Erfrischender Landregen. Die Natur ist musikalisch, die Blätter glänzen. Die Grashalme biegen sich unter der Last der Tropfen. Eine Taube ruft ihr Taubenrufen, stoßweise immer dieselbe Tonfolge. Was hätte ich zu rufen, müßte ich meine Menschenrufe rufen. Es ist gut, daß es regnet, würde ich rufen. Es ist gut, daß es regnet. Ein Satz aus der Kindheit kommt herbei: Regen bringt Segen. Das Dorfkind in mir ist nicht gestorben. Allerdings wollte ich lieber spielen, als Bauernarbeit zu verrichten. Dauernd gab es Arbeit, da kam das Spiel zu kurz.
Allgemein
Höhe gewinnen und wieder verlieren
Gefragt, ob ich, wenn ich die Wahl hätte, mich entscheiden würde für das Fliegen, das Teleportieren oder die Gabe, durch Wände sehen und hören zu können, entschied ich mich für das Fliegen. Es ist widrig, alles sehen und hören zu können; es ist furchterregend, plötzlich (übergangslos) an neuem Ort zu stehen. Einzig das Fliegen könnte mir gefallen. Ich habe bereits zaghaft davon geträumt. Fünfzig Zentimeter, also knapp über dem Erdboden, flog ich zum Nachbarhof und wieder zurück, in der alten Heimat. (Den Brüdern führte ich das vor, sie zeigten sich wenig beeindruckt.) Fliegen ist nicht allzu schwer, es läßt sich lernen.
Auswirkt
Die Freude kehrt langsam, fast zögernd in mich zurück. Ich habe mir schon nichts mehr zugetraut, konnte mich selbst schwer ertragen. Daß man noch mit mir spricht, nahm ich als gutes Zeichen. Unendlich tröstlich, daß man mich klagen ließ und geduldig sogar zuhörte. Ich bin dankbar. Die untrüglichen Zeichen der Natur sagen, daß das Leben erneut aufsteigt. Wieviel von diesem Schwung ich mitnehmen kann, wie man so sagt, wird sich zeigen. Einstweilen ist mir, als sähe ich anders als zuvor auf die Wirklichkeitswelt. In mir geschieht etwas, das sich auswirkt. Was ist dieses Etwas? Ist es körperlich, ist es zeitlich, handelt es vom Alter? Ich muß das nicht fragen, es versteht sich, wie man so sagt, von selbst. Doch wie äußert es sich, wie verändern sich Wahrnehmung, Gefühl, Denken? Ich habe noch gar keine Antwort. Hätte ich sie, könnte ich die Phase überspringen. Niemand überspringt hier irgendwen oder irgendwas. Eines nach dem anderen, wir haben Zeit. Daß es eilig ist, denken nur die Eiligen.
Was in ihm steckt
Im friedlichen (täusch dich nicht) Zehlendorf strebt ein Mann mittleren Alters Richtung S-Bahnstation, macht plötzlich einen Ausfallschritt nach rechts und tritt mit voller Wucht auf ein angekettetes Fahrrad, zielt genau auf den Rahmen und trifft zwischen Tretlager und Sattel. Es gibt ein Geräusch dazu, und der erzürnte Mann läßt sich vernehmen mit: „Blödes Arschloch.“ Großschrittig geht er weiter, verschwindet im Tunnel unter den Gleisen, wirkt nicht (ich sehe ihm nach), als sei die Wut mit diesem Tritt bereits abgeleitet. Vielleicht findet er noch einen unschuldigen Papierkorb (Blecheimer) oder einen armen Kaugummi-Automaten, der seine destruktive Energie aufnehmen kann. (Das Wort Gegenstand beschäftigt mich seit Wochen.) Es kam plötzlich, doch an seinen Schritten hätte ich vorzeitig erkennen können, daß gleich etwas geschieht. Auch an seinem Blick – der ging starr geradeaus und glühte vor Haß.
