Stilhöhe

Es ist ein verführerischer Gedanke der Systemlehre, die Teilnehmer der Trainingseinheiten und Wettbewerbe derart einzustellen, daß sie erfolgreich sein werden. Und wäre oder ist es nicht mindestens wünschenswert, insofern ethisch vertretbar, daß solches gelänge? Vom Fortpflanzungserfolg über den programmierbaren Schulerfolg bis weit hinaus nach oben ins Leistungsanspruchsdenken unter den strengen Genügensbedingungen einer sortierenden Kultur, die mit Humanismus argumentiert, wenn sie Optimierung, Perfektionierung, Konfektionierung meint.

Ließe sich da nicht was machen, daß zum Beispiel endlich auch ich vollends reibungslos funktionierte, also nicht mehr an inneren Widerständen litte und durch sie scheiterte? Es wird doch Medikamente geben, die mir die volle und verdiente Teilhabe am gesellschaftlichen Leben derzeitigen Zuschnitts ermöglichen. Herrgott! Denn das System hat recht. Das sagt alle Welt und unaufhörlich. Selbst einer wie ich möchte erfolgreich sein – eines fernen Tages. Leute wie ich werden dauernd und anhaltend diskriminiert. Selbstverschuldet, wie man sagen könnte. Wir sind nicht einmal eine Gruppe, wir leben vereinzelt. Ich weiß kaum, ob wir mehrere sind. Ich mag es hoffen, doch zu behaupten traue ich mich wenig mehr.

Stilhöhe

Ausgleich der Kräfte

Zum Gedanken gehört immer auch der Gegengedanke, zur Idee die Gegen-Idee. Sie beide in den Blick zu nehmen und auf ihre Berechtigung hin zu untersuchen, bedeutet denken. Sie als Teil eines Ganzen zu sehen und zu verstehen, führt nahe ans Geheimnis der Lebensprozesse überhaupt. Auch die Mengenverteilung ist zu beachten – nicht zu viel, nicht zu wenig. Es ist wie beim Kochen oder im Spiel. Man muß Maß und Mitte des Handelns finden – mal mehr, mal weniger. Mitte bedeutet Balance – sitzen im Schiff alle auf einer Seite, kentert es. Wo Mitte und Maß nur Mittelmaß ergibt, befindet man sich nicht auf der Höhe des Problems. Unser Geschichtslehrer damals drängte auf Ausgewogenheit, ich war ihm zu radikal. Er verstand nicht, daß manchmal ein Gegengewicht nötig ist, um in die Balance zu kommen. So erinnere ich noch heute, wenn auch seltener als früher, an die abwesende oder verschwiegene Position. Aus einem Sinn für das Ganze und das Zusammenspiel ihrer Teile und Kräfte.

Ausgleich der Kräfte

Kurz nur, aber stark

Hat man das gierende und auf Selbsterfüllung bezogene Interesse verloren, beginnt die Liebe. Das ist vermutlich schwer zu verstehen. Doch es lernt sich mit den Jahren. Schließlich wird verstehbar werden oder sein, was mit Liebe zwischen Menschen gemeint sein könnte. Liebe handelt nicht von Angst, sondern von Hoffnung. Sie bindet nicht, sondern entfesselt. Sie gibt selbstlos und rechtet nicht. Ist sie fehl am Platze, ist sie die erste, die das spürt. Menschen vermögen zu lieben, doch sie sind nicht die Liebe. Die Liebe ist in ihnen und außerhalb ihrer. Liebe ist der Strom und die Verbindung, die solcher schafft für das heilige und seltene und gefährdete Leben. Es ist gar nicht so eindeutig klar, daß uns Liebe schützt und wiegt und vorantreibt. Liebe könnte verschwunden und ausgetauscht sein durch ihr Gegenteil. Ihr Gegenteil wäre der Haß. Eine Figur aus den Alptraumlandschaften der Hölle und der blutversauten Geschichte der Menschheit. Die Liebe errichtet Altäre, zündet Kerzen an, baut Brücken. Der Haß flucht und zischt sich ein, sinnt auf Rache. Daß er zu lieben nicht vermochte, gerät ihm zur Pein. Wer kann, nimmt die Hassenden in den Arm.

Kurz nur, aber stark

Sockel

Der Soldat der Terracotta-Armee steht starr und gefaßt. Das ihm in die geöffnete rechte Hand gereichte Streichholz hält er fest wie eine Fackel. Seinen Haarschopf trägt er gescheitelt und zu einem Dutt erhöht, der aus der Symmetrie seiner Körpermitte weicht und nach rechts gebunden ist. Sein Panzerhemd ist makellos, der Backenbart gestutzt. Er ist abkommandiert worden, soll sich um einen kümmern, der Beistand benötigt. Die Tage sind lang, der Gefahren einige. Er wird nicht weichen.

