Bauernhofkind

Als Kind meint man lügen zu müssen, aus Angst vor Strafe. Ich wußte genau, daß irgendwas schon wieder nicht richtig war. Schließlich schlußfolgerte ich, daß ich selbst es sein müsse, der nicht richtig ist. Dauernd hatte ich was ausgefressen, ich hielt mich für schlecht. Als Kind lernt man Regeln, an die die Erwachsenen sich nicht halten. Ich geriet dauernd in die Klemme, fürchtete Strafe und hoffte, daß alles gut gehen möge und unbemerkt bliebe. Damals hätte ich zu Gott beten können. Stattdessen bekam ich Alpträume und fand vor Furcht nicht in den Schlaf. Was die Nächte angeht, durchlebte ich als Kind die Schreckensvisionen der Hölle, teils auch bei Tag (mein Katastrophismus: die Erwartung schlimmster Ereignisse). Das sensible Kind, würde man heute sagen. Damals auf dem Land gab es das nicht. Mit vierzehn oder dreizehn begann ich mich abzuhärten, mit fünfzehn wußte ich, was ich tat. Ich nannte es Desensibilisierung und bat meinen Vater, mit der Schaufel eine der winzig kleinen, noch blinden Katzen erschlagen zu dürfen. Er besorgte das für die anderen drei – eine aus dem Wurf verblieb jedoch bei der Katzenmutter, damit sie zu tun hätte und nicht sofort erneut Junge bekäme. (Katzen in Überzahl werden auf den Höfen zur Plage.) Seitdem zwinge ich mich hinzusehen, wenn Schlimmes geschieht. Ich kann nicht so tun, als sei nichts.

Bauernhofkind

Erbschaft antreten

Idee der Erbsünde. So wären wir verderbt von Anfang an, weil wir Menschen sind und als Menschen Nachfolger des ersten Menschen, dessen Sünde darin bestanden haben soll, erkennend sein zu wollen, also notfalls abtrünnig?

Daß wir auf irgendeine Weise im Verlauf unseres individuellen Lebens schuldig werden, ob wir es wollen oder nicht, leuchtet dagegen ein. Die Entscheidung für ist eine Entscheidung gegen, wir können es nicht allen recht machen, selbst wenn wir wollten. Wir dürfen und wir müssen irren.

Die Erbschuld des Menschen erstatten zu lassen von Jesus Christus ist mir unangenehm. Er soll nicht stellvertretend für mich leiden oder sich töten lassen. Ich möchte solches Opfer nicht annehmen, wie groß es auch sein mag. Lieber trete ich selbst vor Gott. Ich tue das nicht selten.

Daß andere anders über derlei denken, kommt mir gelegen. Lerne ich doch dieser Zeit, daß der Widerstreit gepflegt werden kann und sollte. Zur Erbsünde habe ich vorrangig diese Frage: Tut sie den Menschen gut, befördert sie eine gesunde Entwicklung, hilft sie heilen? Anders herum: Schadet sie, reißt sie Wunden, läßt sie verzweifeln? Macht sie klein?

Wir sind sämtlich Gottes Töchter oder Söhne, sofern wir eine sinnvolle Idee von Gott hinbekommen. Daß die Menschen in ihrem Organisationsbedürfnis, das auf Gruppenbildung, also Einschluß und Ausschluß beruht, ausgerechnet Gott kapern wollen, ist ein Skandal und beschämend banal. Die Kirchen schämen sich seit Jahrhunderten – ebenso die Gegenkirchen.

Erbschaft antreten

Tippen

Jeden Tag wird mir unklarer, was ich hier tue. Doch ich tue es. Ich tippe ins Weltall, was zu tippen ist. Ein frivoles Unterfangen. Ich sage Weltall, weil unklar ist, wo solch Gesendetes landet und seine Grenzen findet. Ich kann nicht einmal wissen, wer sich was merkt. Die Leute merken sich sonstwas, ihre Gehirne sind autonom und dienen.

