Wenn sich Glaube mit Geld zu Macht oder Macht mit Glaube zu Geld (die dritte Variante erleben wir zeitgemäß jetzt) zu bekehren beginnt, entsteht Leidens- und Gewaltgeschichte. Die Zeugen sprechen gepreßt. Man zieht sie aus den Jahrhunderten wie getrocknete Feigen. Einstmals hatten sie recht, nun verstehen wir. Das Verstehen kommt zu spät. Es ist tragisch. Können wir, dürfen wir, sollten wir Tragik mildern? Die Tragischen sind schöner und wirken erhabener als die Komischen. Die Banalen sind jene, die sagen, was man sagt, die tun, was man tut und so weiter.
Allgemein
Als sollten wir noch einmal von vorn beginnen
In einer Welt ohne Transzendenz kann Kunst nicht mehr sein. Sie wäre bestenfalls Unterhaltung und sorgte für Kurzweil gegen die Langweil. Doch die Langweil trüge den Sieg davon, weshalb mit Sensationen zu reagieren wäre und weiteren nach oben skalierten sogenannten Spektakeln. In solcher Zeit dürfen wir leben. Vor nahezu zwei Jahrzehnten, als wir planten, ein gedrucktes Lebens- und Kunstmagazin herauszugeben, das den Namen PALLAS trüge, wußten wir genau, daß die Unterhaltungsbranche am Ende war. Jedenfalls für uns, wir waren zu dritt. Man müßte sehr anders an den Start gehen, um den Themen des Lebens gewachsen zu sein. Wir starteten Pallas nicht, ließen sie liegen, gingen eigener Wege. Kein Makel, heißt es günstigenfalls im I Ging. Die nicht verwirklichten Projekte sind die besten. Jeder weiß es.
Sheridan Pickett, gespielt von Skywalker Hughes
Nicht jeder wird eine Fernsehserie ansehen wollen, die von einem Wildhüter namens Joe Pickett handelt, der am Rande der Rocky Mountains dafür sorgt, daß die Jagdregeln eingehalten werden. Ich erwähne die Serie, deren zweite Staffel ich nun ein zweites Mal schaue, da ich voll und ganz auf Seiten von Sheridan bin, der mittleren seiner und seiner Frau Kinder. Sheridan möchte die Wahrheit wissen, und sie ist jederzeit bereit, trotz ihres Alters, die ganze Wahrheit zu erfahren – und nicht die für sie herunterdosierte Version oder gar das Gegenteil, nämlich eine pädagogische Lüge. Wie alt mag sie sein? Ich weiß nicht, vielleicht wird es irgendwann erwähnt. Ich denke, sie ist sieben oder acht Jahre alt, möglicherweise neun. Sie ist diejenige, die am besten versteht. Solche Leute gibt es in jeder Familie.
Wie ein Zopf geflochten wird
Kann man Kinder in guter Absicht mit Lügen beruhigen? Ja, das läßt sich versuchen. Gelingen wird es nicht. Worin bestände die gute Absicht? Ich höre, sie würden dadurch geschützt; das Unangenehme möge eine Zeitlang noch ferngehalten werden, die Wahrheit wäre zumutbar ab einem gewissen Alter, dann käme es zu einer Art Offenbarung. Wie soll die aussehen? Ich habe länger als irgend jemand sonst auf der Welt an den Weihnachtsmann geglaubt. Das ist kein literarischer Witz. Ich kenne also die Kraft des Glaubens. Doch mir wurde niemals weisgemacht, die Kinder brächte der Klapperstorch oder alle geliebten Menschen seien automatisch gut. Ich hielt mich selbst sogar für böse, weil ich meines Erachtens nicht gut genug war. Deshalb fürchtete ich den Weihnachtsmann, Jahr für Jahr. Die Jahreszeit, da sich das ereignete, nähert sich nun. Gott ist für mich der Weihnachtsmann, ohne jeden Humor. Deshalb kann ich ohne mit der Wimper zu zucken sagen: Stell dir vor, du bist Gott. Die Mystiker wissen ohnehin Bescheid. Ohne mich ist Gott nicht, sagte einer von ihnen. Ohne Gott bin ich nicht. Wir benötigen einander. Mir ist das vollkommen klar. Gott ist ein Wort mit vier Buchstaben und einer Bedeutung, die unauslotbar tief ist. Flach genommen kommt nur Unsinn dabei heraus. Spricht jemand über Gott, erkennt man schnell, auf welchem Niveau die Regung stattfindet. Das ist nicht verwunderlich. Wir alle kommen aus den Parolen, sie sind die Überbleibsel unverstandener Geschichten.
