Schwermut überfällt mich, gedenke ich der Schulzeit. Dieser Kampf ums Überleben, ohne daß jemand starb. Innerlich vermutlich manches, äußerlich trotzte sich der Körper durch und gab sich sogar lässig. Im Haifischbecken schwimmen lernen, Grundausbildung Gesellschaft. Wie man wird, der man ist. Siehe da, doch noch ein Mensch. Versunken in nachträglichen Erwägungen sehe ich den Karpfen im Karpfenteich zu, wie sie ihre Rolle im Karpfenleben ausfüllen. Man muß gefräßig und fett werden, so viel ist klar.
Allgemein
Zugänge
Man empfahl mir Vitamin D, als ich zu erklären versuchte, wie es um mich steht, letzter Tage. (Jetzt ist besser.) Früher, vor Jahrhunderten, hätte man mir Gebete empfohlen und eine Rückkehr in den Glauben.
Dumpf
Während dieser Bahnfahrten, die ich zu absolvieren habe, frage ich mich ernsthaft, ob die Leute, denen ich begegne, flüchtig und unwissend, nicht einen Schlag vor den Kopf bekommen haben, und ich einen vor den meinen. Wie unwirklich wir uns bewegen, wie wenig das zu tun haben kann mit etwas, das sich Leben nennt. Und was brabbeln wir denn da, wenn wir den Mund auftun. Dafür können wir nicht geboren sein. Immerhin sind jetzt, anders als noch vor Jahren, die Leute wieder froh, wenn man sich traut, sie nach etwas zu fragen. Nach dem Weg, der Uhrzeit, der nächsten Haltestelle oder dem Grund der überlangen Verweildauer in diesem Bahnhof. Vermutlich hat sich jemand vor den Zug geworfen, das geschieht hier oft.
Zäsur
Das Freudenfest der Befreiung und des Lebens, von dem der alte Italiener sprach, als er sich ausmalte, wie es sein würde in zwei oder drei Jahren, wenn die Pandemie vorüber wäre, ist ausgeblieben. Wir sind nicht zurück ins Leben gekehrt. Manche tragen noch immer Atemschutzmasken. Vielmehr ist auf die bestehende und vergehende eine neue Krisenlast gelegt worden, und auf diese wieder eine andere. So keuchen wir hier herum in böser Vorahnung, daß es uns bald noch schlimmer erwischen kann und das Unheil vorerst endgültig über uns zusammenschlägt, wie es das jetzt bereits woanders tut. Deshalb gurgeln wir herum und geben merkwürdige Geräusche von uns und sind anzutreffen in unseren Verstecken und fauchen wie die Eidechsen, wenn uns jemand aufspürt und fragt, ob es nicht gut sei, unter die Sonne zu treten als freier Mensch und den Sinnen Auslauf zu gewähren und auch das Denken zu entriegeln und ein paar schöne Sätze zu formulieren, die ausnahmsweise einmal nicht dazu dienen, irgendwen zu diffamieren. Der Frühling soll das jetzt leisten. Er wird einiges leisten, dessen bin ich gewiß. Es wird Unerwartetes geschehen. Die Pest verändert alles, selbst wenn sie keine Pest war. Die Zeitenwende ist längst eingetreten, aber sie ist eine andere, als Politiker sie sich vorzustellen oder zu beabsichtigen vermögen.
Echte und eitle Bescheidenheit
Den Satz „Ich weiß, daß ich nichts weiß“ empfand ich stets als frivolen Scherz eines koketten Philosophen, der sich in eitler Bescheidenheit darzustellen gefällt. Natürlich versteht jeder die Bedeutung dieses Paradoxons, doch kurz darauf, kurz nachdem der Groschen gefallen ist, macht ja doch jeder wieder, was er sonst so tut, nämlich so zu tun, als wisse man, und das mit gar nicht unwahrscheinlichem Erfolg. Nichts zu wissen ist erbärmlich, nicht zu wissen eine Ehrbekundung. Jemand gibt sich die Ehre und gönnt sich das Vergnügen, andere und Wissendere zu hören und vortragen zu lassen. Allzuoft wissen wir tatsächlich wenig, doch nicht ist nicht nichts. Wie hätte der Satz demnach geklungen, rhetorisch abgerüstet? Ich weiß, daß ich sehr wenig weiß. Aus dem Munde eines Wissenden wäre das eine ermutigende Aussage.
