An meiner Erziehung sind alle gescheitert. Die Unvernunft treibt sonstwohin. Ich erwarte neue Ziele, also fremde Häfen, also Orte, also Menschen, also Ideen, also Leben. Licht und Himmel, Mond und Nacht, Katzen und Eulen. Wie hübsch gleichgültig mich die sogenannten Probleme lassen, die ich vor einer Woche oder drei Monaten noch als schwerwichtig nahm. Nach der Krise ist vor der Krise, bemerkte jemand halbwegs treffend. Meine Ideen für das Ganze gehen dahin, daß etwas ganz und gar Unerwartetes geschieht, das mit einem Schwung die Verhältnisse dahin ändert, daß anschließend niemand mehr verstehen kann, was wir bis dahin gedacht und getan haben. Es wird besser, nicht schlechter. Mit allen uns bekannten Parteien hat das nichts zu tun, sie stehen abseits und sehen ebenfalls zu, staunen sich was zurecht. Ich weiß schon, daß es auch schlimm kommen kann. Aber ich glaube es nicht. Das läge zu sehr in bekannter Logik.
Allgemein
Wie mit einem Kind
Manche nennen es Entwicklung, ich nenne es Quälerei. Bis man endlich zu sich kommt. Vorher soll man sich noch finden. Großer Gott, wen denn, was denn, wo denn, wie denn. Bin ich denn zu mir gekommen, habe ich mich finden können im Wartesaaldauersitzprogramm, in der Beschleunigungszentrifuge, in der labyrinthischen Versuchsanordnung namens Leben? Ich laufe weiter. Bin ich bei mir – ich hoffe. Habe ich zu mir gefunden – sicher, sicher. Der Tag serviert Gewißheiten, die Nacht macht schwanken. Ich bleibe nicht lange mehr auf. Schon erlischt die Kerze. Noch einen Schluck vom nassen Wasser, dann ab ins Bett zur Traumfahrt.
Jahrgang 1942
Nicht jemand anderes
Wohin man sieht – Konkurrenz. Konkurrenz der Meinungen, Konkurrenz bei der Partner- und der Wohnungswahl, der Jobsuche, Konkurrenz nach Maßgaben der sogenannten Aufmerksamkeitsökonomie, Konkurrenz im Streben nach Anerkennung und dem Erlangen der Ruhmesehre. Konkurrenz um die zahlreichen Bundesverdienstkreuze, Konkurrenz bei der Oscar-Verleihung oder der Goldenen Himbeere. Konkurrenz beim Drängeln um die Schnäppchenhäppchen. Irgendwer steht einem immer im Weg, wenn man kompetitiv unterwegs ist, sich also messen und vergleichen möchte oder muß. Man soll es sportlich nehmen und fair play spielen, andererseits scheint das Foulspiel zu lohnen, die Intrige zum schnelleren Erfolg führen. Nicht überall wacht ein Schiedsrichter darüber, daß Regeln eingehalten werden. Strebt man seinerseits nicht auf die Allgemeinplätze des Erfolgs, ist man mit einem Mal fast ohne Konkurrenz und kann wachsen und in Ruhe reifen. Das ist der Sinn des Rückzugs und des Entschlusses, ernsthaft eigene Wege zu gehen. Solche Wege führen weit hinaus aus dem Zirkus.
Den guten Sinn suchen und bemerken
Es kann ein Mensch nicht einen anderen Menschen retten, hätte ich sicherheitshalber gesagt, um einschränkend zu ergänzen: es sei denn, jemand läßt sich retten und vermag jener Hilfe zu bedürfen. Nun ist Rettung ein recht pompöses Wort, es führt an den Rand der Todeszone, gleichsam ins Absolute. Leben oder sterben, welcherart der Tod auch sein mag. Siechtum des Körpers, ein Ersterben der Seele, der spirituelle Tod. Rettung heißt Heilung, Heilung bedeutet Rettung. Wie wundgeritten hat uns das Leben, daß wir derart heilsbedürftig sind. Ich benutze vorsichtshalber ein Wir. Daß uns Gewalt angetan wird, weil Menschen einander quälen und piesacken und zu ihrem Vorteil auszubeuten trachten, ist unumstritten. So müßten sie aber auch das Gegenteil können: sich unterstützen, einander helfen, einander bedenken. Achte im Gegenüber dich selbst in anderer Gestalt. Man kann sich auch gleichgültig sein, insbesondere sich selbst. Empfehlen läßt dich das kaum. Gehen wir doch davon aus, daß wir nicht zufällig hier sind und einander nicht zufällig begegnen und begleiten.
