Geld ist unschuldig

Kurz war es still, regnete nicht. Schon beginnt es erneut. Regen läßt sich menschlicherseits nicht dosieren, ebenso wenig wie Wind oder Sonne, Vulkanismus oder Erdbeben. Naturgewalten heißen sie. Man stellt sich darauf ein, indem gemessen wird, womit zu rechnen ist. Technische Lösungen lassen sich finden und installieren. Daraus besteht unsere Geschichte, die wir Nutznießer vergangener Bezwingungsleistungen des Menschen wider die Willkür der Natur sind und zugleich die Entwicklungs- und Emanzipationsgeschichte des Menschen anklagen, da er oder wir zu weit gegangen sind und die Natur nun zurückschlägt wie in einem Krieg auf Gegenseitigkeit. Natur strebt nach Ausgleich. Mir ist einstweilen unklar, was der sogenannte Mensch eigentlich will. Er existiert ja nicht in der Einzahl, sondern gruppiert und organisiert sein Handeln und scheint zielgerichtet vorzugehen. Wohin das führt, bleibt jeweils abzuwarten und dann zu beobachten. Gewaltige Programme werden aufgelegt, um die zukünftigen Verhältnisse günstig zu bestimmen. Allerdings ähneln sie Wechseln auf ungedeckte Größen. Immerhin macht man Geschäfte mit den drohenden Katastrophen. Das tröstet mich ungemein. Wäre ich gemein, unterstellte ich Boshaftigkeit bei staatlich und überstaatlich garantierten Gewinnchancen. Wer auf Untergang setzt (investiert), gewinnt.

Geld ist unschuldig

Traurig schön und schaurig

Der erste Eindruck eines Menschen ist der entscheidende. So wird es gesagt. Fällt er schlecht aus, sind wir später froh, wenn er zu korrigieren war. Menschenkenntnisse werden situativ und prozessual erworben. Es ist gut, viel herumzukommen und sich einigem auszusetzen. Als ich im Kaffeehaus arbeitete, lernte ich, Gäste einzuschätzen. Die Militärzeit war dazu da, menschliche Niedertracht kennenzulernen. Verleih Menschen Befehlsgewalt, und du kannst was erleben. Frag die Polizisten. Taxifahrer sind gut darin, Friseure ebenso, auch Verkäufer wissen einiges. Selbst mit Scheißkerlen kann man klarkommen, doch dazu braucht es etwas – nun ja: Autorität, also Erfahrung, also Angemessenheit der Bewegungen, der Haltung, des Sprechens. Klar sein, da sein, ohne Schnickschnack, Dünkel, milieubedingte Sprachfehler, ohne Hochmut oder Unterwerfungsgestikulation, ohne Blödtun oder Schlaureden, echt sein, das ist alles. Ist es denn so schwer, echt zu sein. Was soll daran so schwer sein. Ich frage ja gar nicht, ich stelle fest. Wie kann man denn falsch sein, falls man noch nicht echt ist. Was heißt denn echt. Was heißt denn falsch. Reden doch dauernd alle über fake. Ja, dann mal los. Da wir jetzt leben, wird es einstweilen auf Zertifikate hinauslaufen.

Traurig schön und schaurig

Von oben nach unten

Ergiebiger Landregen zur rechten Zeit. Die Geräusche vorm Fenster lassen mich an das Zehnstundenvideo Kalter englischer Regen für Schlaflose, etwa so lautet der Titel, denken: die Geborgenheitsgefühle desjenigen stimulierend, der sinnend im Trockenen sitzt oder liegt. Schlaf ein, liebe Seele, du kannst ohnehin nichts tun außer zu warten. Wie einfach wir uns beruhigen lassen, wir Kinder der uralten Natur, unserer ewigen Mutter und Herkunft, Spenderin des Lebens, der Freude und des Schreckens. Dieser Regen mag lieblich klingen, doch er läßt sich steigern ins Katastrophische. Regnet es fünf oder sechs Tage in Folge, sind wir fast schon geliefert. Die Systeme kollabieren. Berlin bleibt in aller Regel trocken, wenngleich es kurz und heftig regnen kann. Es ist ein paar Jahre her, da kippten hier Bäume um, da der Starkregen ihren Wurzelgrund aufgeweicht hatte. Ich sah einem dabei zu, er stand auf einem sogenannten Grünstreifen zwischen den Richtungsfahrbahnen, legte sich mit einem Mal auf die Seite und stürzte wie in Zeitlupe auf die Straße, ohne übrigens sonderlich Schaden anzurichten. Der Baum war weder alt noch groß, eine Linde.

