Fernweh

Manchmal an Bahnhöfen, zum Beispiel nachmittags, die Sonne brennt von oben, eine Überdachung spendet Schatten, man muß noch warten, donnert plötzlich ein Güterzug durch. Masse und Macht. Man zählt die Waggons und kommt auf 26. Eine Zahl, die ich nichtssagend finde, zugleich wissend, daß es Nichtssagendes nicht geben kann, da alles spricht und verweist und vollgepackt ist mit Bedeutungen und Zuschreibungen und Flüchtigem. Dem Zug hinterher das Gedenken an die Tramps, die auf solchen Zügen durchs Land reisten, verfolgt, gehaßt, vertrieben. Die Tramps sind fort, von den Straßen, von den Schienen. Tauchen sie wieder auf, weiß ich, daß die Lebendigkeit zurück ist. Sie wird sich melden, ich weiß das. Wer jung ist, soll nicht zahlen müssen für eine Fahrt von hier nach dort, und wer arm ist, sowieso nicht.

Fernweh

Dünne Wände

Zum Beispiel ist vollkommen klar, daß wir eine Rückkehr in die Glaubensvereinigungen verzeichnen werden. Auch die christlichen Kirchen bekommen ihr Comeback. Die Kirchenaustritte täuschen. Die Rückkehr in gesicherte Glaubenspositionen liegt im Fahrtwind der materialistischen Verunsicherungen. Die einstweilen Künstliche Intelligenz genannte Fertigkeit wird sich als kultureller Flop erweisen, wenngleich die Entlastungs- und Rechenleistungen enorm sind. Wir stagnieren oder retardieren geistig auf hohem technologischen Niveau. Die Begeisterungen wirken fade und gemacht. Bald interessiert sich niemand mehr für virtual reality. Doch die Konservativen halten die Sache am Laufen. So lautet ihr Job. Die Überschrift könnte auch lauten iPhone16pro, lautet sie aber nicht.

Dünne Wände

Dicke Wände

Als Kind nahm ich Maß an den Erwachsenen. Und wie ich das tat. Ich beobachtete jede einzelne ihrer zugänglichen Verhaltensweisen und wußte genau, welche mir zugedacht sein könnten, insbesondere, welche nicht. Bis heute sehe ich an, was die Leute so treiben, nehme Maß und verwerfe. Einiges gefällt, paßt, läßt sich an. Solches Unterscheiden und Wählen klingt kompliziert, ist jedoch einfach. Von dort aus ein Sprung: Gestern lauschte ich einem Priester, der zu berichten mochte, wie sein Glaube ihm helfe, nicht irre zu gehen in dieser Welt. Doch er sprach lediglich aus seinen gesetzten Setzungen heraus und blieb derart in ihnen verhaftet, daß es mir schien, er spräche aus einer Festung. Immerhin ist die Festung fest. Zudem könnte sie noch anderes sein, zum Beispiel Wahlgefängnis, also Angstbau.

Dicke Wände

Imitationslerner

Einst werden wir genauso blöd sein wie die, die uns jetzt auf die Nerven fallen. – Etwa so ist die Befürchtung der Kinder und Jugendlichen. Deshalb auch lehnen sie es standhaft ab, von Leuten zu lernen, wie die zu werden sie fürchten. Menschen suchen sich ihre Lehrer selbst aus, das war schon immer so. Deshalb auch ist Schule ein schwieriges Feld.

Imitationslerner

Mittlerweile alt genug

Als Kind wußte ich genau: die Erwachsenen sind die Anderen. Jedes Kind weiß das. Man steht klein, abhängig und anderswissend neben ihnen. Einst werden auch sie klein gewesen sein, doch nun sind sie groß und wissen Bescheid. Da von ihnen die Verbote und die Erlaubnisse ausgehen, lernt man sie achten und fürchten. Man ist auf sie angewiesen, eine quälend lange Zeit. Verstößt man gegen Gesetze, muß man büßen, verletzt man die Regeln, soll man sich schämen. Früher bekam man eine geknallt. Heute auch noch, nur daß niemand darüber spricht. Manches Kind ersinnt aus solchen Erfahrungen eine Rache. Nichts ist vergessen, wenig vergeben. Mir sind die Erwachsenen bis heute unheimlich, das habe ich aus der Kindheit mitgenommen. Bis heute ducke ich mich, wenn sie die Welt erklären oder Normalität definieren. Dünnes Eis unter behauptenden Schritten. Ich beobachtete sie, als seien sie meine Feinde. Ich studierte sie durch und durch. Ich wußte, daß von diesen Beobachtungen alles Weitere abhängen würde.

Mittlerweile alt genug

Artgenossen

Die Gier muß man nicht adeln. Daß sie existiert, mag reichen. Gier nach Ruhm, nach Anerkennung, nach Untergang sogar. Man kennt sich im Menschen nicht aus, selbst wenn man einer ist. Der Gier entgegengesetzt wären Verzicht und Askese, beide ebenfalls mit Lustgewinn verbucht, nur anders. Es läßt sich die eitle von der uneitlen Bescheidenheit unterscheiden, man sieht das auf einen Blick. Menschenkenntnis – wie erwirbt man die?

Artgenossen

Aus dem Zusammenhang 354

„Der entscheidende Punkt ist doch, daß die Gier – leider gibt es dafür kein besseres Wort – gut ist. Die Gier ist richtig. Die Gier funktioniert. Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jeden fortschrittlichen Geistes. Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, Wissen, hat die Entwicklung der Menschheit geprägt. Und die Gier – bedenken Sie diese Worte – wird nicht nur die Rettung sein für Teldar Paper, sondern auch für diese andere schlecht funktionierende Firma, die USA. Haben Sie vielen Dank.“

Gordon Gekko (Michael Douglas) in Wall Street [1987]

Aus dem Zusammenhang 354

Blinde Kuh

Wir sind verurteilt zu uns selbst. Es gibt kein Entweichen. Das Selbst ist das Wesen, also das Wesentliche und Eigentliche. Früher einmal, sehr viel früher, ängstigte mich die Vorstellung, ich könnte mich verfehlen, und hielt ein Vergehen für möglich, das ich Selbstvermeidung nannte. Ich möchte nicht behaupten, daß ich deshalb auf der Hut war, glaube vielmehr, daß man sich gar nicht entgehen kann. Selbstverwirklichung ist unvermeidlich. Das gelebte Leben ist ein Spiegel, und eines Tages vielleicht der einer Erkenntnis. Es geht weiter, dieses wild und leidenschaftlich besprochene Leben, Tag für Tag. Unweigerlich nähern wir uns den Wahrheiten, die zu vernehmen wir abgeneigt sein könnten. Manche werden im Alter taub, andere früher. Das Wort Schicksal ist mir zu laut und zu verhängnisvoll. Einst habe ich es geliebt, gesucht, gefürchtet. Jung sein bedeutet, wilde und gefährliche Spiele zu begehren, irrwitzige Größenvergleiche anzustellen, siegesgewiß zu sein wie ein schöner und tapferer Idiot.

Blinde Kuh

Erste Schritte in den Tag

Der Tag beginnt mit der Wahl der richtigen Farbe meiner Trinkschale für den Milchkaffee. Heute sei ein sanftes Beige mit mir. Nachts lauschte ich dem Regen und war glücklich. Im Traum war ich zu Besuch und enttäuscht, doch der Schlaf hat Kraft gespendet. Zu sich kommen, im Tag ankommen, erste Gedanken ausprobieren. Bedächtig denken, behutsam schreiben. Gestern war es gut, heute wird es werden. Es ist das Leben, das wir leben.

Erste Schritte in den Tag