Schatz und schätzen versinken im Teekessel

Seit ein paar Jahren ist in Deutschland vermehrt die Rede von wertschätzendem Verhalten usw. Sie ist mir als Floskel verdächtig, wenngleich Vorhaben und Absicht edel und hochgemut anmuten mögen. Im Nichtort Utopia werden alle stets das Beste tun und beabsichtigen, das ist gewiß, und dafür entsprechend anerkannt sein mögen und werden. Einstweilen müssen wir es aber gemeinsam auf Erden in den Wirklichkeiten aushalten. Da kommt ein solcher Wunsch nach Wertschätzung einer utopischen Idealforderung nahe – und der diabolische Verstand macht aus Wertschätzung eine nur ungefähre Schätzung des Werts, eine Pi-mal-Daumen-Angelegenheit. Als ginge man zum Pfandleiher und ließe den Wert einer goldenen Uhr schätzen. Ein Konfirmationsgeschenk oder ein Erbstück, man hat das längst vergessen. Ich finde die goldene Uhr interessant. Hatte nie eine, wünsche mir keine. Daß damit zu protzen sein könnte, stimmt mich fröhlich. Ein Hurra auf die Auszeichnungen.

Schatz und schätzen versinken im Teekessel

Magnetismus

Nachts um zwei noch Glas in die Altglastonne scheppern, das ist Entschlossenheit. Ansonsten ist es hier stiller als vor den Corona-Jahren. Die haben das Leben abgedämpft. Man hörte auch mehr Musik damals aus den vielen Fenstern des Hinterhofs. Wir waren jünger, schon sind wir älter. Mich dauern die armen Kulturhistoriker, die dermaleinst über jene verdunkelten Jahre des Denkens und den Zusammenbruch des freien öffentlichen Lebens werden schriftlich handeln müssen. Man muß viel vom Menschen wissen, ehe man solches beginnen kann. Die Oberflächenphänomene sind ein leichter Witz verglichen mit dem, was im Innern des Menschen jeweils geschah. Bis heute sind die Leute reizbar, kein Wunder. Man soll sie nicht malträtieren, nicht ausrichten wollen.

Magnetismus

Information ist ein kalter Griff

Manche wissen Bescheid. Andere nicht. Nicht schlimm. Der Brocken ist die höchste Erhebung im Harz. Das Teufelsmoor liegt westlich von Worpswede. Neukölln hieß früher Rixdorf. Goethe wurde 1749 geboren, Sternzeichen Jungfrau, und starb 1832. Weiß man doch. Wissen häuft sich an und liegt herum, wer was braucht, soll sich bücken oder strecken. Einstweilen ist Wissen durch Kompetenzen ausgestochen, doch auch dies, folgenschwer und luftig-dünn, wird sich geben wie von selbst. Kompetenz ist eine Management-Angelegenheit, Wissen speist sich aus Erfahrung, also Berührung, also Sinnlichkeit. Die Bücher bilden Brücken zu ihr, sie entzünden das empfindsame Gemüt und stimulieren den tätigen Geist. Ich erinnere mich an einen alten Freund, der mir damals (wann war das) erklärte, was es mit dem Umbau der Wissenssysteme auf sich hatte, als unsere Kultur von der organisch-bildhaften zur alphabetischen Wissensordnung überging, siehe die Enzyklopädien.

Information ist ein kalter Griff

Fernweh

Manchmal an Bahnhöfen, zum Beispiel nachmittags, die Sonne brennt von oben, eine Überdachung spendet Schatten, man muß noch warten, donnert plötzlich ein Güterzug durch. Masse und Macht. Man zählt die Waggons und kommt auf 26. Eine Zahl, die ich nichtssagend finde, zugleich wissend, daß es Nichtssagendes nicht geben kann, da alles spricht und verweist und vollgepackt ist mit Bedeutungen und Zuschreibungen und Flüchtigem. Dem Zug hinterher das Gedenken an die Tramps, die auf solchen Zügen durchs Land reisten, verfolgt, gehaßt, vertrieben. Die Tramps sind fort, von den Straßen, von den Schienen. Tauchen sie wieder auf, weiß ich, daß die Lebendigkeit zurück ist. Sie wird sich melden, ich weiß das. Wer jung ist, soll nicht zahlen müssen für eine Fahrt von hier nach dort, und wer arm ist, sowieso nicht.

