Natur ist die Mutter des Lebens. Um die Rolle des Vaters konkurrieren die Götter. Daß der Mensch mitbietet, ist eine bekannte Neuigkeit.
Allgemein
Das Bett in der Steppe
Leidet der Löwe, soll die gesamte Steppe trauern. Ein himmelschreiendes Unrecht ist ihm widerfahren, die Majestätsbeleidigung kann nicht ungesühnt bleiben. Es müssen Schuldige her, und wären das die Götter selbst oder das gräßliche Schicksal, das unverständliche Strafen verhängt. Sieht denn niemand, fühlt denn niemand den Schmerz des Königs. Seine Fallhöhe ist gewaltig – und er ist gestürzt. Das hätte nicht zugelassen werden dürfen, das verstößt gegen den Plan und die Absicht der Schöpfung, Großes zu befürworten. Wo sind die mitleidenden Kreaturen, die das Krankenbett umringen und keine Freude mehr werden empfinden wollen, ehe nicht ihr Herrscher wieder gesund und bei Kräften ist. Bedrückt sollen sie lernen, wie es ist, wenn ein Gewaltiger gebrochen wird.
Sonntagsausflug
Verschiebe die Orte, verschiebe die Zeit. Unterwegs zu sein heilt die oberflächlichen Leiden. Ein Tag in Bewegung ersetzt ein Jahr der Bewegungslosigkeit. Setz dich in einen Zug und laß dich rollen. Nauen ist nicht verkehrt, kein Ort ist verkehrt. Manche reden über Orte und Menschen, die sie nicht kennen. Man benimmt sich der Erfahrung, siegt die Voreingenommenheit. Munter hinein ins volle Leben, der Orte sind viele. Sternförmig laufen die Bahnen aus Berlin in die Richtungen des weiten Außerhalb. Man kann nichts verkehrt machen, muß nur eine wählen. Nun ist es Nacht, doch ich habe die Reise noch in mir. Nauen. Von dort sind es zehn Kilometer bis Ribbeck. Im Stadtpark von Nauen fühlte ich mich verloren, ganz plötzlich, und fremd dieser Welt. Nicht weit von der Kirche saß ein Mädchen auf einer Parkbank und zeichnete in ein Skizzenbuch. Das gab den Trost.
Wicküler
Die tätigen Tage sind angefüllt mit Verrichtungen, man kommt kaum zum Nachdenken und gerät nicht ins Grübeln. Die Blumenerde wird angereichert mit dem getrockneten Kaffeesatz der letzen Monate, die Topfpflanzen werden umgetopft, der Hinterhofgarten gefegt. Die Spatzen kommentieren das Geschehen, die fetten Tauben sind fort, ein Star war da. Himmelsblau über uns, ein Wind geht leise. Leichte Einkäufe, kurz ins Café. Zurück nach Hause, wo die Negativität keine Chance bekommt, sie niemals hatte. Die Bücher nicken leise, Lessing lächelt.
Geisterhaftes Nachwehen
Manchmal noch durchzuckt es mich: Darf ich hier überhaupt hinein? Oder kurz vor Betreten der Untergrundstation: Habe ich mein Testergebnis dabei? Wo ist die Maske? Dann fällt das ab, dann laufe ich weiter, gehe meiner Wege. Jetzt reden sie von politischer Aufarbeitung – ja, mögen sie das tun. Es wird wichtig sein, solches zu versuchen: damit es sich nicht wiederholt. Nicht noch einmal möchte ich das erleben. Beim Spazierengehen erinnerte ich mich an kognitive Dissonanz. In die geriet ich dauernd, man kann das nachlesen, ich lösche nichts. Ich erinnere mich an die Menschensortierung nach den G-Kriterien, angeblich logisch und wissenschaftlich abgesichert, sonstwo ausgeheckt, ich nannte sie faschistisch, denn ich habe in Schule und Studium und Leben aufgepaßt und lasse mich nicht aussortieren, ohne mich zu wehren. Betreten schauen sie nun alle, die sich nicht gewehrt haben. Was kann ich dafür. Ich kann mich nicht für sie wehren, das müssen sie zukünftig selbst hinbekommen. Deshalb lernt man doch. Dafür ist das Leben da, gleich neben dem Tod.