Von hier nach dort
Die besten persönlichen Krisen schneiden tief in den inneren Bestand und scheinen das Bewußtsein zu lähmen. Es gibt für sie anfangs keine Wörter, dafür reichlich wirre und einander widerstreitende Gefühle. Daß etwas zuende geht, spricht sich im eigenen Körper herum, doch das Neue ist noch nicht in Reichweite oder Sicht. Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Leid. Die Wirklichkeit wiegt tonnenschwer. Die Wolkendecke drückt. Alle Wege sind nun mühsam. Wie tröstlich, daß man klagen darf. Niemand sucht sich seine Krise, die Krise sucht uns. Daß sie etwas zu bedeuten hat, ist gewiß. Daß sie zudem sinnvoll ist, sei vorausgesetzt. Ich führe meine Krise durch die Tage und Wochen dieses erblühenden Frühlings und zeige ihr meine bisherige Welt. Vielleicht sollte ich ihr die Führung anvertrauen.
Traumfängerin
Träume. Den letzten Traum wollte ich mir merken. Einige Augenblicke im Liegen konnte ich ihn noch festhalten, dann entschwand er – und kehrt nicht zurück. Ich denke an die Medizinstudentin, die mir während einer Autofahrt, ich saß auf der Rückbank, sie vorn neben ihrem Freund auf dem Beifahrersitz, erklärte, Träume seien lediglich Resultat einer Über- beziehungsweise Fehlfunktion des Gehirns. Damals diskutierte ich noch gern und widersprach.
Später etwas mehr
Endlich ist es gut. Nachtschlafenszeit. Ich habe Gedanken spazieren geführt wie treue Hunde. Andererseits weiß ich, daß sie ausbüchsen werden bei nächster Gelegenheit. Gedanken gehören einem nicht, ebenso wenig wie Menschen. Eines Tages sieht man das ein. Es ist leicht zu verstehen. Ist es verstanden, sieht die Welt anders aus. Viel zu lange wollten oder wollen wir Kontrolle ausüben, um über sie Sicherheit zu verspüren. Jemand bewacht den Schlaf seiner Geliebten, dann hört er, daß sie einen Namen sagt im Traum, und er denkt sich sonstwas. Jemand überwacht die Wege des Geliebten, um zu forschen, ob er nicht woanders noch Freude findet. Solche Grotesken bestimmen die Verhältnisse unserer Liebenden. Das mag rührend sein, nur führt es in die Irre. Kontrolle ist ein Zeichen der Angst. Angst produziert Verluste. Es ist nicht gut, wenn wir aus Schuldgefühlen einander verbunden sind. Der Weg der Liebenden ist endlos, ich kürze hier ab, denn ich bin müde. Man muß durch all diese Irritationen hindurch, voll der Sehnsucht, und gerät erneut in sogenannte Mysterien.
Überunterzwischendurch
Übermut tut selten gut, weiß der Volksmund. Mir ist des öfteren nach Übermut. So gerate ich ins Spiel der Möglichkeiten. Ich war früher Fußballer, ich verstehe mich auf Psychologie. Man soll nicht dauerhaft unter seinen Möglichkeiten bleiben. Wir werden wieder aufsteigen, sagen die Absteiger. Gut gesprochen. Ich freue mich auf die neue Saison. Gewähren wir der letzten Kälte einige Tage, anschließend spielen wir neu.
Dreieinhalb gute Alben
Sehr schön und herzrührend hat Judith Hermann 1999 über Keimzeit geschrieben, ihre Eloge ist auf Zeit-Online im Archiv zu finden. Ich kenne die Band aus der Zeit nach der sogenannten Wende ( Frühjahr 1991), bin mit Keimzeit durch Dresden und Leipzig gelaufen, dank eines Walkman-Kassettenrekorders. Leipzig und Dresden klingen nach Keimzeit, und ich weiß auch noch, wem ich die Bekanntschaft verdanke: einer Assistentin der Fernsehproduktion, für die ich damals arbeitete, zunächst als Praktikant. Sie spielte Keimzeit in ihrem Auto, wir fuhren irgendwohin. Was ist das! wollte ich wissen. Keimzeit, kennste das nicht. Sie hieß Yvonne, ich erinnere mich. Das Kapitel Elf-Album war soeben erschienen. Ich hörte es die nächsten Tage und Wochen und Monate rauf und runter.