Nicht eilig irgendwohin. Der Erdball ist mir ungeheuer groß. Wo ist das andere Ende der Welt. Daß die Sternenhimmel unterschiedlich sind, daß die Sonne auf der Südhalbkugel zur Mittagszeit im Norden steht. Das muß einen doch erstaunen, obgleich man es weiß. Die Welt ist ein Dorf, sagten allwissende Playboys, Investoren und andere aus der beneideten Jetset-Liga. „Silvester auf Tahiti, Heiligabend auf Hawaii“ (Ideal, Monotonie). Shoppen in New York, heute hin, übermorgen zurück. Weil wir es können. Luxus ist geil. Süß sind die Belege für eine Jetset-Klasse auf der Wikipedia, Paris Hilton ist genannt, ebenso Bill Gates. Wer sind diese Leute, gehen sie mich etwas an. Die versuchen irgendwie klarzukommen, nehme ich an. Es bleibt das Wunder der Entfernungen.
Allgemein
Erziehungsdiktatorischer Impetus
Wenn ich „idealistische Narren“ schreibe, meine ich das ebenso liebevoll wie auch spöttisch. Ich selbst bin Sproß einer idealistischen Linie und auf Werte verpflichtet, die sich nicht in Summen darstellen lassen. Ein Großvater warnte mich vor „brutalem Materialismus“, der andere machte eine wegwerfende Handbewegung, wenn von Kaufleuten oder Funktionären die Rede war. Es war besser, arm und ehrlich zu sein als sündhaft und reich. Niemand in unserer Familie hatte je viel Geld oder verfügte über ansehnliche Machtmittel. Die idealistische Schule hält auf hohe und verbindliche Werte und unterwirft das eigene Streben dem übergeordneten Ziel. Idealisten werden überall benötigt, wo es gilt, weltanschauliches Denken mit einem Handeln in der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen, auch inmitten einer materialistischen Welt. Der Idealist bewertet die Wirklichkeit nach Maßgabe seiner Ideale. Genügt sie ihm nicht, versucht er nachzubessern. Sie hat sich vor seinem strengen Auge ständig zu bewähren. Im schlimmsten Fall gerät die Wirklichkeit auf die Streckbank. Der Idealist ist Pädagoge oder Pfarrer. Die Wirklichkeit, das sind Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben. Daß auch der Historische Materialismus eine idealistische Idee ist, leuchtet ein.
Katzen
Idealistische Narren wollen den öffentlichen Raum beatmen und hauchen Parolen hinein. Die zerplatzen wie Seifenblasen. Waren sie noch nicht gut genug? Vielleicht gebührt ihnen eine zweite, eine dritte Chance. Ideen sterben spät. Sie erweisen sich haltbarer als diejenigen, die sie vertreten und von sich annehmen, sie seien im Besitz einer richtigen und guten Idee. Es verhält sich vielmehr umgekehrt: Ideen sind Katzen, die sich eine menschliche Familie halten, die daran glaubt, daß sie sich eine Katze hält.
Fünfhundertfünfzig Jahre
„Die, die wir bezwingen wollen, müssen wir zunächst verwirren“, sagt Caterina Sforza in der Serie, die mich Machtverhältnisse neuerlich bedenken läßt. Die Herrschaftstechniken sind alt und bewährt, wir geben ihnen lediglich neue Namen. Das gilt für sämtliche sogenannte Wahrheiten – sie müssen aktualisiert werden. Sonst sterben sie wie Götter. Götter sind Wahrheiten, man weiß das und fürchtet sie deshalb.
Löcher stopfen
Bewundernswert das Vermögen irgendwelcher Mächtigen und Schicksalsträchtigen, daß sie die Menschenströmung aufzuteilen und Einleitungen, Ausleitungen und Umleitungen zu organisieren verstehen. Mit Ja-Nein-Antwortfallen könnte das gröbstens vorsortiert sein, eine x-beliebige Herrschaftstechnik, und siehe nur: das Anschlußmotiv ist aktiviert. Die Menschen wollen sich zugehörig fühlen, gruppenhaft beeinander stehen und gerechtfertigt sein durch gefühlte Zahlenmehrheit. So geht es denn weiter, denn stets muß die Spreu vom Weizen getrennt werden, dann hat man welche, mit denen zu arbeiten sein mag, natürlich und ganz im Sinne des Besten, in Rufnähe der scheinbar Mächtigen, deren Grund- und Bodenlosigkeit niemand vernimmt, es sei denn, man hätte tiefe und reiche Phantasie. Leonard Cohen nannte einen Gedichtband Blumen für Hitler.
Penetration
Propaganda ist die reine Behauptung. Daß es so sei und nicht anders. Doch man wird es bewahrheiten müssen. Dafür wird erneut Propaganda eingesetzt. Propaganda ist der Freund, die anderen sind der Feind – sie sind böse, verrucht, abartig, vernichtenswert. Propaganda ist Verstärkung. Demnach die Verstärkung von Verstärkung, bis die Ohren dröhnen und das Bewußtsein kapituliert. Längst sirren die Sinne im Sinuston. Und dann noch eins drauf. Wer sich auf diesen (einen von mehreren) Propagandatönen spezialisiert (durch Erfahrung), erkennt das Sirren aufs erste Signal. Andere erschrecken sich und gehen wie gewünscht in Deckung. Propaganda kann sonstwen durch sonstwas in Aufregung versetzen. Ich las mit fünfzehn Goebbels-Reden, um zu verstehen.
Lucrezia Borgia
Sie spürt das Recht ihres Körpers, das ihr niemand gewährt. Stattdessen nur wieder Politik und Schicklichkeit und Botmäßigkeit, diese ewig lange Girlande irrwitzigen Verneinens. Für ein Höheres, Schlaueres, Geschickteres. Man wird sterben müssen darüber, und sie werden ihre trüben Tränen weinen wie stets.
Firlefanz in Tolstefanz
Das Denken will voran, es kann sich niemals begnügen. Die Steine und die Münzen werden umgedreht. Man beißt darauf oder schluckt sie herunter. Die Gebete werden geprüft, die Gedichte nachgesprochen. Nur um sie zu spüren, um eine Ahnung zu bekommen, was mit Inbrunst einst gelungen ist oder gelingen sollte: eine Vermählung mit dem Sein: luftiges Wort. Existenz: trockener. Man braucht Wasser, um es hinunterzuspülen, Wein wäre besser. Wir sind fliegende Fische, wir schnappen nach Luft in Gewässern der Zukunft. Das Gefühl weiß mehr, doch es läßt sich manövrieren. Das Stammeln des Nachts ist die Beschäftigung suchenden Geistes. Immerhin ist wer unterwegs. In den Gewässern treiben die Toten. Schwarz scheint die Tiefe des Wassers dem Betrachter.
In der Strömung
Jemand sagte einmal, man müßte leben, als gäbe es einen Gott; das wäre allemal besser, als so zu leben, als gäbe es keinen. Mir leuchtet das ein. Ich lebe sogar so, als gäbe es ein Schicksal. Anders kann ich mir meine Geduld nicht erklären, weder mein Handeln noch mein Nichthandeln.
Drei Punkte
Man schweigt darüber. Niemand weiß was. Selbst wenn jemand was wüßte, würde es nicht bekannt. Die Leute zuckten mit den Achseln, tuschelten kurz, gingen dann weiter. Nein, existiert nicht. Schließlich ist es verboten, wie könnte es da existieren. Später einmal mag es existiert haben, doch später ist nicht jetzt.