Trotzdem noch pünktlich
Die Bahn fuhr nicht bis zur Endstation. Ich hatte das nicht bemerkt, blieb im Wagen sitzen, landete zuckelnd und ruckelnd auf dem Abstellgleis zwischen den Stationen mit Blick auf wilde Birken. Der Fahrzeugführer kam vorüber, war auf dem Weg zum hinteren Ende des Zuges. Ich klopfte an die Scheibe. Er öffnete von außen das Kippfenster, ich berichtete von meinem Malheur, und er sagte freundlich: „Ich fahre in fünf Minuten wieder zurück, dann können Sie aussteigen und den nächsten Zug auf dem gegenüberliegenden Gleis nehmen.“ Ich dankte ihm und wartete. Schließlich fuhren wir los. Für mich, ich war der einzige Fahrgast, kam die Durchsage: „Weiterfahrt nach Wannsee vom gegenüberliegenden Gleis.“ Als die Türen aufsprangen, ging ich zum Fahrzeugführer und bedankte mich noch einmal. Er sagte, er habe dem Fahrzeugführer der entgegenkommenden S-Bahn, die ich soeben knapp verpaßt hatte, mitgeteilt, daß er warten solle. Es tue ihm leid, daß der Anschluß nicht geklappt habe. „Das ist kein Problem“, sagte ich, “ gleich kommt ja schon die nächste. Ich schaffe meinen Termin. Haben Sie vielen Dank und einen schönen Tag.“ Er lächelte, und wir verabschiedeten uns.
Verspätet zum Geburtstag eines, wie man sagt, stilbildenen Musikers 2
Verspätet zum Geburtstag eines, wie man sagt, stilbildenen Musikers 1
Perspektive
Soll man sich denn schadlos halten in der Welt, nichts anbrennen lassen und hoffen, daß einem niemand von hinten einen Stein ins Kreuz wirft? Das wäre der Weg des Hobbits. Die Deutschen waren oder lebten wie Hobbits, doch jetzt sollen sie erneut aufs Schlachtroß und Lanzen tragen. Das verdutzt und erschreckt sie, damit war für sie nicht zu rechnen. Wir ersparen uns die Namen der Länder und Akteure. Eines sei angemerkt, es gilt für alles: Wenn man etwas tut, sollte man es können. Wenn man es nicht kann, soll man es lassen, darf aber üben. Zeige nicht, auf wessen Seite du bist, während du dich stärkst. Halte Frieden und bewahre ihn, denn der Krieg wird fürchterlich. Verbinde beides: stärke dich und sorge dafür, daß du deine Stärke nicht einsetzen mußt. Sei lauter in deinen Bekundungen, halte ein, was du versprichst. Sprich niemals mit gespaltener Zunge. Jedermann erkennt die Schlange und ist gewarnt. Vermeide Parolen, sie sind das Billigste und verführen zu Dummheiten. Nichts (wenig) ist einfach, es scheint nur so.
Wellen und Wirbel statt Absturz und Niedergang
Wie feindlich sich die Artgenossen sein können, erkennt man nicht erst, wenn die Güter, derer sie bedürfen, knapp werden. Bereits im satten Frieden bei Vollversorgung intrigieren sie. Aus Neugier, aus Übermut, aus Langeweile. Irgendwer muß draußen stehen, damit die anderen bemerken, daß sie innen stehen, geschützt einstweilen und sicher. Geschafft. Vorsicht vor der nächsten Aussonderung. Stets ist irgendwer nicht richtig genug und mißfällt irgendeiner einstweilen zur Herrschaft gebrachten Auffassung. Allerdings stürzen ständig die Throne, so daß niemand voraussehen kann, was in zwei Jahren oder nur Monaten als passend empfunden und anerkannt sein wird. Der Klimawandel ist in alle Munde gebracht, nicht jedoch der rasante Wandel der Werte. Die Pandemiekrise zeigt, wie sogenannte Gewißheiten wegschnurzen. Ich bin den Dekadenztheorien gegenüber nicht sonderlich aufgeschlossen, da sie teleologisch argumentieren. Taoistisch verstehe ich die Vorgänge besser.