Von oben nach unten

Keine Antwort

Nach dieser kleinen Einübung in Grausamkeit werden weitere folgen, verspricht der Wahrsager, der nicht sagen kann, warum wahr sein wird, was er sagt. Stattdessen zuckt er mit den Achseln und wirkt wie einer jener Gaukler oder Scharlatane, die wir so gut kennen aus den Filmen und dem Leben und dem unerforschten Dazwischen. Sie werden dafür sorgen, sagt er, daß du deinen Namen vergißt und deine Herkunft verleugnest. Wozu sollte das gut sein, fragst du. Sag doch selbst, wozu das gut ist, sagt er. Um dazuzugehören, fragst du.

Keine Antwort

Da es ist

Luftiger Tag, lustige Leute. Sonnenschirme und Spargelzeit. Möchte jemand ein Spiel mit mir spielen, wir spielen um Geld, der Einsatz ist klein, groß der Gewinn, die Sonne lacht, schon lachst auch du. Langeweile lungert im Hintergrund herum und kann warten. Wann ist es wieder wie früher, Mama. Der Platz ist so voll, ich kann kaum atmen. Zieh an deinem Strohhalm, Kind. Im Vordergrund ächzen die Kandidaten, es ist heiß unter der Sonne. Wer atmet wem die Luft weg. Schon schlägt der erste auf den harten Asphalt, verdreht die Augen und röchelt lebensbedroht. Das Fest geht weiter, man zieht Sichtblenden auf. Der zweite knickt zusammen und dreht ein. Sofort sind Retter zur Stelle. Die Musik wird lauter und zunehmend launiger. Nimm mich mit auf die hohe See, mein Liebster. Alle schunkeln und munkeln. Selten ein so tragisches Finale erlebt. Die Überlebenden reißen die Atemluft an sich, fächeln und rudern mit den Armen, ducken plötzlich ab und erschnauben sich unten noch was. Ein weiterer Wettbewerber fällt hin, schlagartig und wie tot. Man sieht seine Füße noch, da sie ihn wegschleifen. Die Rettungskräfte sind gut ausgebildet. Zwei sind noch auf den Beinen und rasen umeinander. Die Sauerstoffuhr zeigt rot. Zeit für die allerletzte Wette. Das System schließt ab. Schon ist es vorbei, schade. Wir hätten noch ewig zusehen mögen, wie die Kandidaten kämpfen ums nackte Überleben für ein wenig Geld, aber hey, come on, so ist das Leben.

Da es ist

Zöpfe flechten 3

Es gibt ein anderes und besseres Wort für Meinung, nämlich Ansichtssache. Sache der Ansicht, mithin der Perspektive und desjenigen, der schaut. Ansichtskarten kann man kaufen gehen, gern in Urlaubsorten, und die beschreibt man auf der Rückseite, frankiert und wirft sie in einen Briefkasten, damit die zuhause Gebliebenen eine Idee davon bekommen, wie es aussieht im Urlaubsort mit seinen sehenswerten Sehenswürdigkeiten. Das in etwa sind Ansichten, man kann sie ebenso tauschen wie Meinungen. Muß man Meinungen haben oder kann man auch ohne sie sein? Ich bin mir nicht sicher. Denn wenn eine Fragestellung einem zu nahe rückt, da die Fragenden einen einteilen und vielleicht verurteilen möchten, werde ich dazu eine sehr deutliche Meinung entwickeln müssen. Läßt man mich dagegen in Frieden und Ruhe, kann ich weiterhin Zöpfe flechten und gerate nicht in die Wiederholung.

Zöpfe flechten 3

Aus dem Zusammenhang 325

„Erst wütete ein Sturm aus Kohlenstoff und Magma, daraus bildeten sich Granit und der Erdboden. Dann bebte die Erde, brach auf und türmte sich immer höher empor, bis sie an den Himmel stieß. Wälder entstanden und starben ab und wuchsen hundertmal nach, und Menschen entstanden und starben und wuchsen hundertmal nach. Es gab Stürme und Jahreszeiten, Grenzen und Blut, Wunder und Rache und Reue. Doch Land und Himmel kümmerte das alles einen Scheiß.“

Outer Range, S1 E3

Aus dem Zusammenhang 325