Fabian Reese: „Das 3:1 in der ersten Halbzeit war hochverdient, wir hätten sogar höher führen können oder müssen. Wir haben eine Mannschaft gesehen, die von hinten bis vorne herausragenden Fußball gespielt hat. Schnellen Fußball, direkten Fußball, in dem die Mannschaft der Star war. Der Sieg geht auch in der Höhe in Ordnung. Dann wechseln wir noch aus und schießen auch mit den Einwechselspielern noch zwei Tore – das war eine grandiose Vorstellung. Jetzt haben wir sieben Siege in Folge geholt und ich bin unfassbar stolz auf das gesamte Team – wir hatten noch eine Rechnung von vor zwei Jahren im Pokal offen. Das ist Balsam für die Seele der Fans, für die Stadt, für den Verein und für uns als Mannschaft. Jeder Fan soll träumen, die Leute sollen träumen – es ist in Ordnung, dass nach diesen letzten Wochen eine Euphorie entsteht. Wenn nicht jetzt, wann dann. Es tut uns allen gut.“ (Stimmen nach dem Spiel, Berliner Zeitung, 2.12.2025)
Allgemein
Wiederbelebungen
Betonung
Ich komme gar nicht mehr aus dem Staunen. Sitze am Schreibtisch, es ist Vormittag, die Sonne zeigt sich kurz, ich lächle zurück. Dann gerät das Jahr 1964 in den Sinn, da wurde ich geboren. Ich rechne und bin überrascht, daß 2.025 minus 1.964 einundsechzig ergeben soll. Müßte es nicht 85 ergeben oder 78 oder 95? 1964 ist dermaßen lange her, daß man sich fragt (ich mich frage), ob es jene Zeit überhaupt gegeben haben kann. Was war denn damals los, was ist innerhalb der Differenz solcher Großzahlen geschehen? Doch – es gab all diese Jahre mit ihren Tagen und Stunden und Nächten, mit all dem, was sich innen und außen ereignet hat, im Menschen, am Menschen, um den Menschen herum und auch weit von ihm entfernt. Manche Jahre brachten entscheidend Neues (jeder Tag bringt unbemerkt) – ich beendete einen Karriereblödsinn, machte mich auf die Wanderschaft, siedelte nach Berlin, verliebte mich unsterblich, lernte fortlaufend zu leben. Ich spreche mit einem Gleichaltrigen, er sagt, er fühle sich nicht alt, es seien vielmehr die anderen, die einem zutrügen, daß man es sei – insbesondere die Jüngeren. Die sähen einen so an. Ja, mag sein. Zahlen beeindrucken mich wenig. Von mir aus könnten wir auch 2147 leben, dann wäre ich eben noch ein bißchen älter. Kommt ja nicht darauf an.
Hymnen, Hymnen
Natürlicherseits bin ich von Haus aus Hymniker, ein Bejubler des vollständigen Lebens mit allem Drum und Dran. Wer das Leben liebt, wird dem Tod Respekt erweisen. Die Gegensätze können weit auseinander gezogen sein – fliegend hoch über allem, tief im Sand watend oder im Matsch. Nicht nur Hymnen an die Nacht sind zu singen, sondern auf ein Jegliches, das lebt und mitmacht im großen Ganzen, im allergrößten Ganzen, das man sich nur vorstellen kann.
Stationen einer Reise
Jemand besingt jemandes Goldenes Herz. Er sei darauf nicht vorbereitet worden. Ja, das verstehe ich sehr. Manchmal ist die Welt oder wirkt abgestanden, kalter Muckefuck, labbriger Keks. Dann taucht plötzlich wer auf, und schon ist die Sinnfrage beantwortet, beantwortet sich selbst oder stellt sich gar nicht erst. Heiliger, wo warst du denn die ganze Zeit!
Gleise, Horizonte
Man müßte sich eine Sprache ausdenken für das Unausgesprochene, um prüfen zu wollen, ob ein Unaussprechliches existiert. Ich weiß, daß die Taoisten die Antwort bereits kennen. Da ich noch übe, seien meine Wünsche und Fragen gestattet. Wer aufmerksam ist, wird niemals mit dem Leben fertig sein. Ich fahre durch die Nacht. Sie leuchtet.
Sicherheit ist eine Sichheit
Angst handelt von Kontrolle, Depression von Hilflosigkeit. Beide Partien sind einander verbunden. Ich kenne Kontrollfreaks, die sich und anderen eine Sicherheit* verpassen, die Schmerzen macht. Das gerät ins Totalitäre. Das Totalitäre ist die reinste, härteste und scheiterndste Verkörperung der Angst. Die Depressiven dagegen mußten zwischenzeitlich/einstweilen aufgegeben, sie konnten und wußten nicht mehr weiter. Dabei wären sie vorzügliche Instrukteure. Ihre Ermattung handelt von intellektueller und emotionaler Überanstrengung. Ein Jegliches bedeutet nun Herausforderung. Daß jemand ‚heraus gefordert‘ wird, zeigt an, wo sie/er sich befindet: tief in einem Innen. Dieses Innen ist ein Schutzraum. Wenn er/sie darin kaum mehr atmet, sich nicht öffnet, keinen Austausch hat, sich verkapselt – stirbt der Schützling einen langsamen sozialen und emotionalen Tod.
Was wäre denn zu weihen
Berlin wird klein. Ich muß lernen, mich zu bescheiden. Hier ist Provinz. Leben heißt sich übersteigen. Ich staune an wenig empor. Das Leben irritiert, macht verrückt, stimuliert. Ich würde Pfeile verschießen, um einen Wald zu pflanzen. Es wird langweilig, wenn man verharrt. Die vergangenen Gräser an den Böschungen der Schnellbahn. Brücken führen über Gleise und einen schwarzen Kanal. Das Wasser scheint zu stehen. Keine Leiche treibt darin. Die nackten Bäume strecken sich in den Himmel. Stimmen fluchen das Wochenende ein. Ferienlaune ergreift das erschöpfte Gemüt. Man müßte Weihnachten feiern, als ginge es um alles oder nichts.
Was denn sonst
Zeit haben
Selbst beim Thema Zeit ist mir nach Widerspruch zumute. Jemand sagt und klagt: Ich habe keine Zeit. Was ist eigentlich gemeint? Der Klagende hätte gern mehr Zeit mit etwas Schönem verbracht, weniger mit etwas Häßlichem, Dummem, lediglich Notwendigem. Doch liegt sein Problem nicht im Bereich der Zeit, sondern im Bereich seiner Lebens- und Überlebensgestaltung. Er muß blöde Dinge tun, davon ist die Rede. Mit Zeit hat das nur mittelbar zu tun. Allerdings müßte man das Notwendige neuerlich rehabilitieren, da es doch offenbar hilft, nicht ganz vor die Hunde zu gehen. Einfacher gesagt: man muß irgendwann seinen Arsch an die Wand bekommen. Das ist ökonomisch gemeint, besagt: nicht länger prekär zu leben. Diesbezüglich wäre viel zu berichten, vielleicht ist mir einmal danach. Man soll die Zeit nicht beschuldigen, sie ist die unschuldigste aller Dimensionen. Das wollte ich sagen. Ist meine Zeit zuende, beginnt die eines Neugeborenen. An Zeit herrscht kein Mangel, nicht einmal innerhalb eines einzigen Lebens. Ich habe genug von ihr, ist mir etwas wichtig. Ich schiebe sie vor, wenn ich nicht mag. Jeder weiß das.