Leben überlebt alles
Nach der Aufregung kommt die Beruhigung. So ist es stets. Der Marder fährt in die Hühner, gerät in einen Blutrausch, tötet zwei bis drei Tiere. Die toten Hennen liegen herum, der Hahn kräht laut. Er müßte der Chef sein und solche Aufregung verhindern, doch gegen einen Marder kommt er nicht. Umso stolzer läuft er umher und reckt sein Haupt empor. Endlich ist klar, daß auf dem Boden oder der Empore drei Tote liegen und dort liegen bleiben. Räumt kein Mensch sie fort, bleiben sie dort liegen, beginnen zu stinken und werden wie auf Befehl einer höheren Gewalt nach und nach zersetzt. Für die anderen Hühner und den Hahn geht das Leben weiter. Was sollen sie tun? Der Hühnerhof ist umzäunt. Die Erinnerung an den Marder bleibt bestehen. Er könnte wiederkommen, wenn erneut vergessen würde, die Klappe zum Hühnerstall zu schließen. Die Hühnerklappe schließen, das müßte ich tun. Ich hätte es damals tun müssen, doch ich kam zu spät. Da waren die Hennen bereits tot. Deshalb schreibe ich dies auf, längst ahnt man es. – Ich dachte dann (nahm an), daß der Marder befriedigt sei nach seinem ersten und spektakulär erfolgreichen Raubzug und nicht erneut einführe in die friedliche Hühnerschar. Doch er kam zurück, wieder war es meine Schuld, und vier weitere Hennen lagen blutbesudelt am Boden des Hühnerstalls. Während ich die Hühnerklappe hätte schließen müssen, war ich noch in eigenen Lebensdingen unterwegs, hatte wichtige Verabredungen. Einmal ist ein Versehen, das zweite Mal ist es Fahrlässigkeit. Der Vater bestrafte mich nicht, als er davon erfuhr.
Später einmal ist es etabliert, doch während es geschieht, ist es riskiert
Not to the Young
Anregung, Antrieb, Eingebung
Es heißt, der Mensch sei ein instinktschwaches Wesen, anders als die Tiere, mit denen er verglichen wird. Auf solcher Annahme oder Beweisführung beruhen Anthropologien. Ich erinnere mich an die Idee, der Mensch sei hinsichtlich spezifischer Überlebensfähigkeiten ein Mängelwesen, dessen evolutionärer Vorteil jedoch darin bestanden habe, fast sämtliche seiner Mängel klug ausgleichen zu können, insbesondere durch Werkzeuggebrauch und planvolles gemeinschaftliches Handeln. Ich erinnere mich der Busfahrten, als ich versuchte, Arnold Gehlens Der Mensch zu verstehen. Ich war Oberstufenschüler eines städtischen Gymnasiums, ein Auswärtiger, ein Dorfkind, eine Stunde mit dem Schülerbus entfernt draußen wohnend auf dem Land, eigene Fragen im Kopf, suchend sowieso, Lebenswelten wechselnd wie noch heute, da ich in Neukölln lebe und in Zehlendorf arbeite, beides Berlin. Wieso beschäftigen mich die Instinkte? Ich meine, wir hätten welche. Soll ich nicht wir sagen? Ich meine, ich hätte welche. Im tv-medialen Verkehrsunterricht sprach man vom siebten Sinn. Es geht nicht allein darum, etwas zu ahnen, sondern um aktivierte Aufmerksamkeit hinsichtlich einer eintreffenden Situation und deren Antizipation. Nicht nur privat, sondern auch politisch ist man auf Instinkte angewiesen. Falls die Biologen murren, schreibe ich sie in Anführungszeichen.
Wohlan
Ich spüre und sehe mit an, wie Menschen ihr eigenes Altwerden präfigurieren, das heißt, ungezwungen ihre Leblosigkeit vorbereiten. Leblosigkeit ist Erstarrung. Sie basteln emsig an einer Konfiguration, die zwar Sicherheit verspricht und solches Versprechen auch halten kann, aber das Lebendige ausschließt. Was geht mich das an? Eigentlich wenig, andererseits viel. Ich bin ihnen verbunden und leide mit. Wie würde ich es an ihrer Stelle tun? Ernsthaft gefragt. Ernsthaft geantwortet: Ich weiß es nicht. Da ich nun ein bißchen alt genug bin und ein anderer, weiß ich (immerhin das ist erreicht), daß zu leben bedeutet, viel zu geben, Angst zu überwinden und Fehler zu riskieren, sie nicht einmal zu scheuen. Es bedeutet, schwingungsfähig zu sein und in Berührungen zu geraten, auch in Konfrontationen. Wir sollen leben.
G wie Geld oder Geist oder Gespenst oder Gicht
Der November macht sich deutlich. Nebelmonat. Nun wird es tief. Die Toten kehren zurück. Nachdenklichkeit und Besonnenheit halten hof. Das besorgt die Natur. Sie ist die Chefin, jeder weiß und spürt das im eigenen Körper. Wir mögen rebellieren, randalieren, sie behält recht. Besser man legt sich mit ihr nicht an. Deshalb gibt es eine (von mir neuerlich eingeforderte) Naturphilosophie und hoffentlich eine Naturheilkunde, die solchen Namen verdient. Ich wurde zum Bewunderer des menschlichen Immunsystems, als man uns beizubringen versuchte, es sei defizitär.