Zöpfe flechten 2

Das Parolenhafte der Debatten um dies und das. Man schreit sich an, wiederholt und wiederholt und wiederholt die eine kleine, angeblich eigene Aussage. Dafür oder dagegen – wie damals in Hannover in der Nähe des Hauptbahnhofs, ich war vielleicht siebzehn Jahre alt, unerschütterlich und nur kurz zu Gast in der Landeshauptstadt unseres schönen Niedersachsen, da hob ein 96-Fan seine Fahnenstange und fragte, bevor er zuschlug: „96 – ja oder nein?“ Ich sah erst in sein dummes Gesicht, dann die Fahnenstange hinauf und sagte müde lächelnd: „Natürlich ja.“ Herrgott, wie konnte er mich das fragen, er hatte die Antwort doch bereits determiniert. Sag ja, sonst sperren wir dich ein. Na wunderbar. Mach dies, sonst geschieht jenes. Noch wunderbarer. Dies ist ein freies Land, wer will das vergessen. Politische Ansichten interessieren mich fast gar nicht mehr, und dies zum Schutz derer, die sie äußern. Was müßte ich sonst über sie denken. Sprechen wir einstweilen über das Wetter. Das Wetter hält das aus, ihm ist schnuppe, wie geredet wird. Dem Klima ebenso. Das sind meinungsunabhängige Größen.

Zöpfe flechten 2

Zöpfe flechten

Habe ich einen Satz geschrieben, also eine Aussage getroffen und einen Gefühlsgedanken ausgedrückt, bin ich ein Stück weiter und kann mich dem nächsten widmen. Man kann sich freisprechen. Es ist mir nicht wichtig, einen bereits gesprochenen Gedanken zu wiederholen. Wozu sollte das dienen. Er würde dadurch zu etwas Unwichtigem, das andere wichtig finden könnten.

Zöpfe flechten

Ermunternd

Da ich den Film Die große Stille sehe, wird mir deutlich, daß es Menschen gibt, die unter der Last ihres Ichs zu zerbrechen drohen. Mir ist sogar, als sei ich selbst ein solcher Mensch gewesen und bin es zuweilen noch. Was läge näher, als sich zurückzuziehen in mönchische Askese. Der Welt entsagen und sich jenem widmen, das nicht der Aufpeitschung bedarf und die ständig quälende Sinnlichkeit transzendiert. Einem anderen Leben, das Schutz bietet und Einkehr bedeutet. Zugleich rebelliert nahezu alles in mir und möchte augenblicklich die Gänge des Klosters, das gezeigt wird, entlang stürmen und den Mönchen zurufen, daß sie nicht verloren sind für das Leben, sondern nur pausieren, was ich selbst benötigen könnte, zerpreßt wie ich bin oder war.

Ermunternd

Hurra

Das Hauptproblem besteht darin, daß ein sich selbst vergottender Mensch oder eine Menschheitsgruppe, die sich gottähnliche Verfügungs- und Anordnungsgewalt zutraut, für sich selbst keine sinnvolle Ein- oder Unterordnung mehr treffen kann. Historisch bietet sich der Absolutismus als Studienepoche an, dies näher zu besehen und besser zu verstehen; auch die Totalitarismen des verstrichenen Jahrhunderts, deren Ausläufer bis in unsere Zeit reichen, eignen sich zu Einkehr und Einsicht. Wie die Bäume nicht in den Himmel wachsen, geraten Menschen nicht zu Göttern. Ihr Fall wäre unausweichlich, doch nimmt er Zeit in Anspruch. Seit ich das ein wenig verstanden habe, messe ich die graumäßig-uniforme Gegenwart an den buntgescheckten Vergangenheiten und erstaune mich einstweilen an fader Kost. Die schmeckt nicht, aber soll.

Hurra

Wenn Menschen Götter sind, sind Götter Menschen

Sind Menschen Material? Wir wissen, daß man sie dazu macht, wenn diejenigen, die solches anordnen und vollstrecken wollen, gewähren dürfen. Im Krieg werden Menschen als handlungsfähiges Material eingesetzt, wenngleich der modernere Begriff (Begriff und Ergreifen) sie Ressource nennt. In der Produktion, im Gewerbs- und Geschäftsleben sind Menschen eine solche Ressource – neben anderen. Zudem ein Kosten-, Krankheits- und Risikofaktor, eine Unberechenbarkeit. Das ist betriebswirtschaftlich durchgerechnet und volkswirtschaftlich anerkannt. Was die sogenannte Künstliche Intelligenz der natürlichen hinzufügen kann und wird, läßt sich bereits absehen. Menschen werden noch mehr zu Göttern, die über sämtliche Wirklichkeiten (…) meinen verfügen zu können. Daß ein kompliziertes und umstrittenes Konzept wie das der Intelligenz derart (mißbräuchlich/einseitig/technisch) verwendet wird, weist auf das Hauptproblem.

