Gestern im Zug habe ich noch alles gewußt – was zu sagen und zu schreiben ist. Ich hätte mich setzen können wie zu einem Diktat. Die innere Stimme war fest, der Geist war klar. Während der Zugfahrt fanden die Gedanken zu mir oder ich zu ihnen. Ich verstand auch plötzlich die Zeit, in der wir leben. – Sofern man in Zeit leben kann. – Schlagartig, sagt man. Mit einem Mal: einem Blick aus dem Fenster auf die Straßen und Häuser unter dem schwarzen Himmel; einem Atemzug in der Waggonluft der Schnellbahn; einem Seufzer angesichts der Gestalten, die sich durchbettelten. Das Wissen, was ist und worum es sich handelt, wurde noch gesteigert, als ich ausstieg und zur Wohnung lief. Sätze fielen ein. Ich genoß die eigenen Gedanken, wenngleich zu fragen ist, ob sie einem gehören können. Zuhause sah ich ein Handballspiel, das sie heute, am Tag danach, einen Handballkrimi nennen, da es bis zum Schluß spannend blieb. Es war ein Fehler, mich nicht zum inneren Diktat gesetzt zu haben und stattdessen den anderen beim Ernst ihres Spiels zuzusehen. Ich hätte mein eigenes Spiel spielen sollen, voller Ernst und Heiterkeit. Ja, die Sätze waren wirklich gut, und ich sah die Wirklichkeit aus angemessener Höhe. Die Innenspannung war spürbar, doch ohne Überhitzung oder destruktiven Impuls. In vollkommener Ruhe hätte ich schreiben können, was hier tatsächlich los ist. – Jetzt kann ich diese Höhe nicht mehr erklettern. Jeder Tag ist neu. Dieser Tag hält andere Aufgaben und Möglichkeiten für mich bereit, andere Risiken auch. Ich kann mich gedulden. – Es waren nicht Augenblicke, möchte ich die Überschrift korrigieren. Es waren Atemgänge, falls solches Wort etwas zu bedeuten vermag.
Allgemein
Kristallklar
Geblendet von der funkelnden Schönheit dieses Wintertages. Dies ist meine Danksagung. Wie heißt dieses hohe Leben, das zu führen gestattet ist.
Eindringliches Fragen, Fahrten der Seele
Nachtaufnahme
Wüßten die Leute, wie verträumt ich bin, würden sie einen Bogen um mich machen. Daß ich so tue, als sei ich mittendrin und verstünde die Vorgänge, dient zu meiner Tarnung. Ich notiere das hier, damit es bestritten werden kann. Das sind Spiele des Geistes mit sich selbst, Spiegelungen. Man kommt auf dumme Ideen in langen Januarnächten, aufgetrubelt durch unverhofften Schneefall.
Endlich einschneien
Wenn ich mir etwas wünschen darf. Es soll schneien und schneien und weiter schneien. Ich möchte morgen früh durch vierzig Zentimeter Neuschnee stapfen auf dem Weg hinunter in die U-Bahn. Ich möchte zuhören, wie lärmgedämpft und mit einem Mal anständig ruhig und vorsichtig die Automobile durch die Straßen tasten. Es gibt gewiß eine Botschaft des Winters für uns. Seid langsam, seid bedächtig, seid bei euch. Klingt wie eine Predigt, schon amüsiert mich das. Mit Wörtern was zu machen, das ist fast so schön wie Flockenwirbel.
Ins Leise geschrien, damit niemand es hört
Leichter Schneefall, sagt das Wetterportal. Schon stapeln sich die Flocken zu einer Schneedecke, in der Fußabdrücke sichtbar sind. Man kann über Nacht einschneien, wenn auch nicht überall. Der Schnee erheitert mich, als sei ich ein Kind. Ich bin froh, daß ich hier lebe und nicht in der Südsee unterwegs bin oder an einem Traumstrand herumliegen muß mit bangem Blick eine schlanke Palme hinauf, ob von ihr die Kokosnuß abspringt, um mich zu erledigen. Da es Nacht ist und der Schnee fällt, denke ich an diejenigen, die mich erziehen oder ändern oder verbessern möchten. Sie sind Stimmen in mir; sie hemmen und beklemmen mich. Sollen wir nicht aufplatzen wie Samenkapseln, sollen wir nicht schütten wie Regen, sollen wir nicht ganz und gar sein.