Schönes Scheitern
Hundert Jahre Einsamkeit oder Das Herz ist ein einsamer Jäger. Wunderschöne Buchtitel. Viel schöner als Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, wenngleich auch der sehr schön ist. Ich mag offenbar die poetische Einsamkeit. Sie ist Voraussetzung für so vieles. Soll ich aufzählen, wofür? Für die Stille als Wortlosigkeit. Für die Wege durch das, was wir die Natur nennen. Für die Verzweiflung auch, die an uns rütteln muß wie der Sturm an einer alten Scheune. Für die Nacht und ihre leisen Geschenke. Wunderschön ist ein zu Unrecht als abgegriffen empfundenes Werturteil. Schön wie ein Wunder, sofern denn Wunder schön sein müssen. Ist ein häßliches Wunder denkbar? Das Schöne sei das Wahre, wenngleich das Wahre nicht schön sein muß. Mit der Wahrheit soll man vorsichtig Umgang pflegen. Als Mensch darf man sich ihr nähern, tritt man zu nahe heran, geht man in Flammen auf.
Der notwendige Verrat der Worte
Am liebsten wäre mir, wir würden einander sehen und erkennen, ohne daß Worte dazwischen geräten. Worte zerwürfeln alles und machen allgemein. Oft schäme ich mich der Worte, die ich veranstalten muß, da man das tut, weil es erwartet und das nackte Schweigen sofort als Bedrohung empfunden wird.
Ungeduld und Geduld umarmen sich und tanzen auf der Straße
Meistens durchlaufe ich eine Situation recht schnell – sie besteht aus Ankunft und Begrüßung, der Verweildauer des Austauschs, dem Abschied. Wenn die momentane Ruhelosigkeit es gestattet, bleibe ich länger und widme mich. Früher konnte ich das besser, sie (die widmende Aufmerksamkeit) fiel mir leichter. Menschen interessieren mich, ich erforsche sie, ich mag sie. Ich weiß, daß sie aus Schichten bestehen und aus Redeweisen und eingeübten Sätzen, deren Verfallszeit auszuprobieren ist, schließlich möchten wir allesamt verstanden werden, allerdings nicht von jedem und erst recht nicht jederzeit. Ankunft und Begrüßung sind wichtig, es gibt die ersten Signale. Den Austausch bestimmen die Anwesenden, sie sollten aufgelegt sein zu solchem Tauschhandel der Sätze, Meinungen, Empfindungen. Vielleicht entsteht eine erste Melodie, der Ansatz eines Themas. So geht das dann weiter, und wenn es schön ist, mag ich gar nicht mehr gehen. Aber draußen ruft die Straße, was nur ein Bild ist dafür, daß die Ruhelosigkeit erneut dominiert und abgelaufen werden will, Meter für Meter. So beruhigt sich das Herz, so bekommen die Sinne neue Nahrung.
Unterwegs sein ist kein Heimatabend
Es wird mir schnell zu eng in Räumen. Eine weitere Überempfindlichkeit. Es wird mir schnell zu viel mit Menschen, die auf mich einsprechen. Ich kann mich dann schlecht wehren, schließlich möchte ich doch zuhören und Anteil nehmen. Ich halte es schwer aus in Wohnungen, mich verlangt nach Ausgang und Freigang. Wo es schön ist, da mag ich sein. Wirklich schön ist es selten. Das wußte ich bereits sehr früh, schon als kleines Kind.
Regelmäßig unregelmäßig. Seltsame Gäste
Was ist das denn mit diesen Traurigkeiten, wo kommen die her, wer schickt die? Sind sie nötig, brauche ich die? Und sind sie wieder gegangen, sieht man ihnen nach wie seltsamen Gästen. Meist haben sie etwas liegen gelassen, ein Wäschestück, eine Zahnpastatube. So räumt man hinter ihnen her, behält die Tube als Erinnerungsstück und stellt sie in den Wandschrank, eiserne Reserve. Es lohnt nicht, ihnen Sachen nachzuschicken, ich habe auch keine Adresse.