Als ich nach Berlin zog, war die geschundene Stadt für ein paar kurze Jahre noch jeder Aufmerksamkeit wert. Man sah die Wunden im Stadtkörper, identifizierte die Einschußlöcher aus den letzten Wochen und Tagen des letzten Krieges, lief mit zugeschnürter Kehle die Wege des Wissens entlang. Dann kam, was sie einen hype nannten, etwas ungesund Aufschießendes, Herdenhaftes: eine Stampede kommerzieller Ausschlachtung, Vermarktung und Entwürdigung, die Schändung dieses Körpers, befördert von Stadtmarketing und der Konsum-Ideologie von global village und lonely planet. Alles war space in den dummen Nullerjahren. Die Investoren fielen über die Stadt her, bis sie schrie. Sie schreit Nacht für Nacht. Tagsüber hört man fast nichts, da braust nur der ewige Verkehr.
Allgemein
Skizze eines Territorials
Manche möchten in die Systeme, ich möchte aus ihnen heraus. Andere wollen selbst eines erschaffen, das vieles von dem enthalten soll, was es gibt. Ein jedes Einzelne an seinen zugedachten Platz. Nur daß die Einzelwesen und Dinge sich nicht an solche Platzzuweisung halten und sich zu bewegen beginnen, kaum pfercht man sie gewissermaßen ein. Das nannte einmal jemand den Aufstand der Dinge – er meinte jedoch nicht allein den der Gegenstände. Auch für Systeme gilt nach guter Lebenspraxis das Prinzip der offenen Tür: durch sie läßt sich sowohl ein- als auch wieder austreten. Ohne solche Türen, die in beiderlei Richtung durchgängig sind, gilt das Prinzip der Geschlossenen. Die Geschlossene ist eine Anstalt, in die man amtlich beurkundet eingewiesen und aus der man erst wieder entlassen wird, wenn das neuerlich eine anerkannte Autorität anordnet. Definitionen sind gedankliche Einsperr- und Aussperrvorrichtungen. Daher die endlosen Streitereien um so etwas Belangloses wie einen Begriff. Doch die Festlegung der Grenze läßt Millionen erzittern. Davon handeln Macht und Ohnmacht.
Filmrolle rückwärts
All diese Leute in laufenden Bildern aus Geschichten in unvertrauten Gegenden, die einen nichts angehen, bis man sie bearbeitet und zurechtgeschnitten vor Augen hat, Film auf Film, bis man vergißt, wo man mit den geleiteten Augen und Ohren bereits war, die übrigen Sinne schweigen und bleiben, wo sie sind, nämlich hier, wo ich wirklich und täglich lebe, nicht nur für neunzig Minuten. All diese bildhaft und bewegt vorgeführten Leute versuchen irgendwas, bis es gelingt oder mißlingt, und suchen wohl auch nach etwas, das durchaus dem ähneln könnte, wonach ich suchen wollen würde, wäre ich so wie diese Leute auf dem Bildschirm. Ich bin es aber nicht. Früher einmal hätte ich sein mögen wie einer dieser heldenhaften Leute, heute möchte ich mit niemandem tauschen. Man wird nicht umsonst älter. Filme bestaune ich wie abwegige Möglichkeiten oder unzulängliche Gegebenheiten. Nur manchmal noch identifiziere ich mich, dann wird es warm, vertraut und schön.
Ehrfurcht vor dem Nächsten, wäre das der Titel?
Daß wir nicht wissen, in welchem Zustand diejenigen sind, die wir anrufen und zu berühren versuchen. Unaufhebbares Nichtwissen. Vermutlich notwendig, damit wir nicht nach Belieben herumwirtschaften können. Die erkannten und zugleich unverstandenen Grenzen sind ein besonders Schönes an unserem Menschsein.
Einstweilen noch nicht
Ich habe Fußball gesehen, später eine sogenannte Talkshow, da ging es um den Iran und die Aufstände dort, nun sehe ich eine Serie, die handelt von Unternehmern, Arbeitern und den zugehörigen Verwandten im Ölbohrgeschäft in Texas. Wohin ich will, da kann ich hin. Das ist obszön. Dennoch bin ich glücklich oder freue mich. Das kommt aus mir, nicht aus dem Zeug. Ich könnte fragen, womit ich das verdient habe. Doch ich frage das gar nicht erst. Es ist einfach da. Ich möchte es gar nicht Glück nennen. Da kein anderes Wort zu Hilfe springt, lasse ich es unbenannt. Ich könnte weinen, sofern ich müßte. Aber ich muß nicht. Es kann einen schlimm erwischen mit der Freude aus dem sogenannten Nichts.