Sockel

Schimmel an den Wänden, Krätze am Gemächt

Liefen zuvor vereinzelt und verstreut Boote in den Hafen, erschienen nun die Fregatten, nacheinander auch die Vollschiffe. Es gab Musik, die Kapellen spielten. Erste Tänze. Die Schiffsbesatzungen drängten ein, Geschäfte gingen an. In den Hafencafés erklang das Schifferklavier, Sirenen sangen verlockende Waisen. Man spielte das Spiel vom Verführen und Verführtwerden, grob und sinnlich, schließlich ging es um Geld. Geld ist Leben, Geld ist Überleben. Daher der Einsatz, jeder wußte, worum es geht. Ein Sold will wohin, geht sich eintauschen. Eine Eigenschaft ist gefragt, Preis verhandelt, wird bezahlt. Die Schmerzen kehrt der Gott der Barmherzigkeit zusammen und formt daraus ein Gültigkeitsbild. Der beste Platz an der Bar des sinkenden Vertrauens war der neben der Tür zu den Aborten. Wohin selbst der liebe Gott zu Fuß muß, lachte ein Schurke. Seine Zähne standen quer und leuchteten im Kerzenlicht wie die Hauer eines Ebers. Die Nacht hat erst begonnen, drohte er.

Schimmel an den Wänden, Krätze am Gemächt

Mund, Lippen, Geschmack

Ach, diese letzten Schlucke Kaffee aus dem Pappbecher auf dem harten Flur mit den knallenden Schritten der eigenen Schuhe kurz vor dem Versammlungsraum, in dem das Meeting stattfindet, in dem es darauf ankommen wird, überzeugend zu wirken im Sinne der eigenen guten Sache. Man darf nicht kleckern, dann wäre der Anzug hin und mit ihm der Auftritt. Eine Position zu vertreten ist keine Bagatelle. Die Anspannung ist hoch, der letzte Schluck bezeugt das. Schon öffnet sich die Tür, schon sitzt das gewisse Lächeln. Der Pappbecher fliegt wohin.

Mund, Lippen, Geschmack

Dartpfeile auf die Scheibe

Nachdem sie jahrelang Schlamm fressen oder schlucken mußten, werden die Leute nun kiebig. Selbst im Vertrauten explodieren kleinere Sprengsätze der Rhetorik. Alle oder fast sind reizbar. Man muß ein wenig aufpassen, solcher Aufgeladenheit nicht zu entsprechen. Die Lage insgesamt ist angespannt genug. Woraus besteht die Lage insgesamt? Ich könnte schreiben: Sie besteht aus Versagen, zuvor jedoch aus Nachrichten. Vermutlich läßt sich das Versagen als Versehen ausdrücken. Wie gern wir an gute Menschen glauben. Das rührt ans Herz. Nach jeder Krise ist das so. Sie werden nicht so übel sein, wie behauptet wird. Und das in jeweils beide Richtungen. Irgendwas kollabiert im Verstehen des vorgeblich verstehenden und verstandenen Verstandes. Man nennt das Propaganda, also Parteilichkeit. Welche Seite kommt ohne aus? Käme eine, ich begeisterte mich spontan. Nicht? Okay, dann mal los. Wir werden eure jeweiligen Siege zur Kenntnis nehmen in Ost und West. Systemisch paßt das, es will Vernichtung.

Dartpfeile auf die Scheibe

Genug für heute

Bald Vollmond, paar Stunden nur, dann ist er rund, fett und reif. Steht eine Frau mit Stehlampe vor der Plakatwand, das Kabel erinnert mich an Toto, der einen Toaster mit Kabel und Stecker auf seine Wade hatte tätowieren lassen, das ergab Kontakte. Mann mit Lederspeckmütze pafft eine Zigarre, trägt ein Cowboy- und Westernhemd, fällt ihm der Stumpen aus der Hand auf die feuchtschmierigen Pflastersteine, hebt ihn wieder auf und raucht weiter. Wir warten auf den Zug, Ringbahn gehen den Uhrzeigersinn. Ach, wie müde wir sind. Das Mädchen macht Hausaufgaben, ein Schulhefter aus Plastik liegt aufgeschlagen auf ihrem ihrem bunten Schultornister, gegenüber sitzt ihr Opa und löst ein Zahlenrätsel. Die Stationen laufen vorbei wie aneinandergestellte Photographien aus alter Zeit. Ich mag nach Hause.

Genug für heute