Geboren zur rechten Zeit, wenn auch ein paar Wochen zu früh. Es gibt keine andere Zeit oder andere Orte, zu der oder an denen ich hätte leben wollen. Wird schon seine Richtigkeit haben, unterstelle ich. Begegnungen wecken meine Interesse. Wen spielt das Leben mir wann zu, worin mag die Bedeutung liegen? Erinnere mich an Robert Pirsigs „laterale Drift“, derzufolge man kein Ziel erfinden muß, wenn es keines gibt, es vielmehr darauf ankommt, zu den Seiten hin aufmerksam zu sein. Als ich das las, war ich Anfang zwanzig und verstand sofort. Sein Buch veränderte mein Leben für geraume Zeit. Ich war unglücklich, einsam und bekämpfte mich selbst. Mit einem Mal wurde es besser. Wie lange die Besserung hielt, weiß ich nicht. Sicher ein paar Wochen, vielleicht länger. Noch heute helfen mir ein paar seiner Ideen.
Allgemein
Kapuze
Es kann vorkommen, daß die Götter einem einen Engel schicken, gerade zur rechten Zeit. Der Engel muß kein Engel sein, die Götter nicht zwingend Götter, doch dankbar bin ich sehr. Die Straßenkreuzung ist asphaltschwarz und laut, das Neonviolett der Eisdiele läßt an Blütencocktails denken, an Zuchtrosen ohne Geruch. Es ist zu kalt, um draußen zu sitzen. Wir tun es. Die Lichter der Ampel wechseln die Farbe, die Wettbüros sind geöffnet. Jede Menge los, auch Erfreuliches. Der November kriecht im Schneckentempo, die Zeitdehnung hält an. Eine tiefe Rührung verschluckt mich, gedankenverloren gehe ich heim. Jeder Schritt tut wunderbar weh.
Als hätten wir die Wahl
Fünfzig Stunden Regen
Zuverlässig regnen die Tage den November ein, bis er unter Wasser steht. Zuverlässig mache ich hier weiter im Schwemmland der Ideen und Phantasien und ererbten Fragestellungen. Vor kurzem war kristallklar, daß ich nicht jemand sein kann, der irgend jemandem etwas vorwirft. Leben ist hart. Das wird einem vielleicht nicht gesagt. Man bekommt zur Einschulung eine Zuckertüte, da es süß sei oder sein solle. Nein, ist es nicht. Manchmal schon, sogar sehr süß und sehr lecker. Dann wieder eine Zumutung, ein Gewürge. Geht das endlos so weiter? Nicht endlos, doch weiter geht es schon. Ich höre draußen Stimmen, wer macht sich an wen ran. Das ist ebenfalls Leben, mein Gott, natürlich auch und insbesondere solches. Auf die Liebe, wird schon werden.
Pflaumenmus und Räucherspeck
Bauernhofkind zu sein – was heißt das? Es heißt, von wo zu kommen, Erde unter den Füßen zu spüren, wohin man auch geht. Heimaterde. Deshalb ersehne ich mir Leichtigkeit. Ich ersehnte mir nicht Leichtigkeit, fühlte ich mich leicht und frei und wäre bereit zu jeglichem Flug sonstwohin. Im Gegenteil, ich spüre die Last und die Nässe der schweren Böden meiner Heimat. Andererseits, und dieses Andererseits ist sehr mächtig, strebe ich hinaus in die Weite und Schönheit eines nichtarmen Lebens. Denn arm waren sie daheim, und das Karge und schamhaft Zurückgenommene kennzeichnen einen Teil meiner Herkunft, insbesondere auch die Ängstlichkeit eines Aberglaubens, der in allem Zeichen des Unheils erkennt. Ich verallgemeinere: Wir kommen nicht von sonstwo, und wir sind auch nicht zufällig die, die wir sind. Eine solche Annahme grenzte an Selbstaufgabe, wenn nicht -vernichtung. Sehen wir genauer hin, was da los war, als wir begannen.
Beim dritten Mal
Einmal lernte ich für ein knappes halbes Jahr Karate. Die Freundin war schuld, sie verschleppte mich in eine Sporthalle. Merken konnte ich mir wenig, die Kampfchoreographien waren schlimmer noch als die Tanzschulenschritte, auch fehlte es an Spiritualität (Geist und Begeisterung). Was ich mir gemerkt habe, ist das Folgende: Schlägt ein Gegner einmal auf mich ein, wehre ich ab. Schlägt er ein zweites Mal, wehre ich erneut ab und weiche vielleicht noch zurück. Schlägt er ein drittes Mal, erfolgt der Gegenschlag, schnell und gezielt, unmißverständlich.
