Heimweg an einem wundersamen Tag. Mich wundert gar nichts mehr. Steht eine Frau im Trechcoat an der Ecke, fragt erst den einen Mann, dann mich, ob ich wolle. Nicht das, was zu denken oder angeblich zu erwarten wäre. Sie bietet Kokos-Pralinen an, hält die geöffnete Packung vor mich hin, einfach so. Ich entschuldige mich, daß ich eilend war, sage auch, daß es schlimm ist, stets das Schlimmste zu denken. Sind die vergiftet? Sie zeigt mir die Packung, sind wie Rafaelo, nur so ähnlich. Ich nehme eine und gehe weiter. Ihre Augen sind gut. Sonst hätte ich nicht genommen. Was sie dazu treibt, Pralinen zu verteilen, geht mich nichts an. Ich möchte auch geben, insofern verstehe ich das.
Allgemein
Sonntag im kühlen Mai
Es weht, es ist kühl, mir ist kalt. In unregelmäßigen Abständen fallen ein paar Tropfen aus den klumpigen Wolken. Die Pflanzen strotzen vor Grün. Die Leute tragen Wind-und-Wetter-Jacken, die Biergärten haben zu. Den Spaziergang befiehlt die praktische Vernunft. So waren die Sommer meiner Kindheit, weiß ich noch. Ich erwartete ihre Monate mit einem bangen Hoffen, daß sie nicht erneut verregnet wären. Zuhause muß man es sich gemütlich machen, Blumenkohlsuppe kochen, Kerzenlicht entzünden. Vielleicht findet sich ein Film, der das Herz erwärmt und die Sinne erfreut.
Rätselhaftes Tun
Die eigenen Aussagen sind einem immer zu nah. Sie sind wie die Haut, die die Schlange abgeworfen hat, und die frische Haut darunter ist noch wund. Manche Sätze hier sage ich, um sie loszuwerden. Austreibung böser Geister. Sie sind nicht adressiert, sondern treiben ins Weltall, das sich für Wörter und Sätze kaum interessiert – nach jetzigem Wissensstand. Aus dem Herzen soll man keine Mördergrube machen, heißt es. Das Kommunikationsquadrat (Friedemann Schulz von Thun, 1981) hilft – es handelt sich um die Seite der Selbstkundgabe, wie auch in der Lyrik. Es ist keinerlei Appell damit verknüpft. Doch da wir Wirklichkeiten teilen und in ihnen zuhause sind, manchmal fremd uns fühlend, mögen sich Ähnlichkeiten zu der Wahrnehmung anderer ergeben. Sie dienen nicht dem Beziehungsauf- oder -abbau, ihr Sachbezug mag schwach sein. Dennoch fordern sie wie störrische Wesen ihr Recht.
Uns sind Stimmen gegeben 3
Es muß noch mehr gesagt werden, und ich will versuchen, es angemessen zu sagen. Ich müßte eine Eloge ausbringen, eine Lobrede. Sie handelte von Furcht und Schrecken, ausgesandt von einer Rachegöttin, die ihren Schmerz nicht länger in sich bergen kann, sondern ihn hinausgibt in die Sphären. — Wir werden unverzeihlich verletzt, wieder und wieder, und stecken es ein, stecken es weg, schweigen es fort, versimpeln es zu Anekdoten oder zucken hilflos mit den Achseln, sagen Ist so. Ja. Und doch schwelt dieses Feuer und wartet, könnte es denn warten, darauf nämlich, in Brand gesetzt zu werden und hohe, verzehrende Flamme zu werden. Dafür sind die Künste gegeben, uns zu reinigen von der vernichtenden Kraft tief erlittener Wahrheit.
Uns sind Stimmen gegeben 2
Als ich Grace Cummings aus Melbourne, aufgezeichnet in jenem Studio in Seattle, hörte und sah, dachte, vielmehr fühlte ich: Wenn sie so singt, wie lebe ich denn dann! Es verursachte eine Empörung, einen inneren Aufstand gegen mich selbst – also für mich selbst. Denn auch ich möchte mich äußern und quälen, ganz an meine Grenzen geraten, und zwar derart, daß ich mich nicht zu entschuldigen habe. Sie zu hören glich nicht einer Erweckung, sondern einer Erinnerung. Der Erinnerung, hier nicht unvollendet zu verschlafen oder zu verdämmern, sondern es hinauszuschreien, zu flüstern, zu wispern, was nicht zu verschweigen ist.
Einsame Mitte
Die Kleidermotten schwirren und irren im nächtlichen Licht. Die Insekten sind zurück, ich begrüße jede einzelne bei ihrem Namen. Bald werden die Fruchtfliegen eintreffen, die so klein sind, daß ich sie lieben könnte. Ich habe zwei angebrannte Zündholzer gekreuzt und hoffe, daß sich daraus kein Omen ergibt. Bisher verlief die Woche gut, ich konnte lachen. Das Politische klärt sich, ich verlasse mich darauf. Ich weiß schon ganz gut, wann ich kämpfen muß. Ich verteidige jeden gegen jeden, damit das mal klar ist.
So geht es hin und her wie beim Tennis, und jeder Ball hat recht
Wie konnte es soweit kommen
Im schönen Jahr 1997
Er darf alles
Weiter unten redet Leonard Cohen mit einer Fragestellerin. Mir mißfällt, daß er mit ihr flirtet. Das gesamte Gespräch gerät derart auf eine schräge Bahn. Es wird zum Spiel zwischen zwei Leuten, wir sehen und hören zu, dürfen-müssen das beobachten, bestaunen, bewundern und so weiter. Der große Held baut ein Zelt aus Intimität und läßt sich dabei filmen. Ich empfinde das als unpassend. Den entscheidenden Satz, den er sagt, mag ich sehr. Sich heilen zu lassen von der Annahme, man sei krank. Exakt darum geht es. Allerdings nicht einfach so. Dazu später mehr oder niemals.