Fernweh

Dünne Wände

Zum Beispiel ist vollkommen klar, daß wir eine Rückkehr in die Glaubensvereinigungen verzeichnen werden. Auch die christlichen Kirchen bekommen ihr Comeback. Die Kirchenaustritte täuschen. Die Rückkehr in gesicherte Glaubenspositionen liegt im Fahrtwind der materialistischen Verunsicherungen. Die einstweilen Künstliche Intelligenz genannte Fertigkeit wird sich als kultureller Flop erweisen, wenngleich die Entlastungs- und Rechenleistungen enorm sind. Wir stagnieren oder retardieren geistig auf hohem technologischen Niveau. Die Begeisterungen wirken fade und gemacht. Bald interessiert sich niemand mehr für virtual reality. Doch die Konservativen halten die Sache am Laufen. So lautet ihr Job. Die Überschrift könnte auch lauten iPhone16pro, lautet sie aber nicht.

Dünne Wände

Dicke Wände

Als Kind nahm ich Maß an den Erwachsenen. Und wie ich das tat. Ich beobachtete jede einzelne ihrer zugänglichen Verhaltensweisen und wußte genau, welche mir zugedacht sein könnten, insbesondere, welche nicht. Bis heute sehe ich an, was die Leute so treiben, nehme Maß und verwerfe. Einiges gefällt, paßt, läßt sich an. Solches Unterscheiden und Wählen klingt kompliziert, ist jedoch einfach. Von dort aus ein Sprung: Gestern lauschte ich einem Priester, der zu berichten mochte, wie sein Glaube ihm helfe, nicht irre zu gehen in dieser Welt. Doch er sprach lediglich aus seinen gesetzten Setzungen heraus und blieb derart in ihnen verhaftet, daß es mir schien, er spräche aus einer Festung. Immerhin ist die Festung fest. Zudem könnte sie noch anderes sein, zum Beispiel Wahlgefängnis, also Angstbau.

Dicke Wände

Imitationslerner

Einst werden wir genauso blöd sein wie die, die uns jetzt auf die Nerven fallen. – Etwa so ist die Befürchtung der Kinder und Jugendlichen. Deshalb auch lehnen sie es standhaft ab, von Leuten zu lernen, wie die zu werden sie fürchten. Menschen suchen sich ihre Lehrer selbst aus, das war schon immer so. Deshalb auch ist Schule ein schwieriges Feld.

Imitationslerner

Mittlerweile alt genug

Als Kind wußte ich genau: die Erwachsenen sind die Anderen. Jedes Kind weiß das. Man steht klein, abhängig und anderswissend neben ihnen. Einst werden auch sie klein gewesen sein, doch nun sind sie groß und wissen Bescheid. Da von ihnen die Verbote und die Erlaubnisse ausgehen, lernt man sie achten und fürchten. Man ist auf sie angewiesen, eine quälend lange Zeit. Verstößt man gegen Gesetze, muß man büßen, verletzt man die Regeln, soll man sich schämen. Früher bekam man eine geknallt. Heute auch noch, nur daß niemand darüber spricht. Manches Kind ersinnt aus solchen Erfahrungen eine Rache. Nichts ist vergessen, wenig vergeben. Mir sind die Erwachsenen bis heute unheimlich, das habe ich aus der Kindheit mitgenommen. Bis heute ducke ich mich, wenn sie die Welt erklären oder Normalität definieren. Dünnes Eis unter behauptenden Schritten. Ich beobachtete sie, als seien sie meine Feinde. Ich studierte sie durch und durch. Ich wußte, daß von diesen Beobachtungen alles Weitere abhängen würde.

Mittlerweile alt genug