In Geduld sind wir gut
Wenn das Leben eng und klein und feige geworden ist, haben wir das selbst zu verantworten und also auch bei uns selbst zu beginnen, sollten wir Weite, Größe und Mut anstreben. Dasjenige Wesen und Walten, das in einer klugen sprachlichen Fassung „Zeitgeist“ (Herder) genannt wird, gespenstert freigelassen herum und verteilt seine Marken auf jegliches, streunt und eilt hierhin bis dorthin, ergeht sich in Aktivität und erlischt. Manchmal muß man warten, bis Zeitgeist sich erledigt hat. Solches Erledigen besorgt ein jeder Geist, der einer bestimmbaren Zeit anhaftet, sich selbst. Insofern bedürfte es gewisser Geduld, gefiele einem ein bestimmter Zeitgeist nicht so sehr.
Aus dem Zusammenhang 366
„Wann ist dieser Bullshit denn endlich vorüber?“
„Wenn wir tot sind, okay. Wenn wir tot sind, nicht früher.“
Mayor of Kingstown, S4 E4
Ländliche Tanzfigur
Leben muß nicht idealisiert werden. Es riecht, es ächzt, es sondert Säfte aus. Die Kinder freuen sich über Fürze und imitieren sie, indem sie die Lippen auf den Unterarm pressen und Luft freilassen, jedenfalls die Jungens. Den Mädchen bringt man bei, sich vornehmer zu halten, aber schweinisch können sie zum Glück auch. Wir pendeln zwischen Adel und Abschaum, jeweils jeder. Später einmal, wenn man groß und bedeutsam ist, wird man sich eine Attitüde zugelegt haben, dazu die Kleidung und eine unverwechselbare Frisur. So schafft man Möglichkeiten, daß andere an einem emporstaunen können. Der Bauer in mir rülpst, der Adlige sagt: Gut so. Was ist denn schon dabei. Widerlich sind doch die Quälereien und Schindereien, das bewußte Kaputtmachen. Ansonsten lauter Arrangements und die Hoffnung, daß bei einem selbst noch etwas herausspringt hinsichtlich Begabung oder Beglückung. Niemals aller Tage Abend, und der Irrwitz mancher Tage strandet, landet, krepiert blindgängerisch. Dies gegen die Sterilität. Uns wachsen Haare sonstwo. Was ist mit denen?
Bauernhofkind 2
Ich nenne mich Bauernhofkind, da dort meine ersten neunzehn Jahre stattfanden. Wohnhaus, Scheune, Stall. Hof und Gemüsegarten, nach vorn zur Straße ein paar Blumen für die Schönheit. Hühner, Kühe, Schweine. Dazu als Haustier der Hund, er durfte ins Haus. In Stall und Scheune die Katzen, sie durften nicht. Wir ernteten Gerste, Roggen, Hafer, Weizen, Rüben und Kartoffeln. Die Kühe kamen auf die Weide, zum Melken mußten sie in den Stall getrieben werden, immer mit der Ruhe. Das Verhältnis zu den Tieren ist vollkommen unsentimental, auch wenn die Kühe Namen bekamen. Edith, Gerda, Senta. Ich liebte ihre feuchtschimmernden Augen und liebe sie noch. Ich verabscheue Tierquälerei, wie ich Menschenquälerei verabscheue. Die Jungs spielten schlimme Streiche: der Katze eine Blechbüchse an den Schwanz, daß sie sich totrennt, Frösche mit dem Strohhalm aufblasen, bis sie platzen. Spielfeld der Grausamkeit. Die Sache mit der kleinen Katze (siehe unten) war kein Vergnügen. Es war ein Versuch, mich der bäuerlichen Wirklichkeit zu stellen. Mein Mitleid erschien mir lähmend groß, ich würde daran zugrunde gehen. Auch aus solchen Konflikten besteht das Leben. Die Bürger geben die Katze zum Tierarzt, der macht sie steril. Das gab es auf dem Dorf nicht, damals jedenfalls nicht, als es dort nur so wimmelte vor Leben.