Ist man jung, möchte man unangreifbar werden, am liebsten sich panzern, unverwundbar sein. Siegfried badet im Blut des Drachen. Verletzungen können tödlich enden, doch meist schmerzen sie lediglich und helfen dabei, Fehleinschätzungen zu korrigieren. In solchem Sinn ist es richtig, eine Enttäuschung als Ende einer Täuschung zu betrauern und zu verstehen. Mit dem Älterwerden wächst uns keine Echsenhaut, nur lernen wir (bestenfalls) einzustecken und an den schweren Treffern nicht zu verenden. Man bringt sich durch, oft besser als gedacht. Ob die Zeit die Wunden heilt, lasse ich dahingestellt. Time Is On My Side, sangen die Rolling Stones. Solch progressive Annahme war den amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg eine Hoffnung, sie schrieben es auf ihre Helme oder Helikopter. Populärkultur.
Allgemein
Aus dem Zusammenhang 370
„Es ist eine solche Segnung, daß Sie die Hand of God zu Ihrer Kirchengemeinde machen. Wir heißen Sie willkommen mit offenen Armen. Es interessiert uns nicht, wer Sie sind und woher Sie kommen. Wir bitten Sie nur: Kommen Sie mit offenem Herzen und offenem Geist, und wir überlassen es Jesus, für das Übrige zu sorgen.“
Hand of God, S1 E4
Weite Zeit
Endlos dehnte sich der Oktober, neuerlich dehnt sich der November. Als wäre ich in eine Zeitmaschine geraten und hätte zuvor die Einstellung auf VERLANGSAMEN gestellt. Es betrifft weniger die Untereinheiten: die Stunden fühlen sich an wie immer, auch an den Minuten wurde nichts gedreht. Es betrifft die Wochen eines Monats, dessen oder deren Länge und Ausdehnung. Als würde mir nichts genommen (kostbare Zeit), sondern permanent gegeben (kostbare Zeit). Ich habe so etwas zuvor nicht erlebt und forsche nach Gründen. Möglicherweise sollte ich das nicht tun, vielmehr dankbar annehmen und schweigen. Das Schweigegelübde des Menschen habe ich gebrochen, als ich hier anfing zu veröffentlichen, Texte und Tage, nun bereits im elften Jahr. Der am meisten staunt, bin ich. War ich nicht der, der nicht lange durchhielt, dem die Freude ausging, der sich anderswo umsah aus Langeweile oder Überdruß?
Schweinebäuche heißen die Gehwegplatten aus Granit
Folgte man der Unberechenbarkeitslehre, die in Andrei Tarkowskis Stalker für „die Zone“ reserviert ist, müßte man Schritt für Schritt auch in diesem, unserem nichtfilmischen Leben tasten und notfalls haltmachen, falls Signale deutlich werden, die vor einer Gefahr warnen. Es gälten nicht die Regeln der anerkannten rationalen Ausschließbarkeit; es gäbe kein Entweder-oder in Situationen postulierter Eindeutigkeit. Man geriete in ein intellektuell unbefriedigendes Feld des Kommt-darauf-an, des Mal-so-mal-anders. Der Verstand müßte sich rejustieren, einige Glaubenssätze wären passé. Schließlich ginge es weiter, die Mehrdeutigkeit wäre favorisiert. In ihr die Tage und ein Leben zu ertragen gliche jener Aufgabe, die den Künstlern gestellt ist.
Immer mit der Ruhe, Schlaf für Schlaf
Endlich war ich müde. Das würde ein Schlaf. Ergäbe das Unbekannte einen weissagenden Traum, wäre ich dankbar. Ich befinde mich dauernd in der Klemme neuerdings. Das macht hoffen.
