls die Axt aus dem Schuppen holt. Endlich ist das Böse tot, und alles wird gut. Allein die Bluttat bleibt bestehen und überschattet das Glück der Siegreichen. Ich hörte kürzlich von Bazon Brock, daß es vielmehr umgekehrt gehöre, daß nämlich allein die Mittel den Zweck heiligten, daß also die einzelne Tat für etwas steht, das sich aus der Addition ähnlicher Taten ergeben könnte oder müßte. Das ergäbe eine neue Praxis des Handelns, und ich gebe ihm recht, die provokative Spitze dahin brechend, daß solches Handeln vielleicht doch einem Zweck sich unterstellt wissen wird. Gerate ich in Kreise selbstgefälliger Geschlossenheit in Ansicht und Meinung, achte ich besonders auf den Ton ihrer Bekundungen.

Wie es sich lernt aus Kontradiktionen

Schreckschußpistole

Wenn es ein Vermögen des mir bekannten Menschen gibt, das mich schreckt, ist es dieses: daß er sich anzupassen versteht. Anpassungsfähigkeit wird woanders Intelligenz genannt. Da wir in hochkomplexen Gebilden unter (zeitgemäß euphemistisch formuliert) herausfordernden Bedingungen in jederzeit kündbaren Beziehungen agieren und reagieren, nimmt die Schreckhaftigkeit zu und mit ihr die vibrierende und vorfühlende Ängstlichkeit. Anpassungsfähigkeit erscheint da allwettertauglich und wie ein Unterstand. Nur, auch dies sei gefragt, wo bleibt man selbst dabei, außer daß man körperlicherseits noch anwesend ist und sich reden hört, als hätte man von jeher so geredet, nur eben anders. Hierhin ein Fragezeichen. Morgen befehlen sie uns, aufeinander zu schießen oder mindestens zu den Waffen zu eilen.

Schreckschußpistole

Ein jeder mit sich selbst und den anderen

Was läßt sich aus der Geschichte lernen, wird recht brav und angenehm gefragt. Was könnte ein Wissender, den die Weisheit streift, antworten? Vermutlich doch dies: Alles und nichts. Wie stets kommt es auf den an, der schaut. Wer ein ehemaliges Konzentrationslager besucht, um anschließend zu wissen, daß Nazis doof sind, hat ein Geringes verstanden. Was dachten und empfanden die Leute damals, die dort arbeiteten oder ihren Dienst versahen? In Ravensbrück, nicht weit von Fürstenberg, neunzig Kilometer zu Berlin. Vermutlich doch wohl dies: Es ist, wie es ist. / Zum Glück habe ich Arbeit. Besser als an die Front geschickt zu werden. / Meine Kameraden sind noch viel schlimmer. / Geschieht denen recht, warum sind sie nicht auf unserer Seite, sollen sie sich nicht wundern. Die Sadisten bilden ein eigenes Fach. Man hat über die Banalität des Bösen philosophiert. Banalität ist Alltäglichkeit, also alltägliche Wiederkehr des Bekannten, das als verstanden, jedenfalls etabliert, also stabil, also herrschaftsgebend vorausgesetzt ist. Ein Tag wie der andere, nur eben brutal. Doch Gewalt, die ist doch überall, nicht.

Ein jeder mit sich selbst und den anderen

Ein jeder mit sich selbst

Durchmißt man einstige Orte des Schreckens, befällt einen eisige Erstarrung. Man hält sich an Details – abblätternde Farbe des rostigen Wachtturms – oder sucht Orientierung im wüstleeren Raum. Was befand sich wo, gab es eine Ordnung. Eine Ordnung gibt es stets, insbesondere die des berufsmäßig ausgeübten Terrors. Systematik der Gewalt. Wie bricht man einen Körper – das weiß man schon. Wie bricht man eine starke Seele – das läßt sich herausfinden. Es gibt die Berichte der Überlebenden, die Darstellungen der Vernichtungspraxis. Wie es riecht in den Arbeitsbarracken der Näherinnen, heute (und damit fast schon achtzig Jahre nach Ende des deutschen Großvorhabens von sonstwas)? Es riecht nach Bitterkeit, nach groteskem Unsinn, trocken und schwarz, nach sich fortsetzendem und verschlucktem Schmerz, und die Wolken vor blauem Himmel kommen einem vor wie der übliche Firlefanz.

Ein jeder mit sich selbst

Schwarze Steine

Familien sind interessante Gebilde mit eigener Kultur, eingebettet in die sie umgebenden Kulturen, im Austausch mit denen lebend und überlebend, mit Rißlinien innerhalb des eigenen Verbandes und Trennungs- und Verlustschmerzen, wenn einzelne Mitglieder verloren gehen oder in unerreichbare Ferne gedriftet sind. Schwer wiegen die Erinnerungen an einstiges Glück oder Unglück, an die guten und die schlimmen Taten – die Verbrechen sogar. Worüber man spricht oder worüber man schweigt. Mal macht der Staat die Leute zu Verbrechern, mal eine Glaubensrichtung, eine Überzeugungsgemeinschaft, eine höhergestellte Moral mit Kurs aufs saubere Paradies, mal die Gier nach Größe, Geld und Macht. Daher die Schwindelgefühle, beugt man sich über den Brunnenrand und sieht hinein in den Abgrund des Geschehenen. Wir landeten gestern dort draußen unter dem hohen Himmel im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, ich blätterte im Buch der Toten.

Schwarze Steine

Hauptmotiv Hauptsache

Mein Hauptmotiv ist Mitleid. Notfalls mit mir selbst. Ich empfinde sogar mit den Schlimmsten, allerdings nicht persönlich. Ich weiß offenbar sehr genau, was ein Opfer ist. Nämlich ein umgekehrter Täter? fragt der Verstand. Der Verstand ist nicht die Weisheit, ich nehme ihn nicht persönlich. Hätte ich Wünsche frei, wählte ich die Gewißheit. Sie wäre nicht zu haben, jeder weiß das. Deshalb habe ich sie gewählt. Ich möchte mich abstrampeln und blöd dabei aussehen wie in den Studios für die Muskeln, die wenig wert sind, außer daß sie so aussehen wie Muskeln, die zu etwas taugen.

Hauptmotiv Hauptsache