Ich bin jetzt da
Ich kenne auch welche, die annehmen und es auch aussprechen, daß das, was ich hier treibe, nur ein Kleines ist, daß also ein Großes noch bevorzustehen scheine oder müsse, nämlich ein richtiges Werk, also ein Buch usw. Ich sehe das manchmal so wie sie, aber jetzt sehe ich es ganz anders. Dies ist ein nicht endendes Projekt fortgesetzter Selbstvergewisserung im Medium des Spürens. Spüren ist ein auf der Spur sein, ich erspare mir die Bindestriche. Ich bin auf der Spur, was das Leben einem Menschen ist, der hier und heute lebt und sich einen Reim zu machen versucht. Und mir begegnen täglich all die anderen – die versuche ich ebenfalls zu bedenken, sogar zu fühlen, ich kann ja gar nicht anders. Diese Zeilen sind lebhaft geschrieben, ich mag das. Da ist hier.
Tomahawk-Poesie
Mit neunzehn, zwanzig konnte ich Sätze schreiben, in Briefen nach Zuhause, die klingen wie mit dem Tomahawk gezeichnet, klar, einfach, tief. Anschließend ging ich wohl in die Lehre des üblichen Lebens, versuchte gewisse Anpassungsübungen zu bestehen, scheiterte. Daß ich meinen Arsch an die Wand bekommen haben, ökonomisch und einstweilen, gemahnt mich an ein Wunder. Mit mir war nicht zu rechnen. Mit niemandem ist je gerechnet worden. Doch wir sind hier.
Eisschollen
Man muß Ideen ausstreuen wie Samen, mit leichter Hand und verschwenderisch, Mutter Natur macht es vor. Das Verhockte und Verbockte der eigenen Existenz aufgeben, ihren kläglichsten und beklagenswertesten Teil, Besitzsicherung, Eifersucht, Neid. Schele Blicke auf das Glück der anderen, in steter Verunsicherung ob des eigenen Geschicks, eingeparkt in starr Gehaltenes. Daher das nächtliche Knirschen der Zähne, die üblen Träume, die häßlichen Gedanken am Tag darauf. Wehe dir, die Tür geht auf. Wann lernen wir Menschen, großzügig zu sein. Das ist gar keine Frage.
Zu einem Gespräch gehören zwei
Wenn ich etwas sagen möchte, höre ich, bevor ich spreche, oft schon die Einwände, die gegen das, was ich noch gar nicht gesagt habe, sprechen könnten. Mittlerweile spreche ich dann erst recht. Früher wäre ich verstummt. Daß ich hier so viel rede und spreche, hängt damit zusammen, daß ich davor, also vor 2015, fast gar nichts gesagt habe. Da hat sich was aufgestaut. Die Einwände und Kritiken kann ich vertragen, sie halten mich nicht mehr ab. Sicher sind sie berechtigt. Heute ist eine Nacht, in der ich unendlich weiterreden möchte, eins nach dem anderen, wie in einem Gespräch, das nicht endet, weil dauernd wieder etwas einfällt. Nur daß ich das hier allein tue. Aber doch auch so, als sei jemand da. Andererseits könnte der Titel Selbstgespräche schön sein.
Die Ausdehnung der Zeit ohne Langeweile
Übrigens: neuerlich steht die Zeit fast schon still. Das Phänomen einer unerwartbaren Zeitdehnung erlebe ich seit dem Oktober des vergangenen Jahres. Mir werden die Augenblicke lang und tief. Das ist so schön und unaussprechlich, daß ich zu stottern beginnen möchte. Was ist denn passiert? würde man fragen wollen. Ich weiß es nicht, müßte ich wahrheitsgemäß antworten, dankbar. Vielleicht handelt es sich um eine Verwandlung. Zeit wird einem nicht genommen, sie wird einem gegeben. Sie wird verliehen.