Geschichte der Gewalt
Wenn in einer Familie etwas angelegt ist, dann wird es erscheinen und sichtbar werden, zur Not katastrophisch, bestenfalls kathartisch. Spannungen, Konflikte, Ungereimtheiten. Wir Lebenden handeln im Auftrag, ohne es zu wissen. So setzen wir Begonnenes ahnungslos fort. Das mag ein Bedauern hervorrufen, doch damit ist nichts getan. Wer hinsichtlich seiner selbst und der Familie, aus der er stammt, unvoreingenommen zu werden sich bemüht, könnte in die Nähe eines Verstehens geraten, das aus Gefühl besteht und warmem Wissen. Nur das warme Wissen kann verzeihen. Meistens haben sie, die Alten und Verstorbenen, sich ja Mühe gegeben, so wie wir uns meistens Mühe geben. Niemand ist dauergut, übrigens würde er uns langweilen und ankotzen. Zeit heilt nicht nur Wunden, sondern sorgt für Perspektiven. Man kann mit sich selbst umgehen, wie man möchte. Scheint es. Besser wäre es, man wüßte, was die Altvorderen getan und gelassen haben. Dazu läßt sich verhalten. Sich nicht verwechseln mit einem der Geister oder Gespenster. Wir sind jeweils neu. Das Leben initiiert uns, doch nicht zu einem Mitgefangen-Mitgehangen.
Auf meine Weise
Ich müßte mich zur letzten Vernunft durchschleppen. Vor diesem Wegstück hätte man mich gewarnt. Ich wäre klapperdürr und gespensterte großäugig umher, man wiche von mir. Sieh dich doch an, würden die letzten Freunde sagen, du schaffst es nicht mehr weit. Doch ich wäre zweifellos verrückt, ich würde hindurch wollen zu Gott.
Erste Zigarette, zweite Toilette
Nach dem Umbau gab es in unserem Bauernhaus ein kleines Klo für Gäste oder für uns, wenn das Badezimmer besetzt war. In diesem Raum hingen denkwürdige Parolen, auf Hölzer in Herzform geschrieben, die kitschig verziert waren, handtellergroß vielleicht, eine lautete: „Aus einem verzagten Arsch kommt niemals ein fröhlicher Furz.“ Das war programmatisch-progressiv. Die zweite Parole war defensiv-deskriptiv: „Erbsen und Linsen lassen’s Arscherl grinsen.“ Folkloristisch sogar. Schämten wir uns nicht? Rhetorische Frage. Nein, wir schämten uns nicht. Auf diesem Zweitklo rauchte unser älterer Bruder seine erste Zigarette. Als die Mutter fragte, warum es dort nach Tabak rieche, antwortete der große Bruder: Ja, er habe das ebenfalls gerochen und deshalb gelüftet. Thema durch. Man kann ein Thema totrobben oder es auf sich beruhen lassen. Wer die letzte Wahrheit will, vernichtet.
Menschlich, allzu menschlich
Gibt es die Hölle, gibt es ein Fegefeuer? Ich würde fragen: Seit wann soll es das denn geben? Von woher stammt die Idee, wann wurde sie scharfgestellt? Wer sind die Akteure, welche Not meinten sie mit solcher Imagination/Suggestion beheben zu können? Die Religionen atmen Freude und Furcht, verbreiten Schrecken und Wollust. Sie sind derart menschlich, daß die Götter sich ansehen und nicht recht wissen, wohin mit ihrem Gelächter.
Normal ist Mittelstärke
Es war ein bemerkenswerter Dienstag, der nun dahingeht und eingestellt werden wird in die lange Reihe der Dienstage aller Zeiten. So stehen sie, die Dienstage, geduldig herum in den verstaubenden Regalen der Zeit und warten auf Beachtung und historische Bedeutung. Bemerkenswert war dieser Dienstag insofern, als die Menschen schwer zueinander fanden. Auf den Straßen standen sie im Wege, in den Geschäften stauten sie ungeschickt, bildeten konkurrierende Schlangen, das ergab Streit. Halte niemals ein Streichholz an einen Benzinkanister. Man zündet sich an der Zapfsäule einer Tankstelle besser keine Zigarette an. Vieles muß noch einmal erklärt werden. Manche können schon nicht mehr lächeln, ihnen ist die Güte abhanden gekommen oder sie pfeifen auf dem letzten Loch. Manche halten sich für empathisch. Das müssen sie nicht, wird gar nicht gefordert. Besser man schweigt über Gefühle, sieht ohnehin niemand durch. Im Backladen häuften sich die Kuchenstücke auf dem Pappträger, alles war bereits gut verpackt. Dann mußte der Kunde zahlen, hatte kein Bargeld dabei. Der Verkäufer verdrehte die Augen. Scharfe Kruste geschnitten. Normal? Ja, normal.