Krieg ist der blutige Spucknapf der Bilder
Wie bekommt man ein komplexes Geschehen in die Box? Halt die Kamera drauf! sagen manche oder tun es. Das ergibt Material, das anschließend zusammenmontiert und mit einem Sprecherkommentar versehen wird. Und ab damit in die Redaktion, die versendet es an den Sender, der dafür bezahlt. Das ergibt eines der unzähligen Bilder und Bildfolgen dieser Welt, vierundzwanzig Bilder pro Sekunde Wahrheit, wie Godard gesagt haben soll und es so nicht gemeint haben kann, es sei denn, jemand wäre ein sehr guter Zuschauer und könnte in dem, was gezeigt wird, zugleich erkennen, was nicht gezeigt ist. Ich stelle mir vor, ich müßte an einen Kriegsort reisen und von dort bewegte Bilder liefern, käme irgendwo an, und schon rasselten die Sprengkörper von Himmel herunter, und ich filmte oder ließe filmen, wie das aussieht – während es geschieht und was anschließend zu sehen ist, wenn die Folgen des Einschlags oder Angriffs sichtbar wären. Ja, was denkt man sich denn, was da zu sehen sein wird? Nun erst ist es wahr, nachdem es zunächst nur war?
When the Music’s Over
Stundenlanges Kreisen des Überwachungshubschrauers im Luftraum über der 1.-Mai-Demonstration zwischen Hermannplatz und Südkreuz, Geräusche wie die eines nervösen Insekts, eines dieser fetten Fliegenbrummer, die zwar den Weg in das Zimmer gefunden haben, jedoch nicht den Rückweg anzutreten vermögen, offenbar ein Orientierungsproblem, und deshalb endlos herumlärmen, so laut sind ihre sirrenden Flügel, und man kann, derart belästigt, den Schlaf nicht mehr finden und beschließt also aufzustehen und alle Fenster weit zu öffnen oder eine Zeitung zu greifen und den Eindringling zu erschlagen. Wie still es anschließend ist.
Ehrensache
Wenn die Sonne scheint
Es war nun auch so, daß man Lust hatte zu leben und das Winterzänkische hinter sich lassen mochte. Niemand erinnerte sich auf die Buchstaben genau daran. Wichtig war, daß es vorbei war. Die Hoffnung lautete auf Sorglosigkeit, ein utopisches Moment. Nicht einmal den ganz Jungen war sie zugänglich. Sie waren umfangen von schlechten Aussichten, ich nenne sie die Wetterkinder.
Nie mehr landen
Die Filmmusik macht auf Spannung und türmt auf Erregung. Da ich ein Kind des guten Trotzes bin, schalte ich um auf Entspannung und schaue analytisch. Mit ein wenig läßt sich viel erreichen, das beweist mir der Film. Ich nehme das als Lehre fürs Leben und schalte meine Gänge fortan selbst. Ich liebe Geschwindigkeit, ich liebe Stillstand. Ich mag es, wenn ein Flugzeug die Turbinen hochjagt und deren gesamte Kraft auf den Startvorgang richtet. Der schwere Vogel soll in die Lüfte. Langsam rollen wir an, beschleunigen in einem Affenzahn und reißen endlich die Ruder um. Schon schweben wir los, steilan Richtung Wolken, Himmelsblau, Endlosigkeit. Der Schub drückt einen in den Sitz. Siehst du, das ist technische Macht, die auf Geist beruht.