Der Januar, da ich in ihm lebe, erscheint mir plötzlich und unerwartet wie eine Ruhemonat, wie ein Schlafmonat, also auch Tieftraummonat. Früher nannte ich ihn vielleicht das schwarze Loch des Jahres oder Debakel eines eingebildeten Neuanfangs. Nicht diesjährig – nun erst setzt er sich in mir ins Recht. Ich empfinde die Menschen um mich herum als angenehm müde. Das scheinbar Automatische, das Reflexhafte, das Einstudierte meinetwegen, das Konditionierte – sie funktionieren, und so könnte man auf die Idee kommen, man hätte einen Menschen im Vollbesitzt seiner jeweiligen Möglichkeiten vor sich. Das ist nicht ganz richtig, fast schon vollkommen falsch. Man hat einen Januarmenschen vor sich, selbst ein Januarmensch seiend. Kein Makel, doch zu wissen schadet nicht.
Allgemein
Plasmatisch
Das Leben zieht lange Bahnen. Man begegnet sich nicht nur zweimal. Der Feind wird zum Freund. Was wirklich ist, entnimmt sich nicht allein dem Augenblick. Wenngleich er bereits alles enthalten mag, nur vorerst unverständlich, noch unleserlich. Die Wahrheit scheint spät erst auf und wendet sich gleich darauf wieder ab. Leben ist ein Blinde-Kuh-Spiel, aber nicht nur. Man lernt lesen ein Leben lang. Niemand steigt zweimal in denselben Fluß. Derweil steigt in der Lavalampe ein Knochen empor, wie Dalí ihn gemalt haben könnte, dürr und mit Gelenk, nach oben zu einem Harlekin sich wandelnd. Im Lavabrei liegt ein Kleinkind, streckt ein Ärmchen zur Glaswand. Schon steigen erste Lavablasen auf, heften sich ans Knochenbein. Schwebende Eier.
Mit Wörtern sich eine Behaglichkeit ergaunern
Oft genug weiß ich fast gar nichts. Zum Beispiel das Wichtigste, nämlich ob es anderen auch so geht wie mir – oder nicht vielmehr anders – oder ganz und gar nicht so. Das könnte mir helfen, es böte eine gewisse Hilfe – daß ich nämlich weiß, wo und wie ich mich befinde, verhältnismäßig. Absolut ist nicht drin; nichts was ein Mensch veranstaltet, kommt jemals dorthin; allein der Gedanke verstimmt (doch er sei geäußert). Wüßte ich, daß jemand unter dem leidet, worunter ich zu leiden verstehe, wäre mir geholfen. Gibt es auch nur einen Menschen, der einen anderen Menschen versteht, ist diesem geholfen. Ich denke das oft und sage es nun.
Die unebenen Gehwege, das rutschige Pflaster, die Witterung
Regen auf eiskaltes Pflaster. Tückisch funkelt der nasse Untergrund. Heimwärts tastend ruhigen Schritts, auf der Hauptverkehrsstraße dort laufend, wo die Autos vorbeispritzen. Kommt eines herangejagt, kurz zwischen die parkenden Wagen, anschließend weiter auf deren Fahrbahn. In dieser besonderen Nacht werden viele stürzen und sich verletzen. Man hat uns gewarnt. Ich bin zurück in meiner Höhle, möchte nicht erneut hinaus.
Glück ist Lohn, nicht Ziel
Minus neun, kalte Nacht in Berlin. In der Untergrundbahn waren sie fröhlich. Jemand schlief. Wir gehören zusammen, selbst wenn wir nicht wissen, warum und wozu. Wir teilen den Raum. Es kommt darauf an, wie groß man ihn mißt. Unruhen überall, das Leben zeigt und wehrt sich. Wenn wir uns treffen, laden wir Geschichten ab. Jeder bringt was mit. Kurz nur flammt auf das Wort Information.
(Daß Glück Lohn sei, nicht Ziel, habe ich bei Antoine de Saint-Exupéry gefunden, Citadelle, dt. Die Stadt in der Wüste.)
Das nächste ist bereits da
Verschwiegen und schön
Wir sind in die Familien gegangen, denn da kommen wir her. Eine lange Geschichte von Verbindung und Entzweiung. Der Friede liegt wie ein Pfandgut abseits der umkämpften Linien.
Dazu eine Musik
Das Leben ist ein Spiel, ließe sich denken, also spiele auch ich. Wird man älter, das geschieht wie von selbst, werden die Spiele zusehens fade. Die Spiele sind ausgespielt, so mag es ernst werden, dermaleinst. Ich mag und verteidige das Ungefähre, das die Entscheidungen vertagt und den großen Augenblick zeitverzögert erwartet. Vorher sind die Dinge ungeklärt. Das dürfen sie sein, kein Makel. Alle Verzögerung ist Vorbereitung auf das große Fest.
Sehnsuchtsmomente
Ein selteneres Wetterereignis scheint sich anzudeuten: ein Schneesturm für Berlin. Für heute wird dringend empfohlen, das Haus nicht zu verlassen. Die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser brauchen nicht weitere Opfer von Stürzen und Knochenbrüchen. Die vereisten Gehwege sorgen seit Tagen für volle Auslastung. Noch ist es Nacht, doch nachher wird es dem Vernehmen nach ernst, etwa gegen Mittag, kurze Zeit später. Die Schulen bleiben geschlossen oder den Eltern ist aufgegeben, selbst zu entscheiden, ob ihre Kinder sich auf den Weg dorthin begeben sollen. Verantwortung wird geteilt oder weitergereicht. Ein Tag Schule ist wie nichts, kein Tag Schule ist wie nahezu alles. Es wird Neuschnee geben, das ist versprochen. Schon geht es sich sanfter auf den Fußwegen durch die winterweiße Stadt. Als Kinder träumten wir davon, eines Tages einzuschneien und drei oder vier oder mehr Tage nicht mehr zur Schule zu müssen. Unser Vater unterstützte das, wollte er doch ebenso wenig zur Arbeit wie wir zur Schule. Da trafen wir uns im Zentrum des Irrealis.