Wie geht man um mit der eigenen inneren Leere? Man stellt sich vor, man wäre tot. Was würde fehlen? Derart aus der Welt genommen zu sein entlastet. Was ist das hier, dieses Spektakel namens Leben, diese Inszenierung namens Wirklichkeit, wer hat sich das ausgedacht. Gibt es jemanden, den man zur Verantwortung ziehen könnte. Was soll gemeint sein, wenn man Gott sagt. Schon drängeln die Religionsvertreter und schnipsen, kommen mit ihren altbewährten Rezepten. Sie werfen sich auf die Zweifelnden wie Geier auf ein Stück Aas. Was soll auf meinem Grabstein stehen?
Allgemein
Totenkult 3
Manche nehmen sich selbst als zufällig. Zufällig bin ich dies, wurde zufällig dort geboren und wuchs zufällig als Kind gewisser Eltern auf. Auch auf solche Weise macht man aus sich selbst eine Groteske. Dabei sind die genannten Elemente eigener Existenz hochbedeutsam. Eigener Existenz. Nicht die eines anderen, nicht eine geliehene, ausgeborgte, erspielte, ergaunerte. Wir sind die, die wir sind. Dies nicht primitiv tautologisch reformuliert, sondern enthusiastisch. Es wird dich nicht ein zweites Mal geben. Wir verstehen den Sinn der Individuation nicht oder ungenügend. Da wir das nicht tun, eiern wir herum wie Gespenster und tun Dinge, die nur Gespenster tun. Da wir nicht einmal wissen, wer wir selbst sind, verfehlen wir uns ständig. Schemenhaft taumeln wir aneinander vorbei. Das ist mein Gefühl von Anbeginn. Dieses Flüchtige, Rieselnde, Unstete.
Totenkult 2
Wenn wir kein Grab mehr wert sind, was sind wir denn überhaupt wert. Was halten wir von uns selbst, wenn wir keine Umstände mehr machen möchten? Wie elegant und überrestefrei wollen wir denn scheiden. Ich weiß schon – niemandem zur Last fallen und so weiter. Auch so räumt man sich aus. Technisch läßt sich manches lösen, doch es ziehen Schmerzen in Brust und Kopf. Zu jedem Leben gehört ein Ende, und das Ende möge es krönen und soll würdiger Abschluß sein. So wünsche ich mir das und nicht nur für mich. Man kann verröcheln und an Maschinen angeschlossen verdämmern – ich weiß das. Doch erheben wir es nicht zur Regel. Mir ist, als sei gar nicht verstanden, was ein einzelner Mensch ist. Der einzelne Mensch selbst weiß es nicht. Das ist ein aufzudeckender Skandal. Das Allerwichtigste weiß hierzulande kein Mensch, man stelle sich das vor.
Totenkult 1
Wohin mit uns, wenn wir Leichnam sind? Kalt und tot liegen wir im Weg, warum nicht in die nächstbeste Biotonne? Entsorgung hieße das und wäre verständlich zu machen der herrschenden Vernunft. Man könnte das auspreisen als letztlich beste Lösung, auch im Sinne der Hinterbliebenen. Ihnen wären Kosten erspart, denn es geht doch ums Geld. Worum sonst könnte es gehen? Hineingefragt in die Expertenrunde der Lebenden.
Phantasien
Häuserwände leiten den Blick
Müder Tag. Melancholien leuchten auf. Wie schwer die Rosen ihre Blüten tragen. Das Wetter wird besprochen, die Verhaltensweisen werden besprochen. Zunehmender Mond. Meine Mutter war mondsüchtig, wie man das nannte. Als Mädchen verließ sie schlafwandelnd nachts Bett und Kammer und folgte irgendeiner Spur, stets bei Vollmond. Als sie Kinder bekam, hörte das auf. Wir sind seltsam unterwegs trotz all der anerkannten Gründe. Wer weiß schon, wo er landet. Immerhin fliege ich schon. Mauersegler hieße mein Wunschberuf.
Schatz und schätzen versinken im Teekessel
Seit ein paar Jahren ist in Deutschland vermehrt die Rede von wertschätzendem Verhalten usw. Sie ist mir als Floskel verdächtig, wenngleich Vorhaben und Absicht edel und hochgemut anmuten mögen. Im Nichtort Utopia werden alle stets das Beste tun und beabsichtigen, das ist gewiß, und dafür entsprechend anerkannt sein mögen und werden. Einstweilen müssen wir es aber gemeinsam auf Erden in den Wirklichkeiten aushalten. Da kommt ein solcher Wunsch nach Wertschätzung einer utopischen Idealforderung nahe – und der diabolische Verstand macht aus Wertschätzung eine nur ungefähre Schätzung des Werts, eine Pi-mal-Daumen-Angelegenheit. Als ginge man zum Pfandleiher und ließe den Wert einer goldenen Uhr schätzen. Ein Konfirmationsgeschenk oder ein Erbstück, man hat das längst vergessen. Ich finde die goldene Uhr interessant. Hatte nie eine, wünsche mir keine. Daß damit zu protzen sein könnte, stimmt mich fröhlich. Ein Hurra auf die Auszeichnungen.
Magnetismus
Nachts um zwei noch Glas in die Altglastonne scheppern, das ist Entschlossenheit. Ansonsten ist es hier stiller als vor den Corona-Jahren. Die haben das Leben abgedämpft. Man hörte auch mehr Musik damals aus den vielen Fenstern des Hinterhofs. Wir waren jünger, schon sind wir älter. Mich dauern die armen Kulturhistoriker, die dermaleinst über jene verdunkelten Jahre des Denkens und den Zusammenbruch des freien öffentlichen Lebens werden schriftlich handeln müssen. Man muß viel vom Menschen wissen, ehe man solches beginnen kann. Die Oberflächenphänomene sind ein leichter Witz verglichen mit dem, was im Innern des Menschen jeweils geschah. Bis heute sind die Leute reizbar, kein Wunder. Man soll sie nicht malträtieren, nicht ausrichten wollen.
Wolkenheim
Information ist ein kalter Griff
Manche wissen Bescheid. Andere nicht. Nicht schlimm. Der Brocken ist die höchste Erhebung im Harz. Das Teufelsmoor liegt westlich von Worpswede. Neukölln hieß früher Rixdorf. Goethe wurde 1749 geboren, Sternzeichen Jungfrau, und starb 1832. Weiß man doch. Wissen häuft sich an und liegt herum, wer was braucht, soll sich bücken oder strecken. Einstweilen ist Wissen durch Kompetenzen ausgestochen, doch auch dies, folgenschwer und luftig-dünn, wird sich geben wie von selbst. Kompetenz ist eine Management-Angelegenheit, Wissen speist sich aus Erfahrung, also Berührung, also Sinnlichkeit. Die Bücher bilden Brücken zu ihr, sie entzünden das empfindsame Gemüt und stimulieren den tätigen Geist. Ich erinnere mich an einen alten Freund, der mir damals (wann war das) erklärte, was es mit dem Umbau der Wissenssysteme auf sich hatte, als unsere Kultur von der organisch-bildhaften zur alphabetischen Wissensordnung überging, siehe die Enzyklopädien.