Wenn Menschen Götter sind, sind Götter Menschen

Milchbrei

Irgendwann früher, jedoch vor gar nicht allzu langer Zeit, war Streit unangenehm und ich haßte (fast schon) die Konflikte. Sie erschienen mir überflüssig, teils sogar konstruiert, und sie störten die Harmonie, in die ich mich begeben wollte und zu der, sofern ich sie erreichen könnte, immerhin und mindestens gehörte, daß die lästigen Streitereien beiseite zu schieben wären, für eine gewisse Zeit wenigstens. Zeit ist Raum. Raum ist Ausdehnung. Irgendwann jetzt verstehe ich vielleicht etwas besser, daß es der Konflikte bedarf, um die Harmonie zu sichern. Sonst würde sie eines Tages illusionär und zu einer falschen Gottheit. Ja, man soll an den Zäunen des sogenannten Paradieses rütteln, wenn einem danach ist. Tut man es notorisch im Sinne von fahrlässig, verdient das allerdings Entgegnung. Respekt heißt Achtung – nicht als Alarm, sondern als Beachtung, modisch gesprochen als Achtsamkeit. Das Wertvolle bemerken, ehe man es zerstört.

Milchbrei

Leiser Regen begleitet die Buchstaben in ihre Ordnung

Sind die Termine Stoß auf Stoß getaktet, kann etwas Gehetztes in die Begegnungen und Treffen geraten. Es findet sich zum Auftakt kein angemessener Abschluß, jeder spürt das. Diktiert die Zeit allein, wird sämtliches zerstoßen und zermörsert zu Zeitbrei. Hattet ihr eine gute Stunde? Stunden aber können weder gut noch übel sein. Es ist nicht Aufgabe einer Zeiteinheit, derartig gewichtige Unterscheidungen zu markieren. Hattet ihr ein gutes Miteinander, soll es eigentlich heißen. Warum spielen wir die Zeit derart (bereits sprachlich) in den Vordergrund? Die technisch-organisatorischen Argumente leuchten ein, jedenfalls innerhalb unserer Zivilisation. Doch will mir Zeit als wertgebend nicht einleuchten, außer beim Sport. Dort muß oder soll ja gemessen werden. Ansonsten … nun ja. Wie verschafft man sich Zeit? Wie lebt man zeitlos? Indem man sich nicht sonderlich dafür interessiert. Läßt sich das lernen? Nein, nur praktizieren. Trotzdem stirbt man. Als wäre das ein Manko. Jetzt weiter im Film Die große Stille. Wer von Zeit spricht, möchte von der Situation handeln. Die ist aber etwas ganz anderes, umfänglicheres und größeres. Sie enthält Ort, Zeit, Handelnde, Wetter usw., sie ist schlichtweg alles, was zusammentrifft.

Leiser Regen begleitet die Buchstaben in ihre Ordnung

Birkenrinde

Pfingsten ist für mich etwas Helles. Ich war nie sonderlich gläubig im Sinne anerkannter Konfessionen und deren anspruchsvoller Mythologie, doch es gab im Dorf meiner Kindheit und Jugend den Brauch der Pfingstbäume. Die Pfingstbäume waren junge Birken, vier oder fünf Meter hoch, die im Forst geschlagen und von der Dorfjugend auf die Bauernhöfe verteilt wurden. Man stellte sie auf und lehnte sie an die Hauswand zum Schmuck von Hof und Haus. Ich habe sie geliebt, das weiß ich noch. Schnell holten wir Eimer mit Wasser, um die gekappten Birkenstämme mit Wasser zu versorgen. Sie wurden behandelt wie Schnittblumen. Den Birken fühle ich mich nahe aus vielerlei Gründen. Ihre Rinde hat Augen. Sie wachsen aus Dachrinnen und Ruinen. Im Erschießungswald stehen sie weiß und starr, während der Schuß fällt. Eine Stelle aus den Strahlungen, die ich nicht vergessen kann.

Birkenrinde