Tippen

Von nichts kommt nichts

Gott ist der Weihnachtsmann, er weiß alles. Am Tag vor Heiligabend wird das Urteil verhängt. Ich bin schuldig und bekomme nichts. Das war ja klar. Endlich ist Bescherung. Die Tür geht auf, der Christbaum leuchtet. Auch ich stehe im Glanz der Lichter und gehöre dazu. Ausgerechnet ich, der Sünder, der Lügner, der Gedankenverlorene. Ich habe Neben- und Hintergedanken noch zu jedem und allem. Nun werde sogar ich beschenkt, das ist erstaunlich. Meine Ergriffenheit kennt keine Grenzen, zugleich denke ich nach, wie es mir gelungen sein könnte, solches zu erreichen, indem ich vermutlich …

Von nichts kommt nichts

Dorfkneipe

Da geheuchelt und gelogen werden muß, stellt sich die Frage, an welchem Punkt positive Ehrlichkeit festzustellen sein könnte. Der gesellschaftliche Druck besorgt die Heuchelei, jeder weiß das. Die Lügen ergeben sich auf Nachfrage. Auf Druck ließen sich Geständnisse erpressen, doch wen interessiert das. Man kennt seine Pappenheimer, wie man sich selbst kennt. Nämlich ungenügend. Mit solchem Halbwissen, insbesondere über die eigene Person, läßt sich locker ein Leben bestreiten. Das sollte man den Leuten sagen, damit sie sich nicht allzu sehr fürchten.

Dorfkneipe

Gesellschaftlich

Du siehst phantastisch aus! bemerkt die Gastgeberin zur Begrüßung des ungebetenen Gastes. An der Haustür ist sie sichtlich überrascht, die ehemalige Freundin zu erblicken und spielt schnell und gekonnt über die Irritation hinweg. Komm doch herein, sagt sie und macht den Weg ins Innere frei. Danke, sagt die Freundin aus früherer Zeit und tritt ein. Im Haus sind die Freundinnen versammelt, sie kichern und tuscheln wie damals, als sie Schülerinnen waren. Längst sind sie Positionäre, Standartenträgerinnen, Größen der Gesellschaft. Der erstaunte Blick gilt der Neuen, die aus ihren Reihen stammt und sich verirrt zu haben scheint. Was will sie hier, die Party ist doch gut. Ohne sie bliebe die Party gut. Mit ihr wird sich was ändern. Warum wird sie eingelassen? Herrgott, kann denn nun jeder hier herein nur wegen früher!

Gesellschaftlich

Engel sind nicht der Menschen Wünsche hörig

Nicht ein Mensch ist wie der andere. Daß wir auf die Idee geraten sind, uns selbst als idealtypisch aufzufassen und über derart gespeiste Annahmen zu Generalisierungen vorzustoßen, die die Spezies betreffen sollen, ist verwegen. Daß der Beobachtende Teil des Beobachteten ist und dieses beeinflußt, hat sich immerhin herumgesprochen. Desungeachtet wäre es allerdings herrlich, über eine interessenfreie Wissenschaft zu verfügen. Sie wäre eine Wissenschaft der Engel des unabhängigen Wissens.

Engel sind nicht der Menschen Wünsche hörig

Leben und lassen 3

In den Schönheiten des Wirklichen bin ich gefangen wie ein Abtrünniger der Ideen. Ich bin berauscht davon, daß buchstäblich nichts Lebendiges den Vorstellungen folgen muß oder will. Daß die Forscher und Interessierten nachträglich ihre Zurechtlegungen für das, was geschehen ist, finden, ist erwartbar. Ich halte die Wissenschaftler für Angehörige eines strengen Ordens, in dem darauf geachtet wird, daß die Grenzen des eigenen Wissenkönnens eingehalten und dessen Bedingungen reflektiert werden. Es ist, das zur Beruhigung, ganz und gar unnötig, daß wir alles wissen. Immer schon sorgt das Leben für uns und umgekehrt. Kontrolle handelt von Angst, wissen die Ordensmitglieder der Psychonautik.

Leben und lassen 3

Leben und lassen 2

Wenn das Denken käsig wird und lange Fäden zieht, öffnet man die Tür und spaziert nach draußen. Da ist dann meist schon die Sonne, ein paar Vöglein zwitschern, vielleicht gibt es ein Regengeschenk, gar kein Problem. Man muß sich nicht im Glas der Schaufensterscheibe spiegeln, hat sowieso schon genug von sich. Einfach nur sein, stehen bleiben oder gehen, bemerken ohne zu bewerten – und die Verallgemeinerungen in Ruhe lassen. Gar nicht schlecht, so ein menschliches Leben, wenn es sich einmal läßt. Oft kommt dann irgendeine Gier in die Quere und fummelt am Abzug herum. Die Pistole hübsch gesichert lassen, auch nicht nachladen. Wir spazieren einfach nur so rum, wollen gar nichts.

Leben und lassen 2