Ich sehe den Zügen nach
Leichter Schneefall. Binnen Minuten ist alles weiß. Leise ist die Schneenacht im Januar. Die Tage sausen unbemerkt durch wie dunkle Güterzüge. Leben findet vermindert statt im Zustand einer bewußten Bewußtlosigkeit, was mich angeht. Auch die anderen umstehen das innere Feuer und wärmen sich. So zu tun, als seien wir hellwach, befänden uns im Vollbesitz der Kräfte und verfügten über sämtliche Mittel, mag aufmunternd wirken sollen. Es bewirkt das Gegenteil. Die Tage ziehen lassen mit ihrem Abtransport, in den Nächten das Geräusch fallender Schneeflocken. Als fielen die Geister aller Lebewesen, die je gelebt haben auf diesem Planeten, zu uns hernieder, und deshalb wäre mir, und nicht nur mir, jedesmal so feierlich zumut.
Kopf im Nacken
Man phantasiert sich hinein in die Welt der Superreichen, malt sich aus, wie sie leben. Als könnte man tauschen, wenn man nur wollte. Als wollte man tauschen, wenn man nur könnte. Napoleonisches Denken. Glück als Aufwand. Kleinmenschenwunsch nach Größe und Luxus. Endlich enthoben sein der Mühsal des täglichen Sinnens. Sieh doch das Materielle, es steht bereit. Die Verhältnisse geben uns recht, mein Schatz. Darauf ein Küßchen. So wird byzantinisch aufgetürmt, zeitgleich eisern gespart. Neid ist die Kanone des Irrsinns, sie feuert Salven auf die Habsucht. Eine Art Dialog, wenn auch ermüdend.
Gummihandschuhe
Sehe ich die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten zu den Bauernprotesten, verstehe ich die Bedeutung der Phrase, „Bälle flach halten“. Kommen eben mal ein paar Bauern und machen Streß auf unseren Straßen, fordern ihren Anteil an den Subventionen zurück, die das Gemeinwesen geschmeidig halten, und beschweren sich noch, wenn auch sie Einbußen erleiden müssen in Zeiten zahlloser Krisen. Das sind flache Bälle, die fliegen nicht weit. Höre ich dorthin, wo Leute jeweils vor Ort sind und ihre Handykameras betätigen, erhalte ich ein anderes Bild. Demnach steht das Land Kopf, und die Bauern tragen auf Treckern ein Erfahrungswissen nach Berlin, da es hier so augenscheinlich fehlt. Die SPD kann nicht mit Bauern, Die Grünen können nicht mit Bauern, die FDP will es nun probieren. Fast möchte man lachen. Wären denn die Bauern mit einem Mal freie Unternehmer, bestimmten selbst Produkte und Preise? Immerhin zählen sich die Überlebenden des großen Bauernsterbens zum Mittelstand.
Grund und Boden los
Woran läßt sich „das kleine bürgerliche Milieu“ erkennen? Gibt es Merkmale? Die gibt es. Bildungsbeflissenheit ist eines. Pedanterie und Rechthaberei sind weitere. Autoritätshörigkeit in alle Richtungen, die irgendwo in ein anerkanntes Oben leiten. Selbstaufwertung durch Abwertung anderer, Größen- und Heldenphantasien, stark ausgeprägte Ressentiments jenen gegenüber, die es geschafft zu haben scheinen, gepaart mit unverhohlener Bewunderung. Überhaupt der Mythos des Es-geschafft-Habens. Als sei die Wirklichkeit des Lebens ein Rennen, in dem es darauf ankommt, die schnellste Ratte zu sein. Das kleine bürgerliche Milieu steckt fest in einer Unterordnungslogik, die es ohne sie, die Vertreter und Ausführenden, gar nicht gäbe. In solchem Sinne sind sie tätige Opfer.