Artgenossen

Die Gier muß man nicht adeln. Daß sie existiert, mag reichen. Gier nach Ruhm, nach Anerkennung, nach Untergang sogar. Man kennt sich im Menschen nicht aus, selbst wenn man einer ist. Der Gier entgegengesetzt wären Verzicht und Askese, beide ebenfalls mit Lustgewinn verbucht, nur anders. Es läßt sich die eitle von der uneitlen Bescheidenheit unterscheiden, man sieht das auf einen Blick. Menschenkenntnis – wie erwirbt man die?

Artgenossen

Aus dem Zusammenhang 354

„Der entscheidende Punkt ist doch, daß die Gier – leider gibt es dafür kein besseres Wort – gut ist. Die Gier ist richtig. Die Gier funktioniert. Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jeden fortschrittlichen Geistes. Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, Wissen, hat die Entwicklung der Menschheit geprägt. Und die Gier – bedenken Sie diese Worte – wird nicht nur die Rettung sein für Teldar Paper, sondern auch für diese andere schlecht funktionierende Firma, die USA. Haben Sie vielen Dank.“

Gordon Gekko (Michael Douglas) in Wall Street [1987]

Aus dem Zusammenhang 354

Blinde Kuh

Wir sind verurteilt zu uns selbst. Es gibt kein Entweichen. Das Selbst ist das Wesen, also das Wesentliche und Eigentliche. Früher einmal, sehr viel früher, ängstigte mich die Vorstellung, ich könnte mich verfehlen, und hielt ein Vergehen für möglich, das ich Selbstvermeidung nannte. Ich möchte nicht behaupten, daß ich deshalb auf der Hut war, glaube vielmehr, daß man sich gar nicht entgehen kann. Selbstverwirklichung ist unvermeidlich. Das gelebte Leben ist ein Spiegel, und eines Tages vielleicht der einer Erkenntnis. Es geht weiter, dieses wild und leidenschaftlich besprochene Leben, Tag für Tag. Unweigerlich nähern wir uns den Wahrheiten, die zu vernehmen wir abgeneigt sein könnten. Manche werden im Alter taub, andere früher. Das Wort Schicksal ist mir zu laut und zu verhängnisvoll. Einst habe ich es geliebt, gesucht, gefürchtet. Jung sein bedeutet, wilde und gefährliche Spiele zu begehren, irrwitzige Größenvergleiche anzustellen, siegesgewiß zu sein wie ein schöner und tapferer Idiot.

Blinde Kuh

Erste Schritte in den Tag

Der Tag beginnt mit der Wahl der richtigen Farbe meiner Trinkschale für den Milchkaffee. Heute sei ein sanftes Beige mit mir. Nachts lauschte ich dem Regen und war glücklich. Im Traum war ich zu Besuch und enttäuscht, doch der Schlaf hat Kraft gespendet. Zu sich kommen, im Tag ankommen, erste Gedanken ausprobieren. Bedächtig denken, behutsam schreiben. Gestern war es gut, heute wird es werden. Es ist das Leben, das wir leben.

Erste Schritte in den Tag

Von oben und allen Seiten

Leise wie ein Gerücht macht sich der Regen bemerkbar. Zunächst wird gewispert, dann getuschelt. Endlich prasselt es hernieder, notfalls vernichtend. Daß Menschen unaufhörlich aufeinander einwirken wollen, beschäftigt mich. Wer darf denn vom wem was verlangen dürfen – außer von sich selbst. Und hier ist bereits das frisch ausgepackte Fragezeichen, es wurde just in time geliefert, Trinkgeld drauf und fertig.

Von oben und allen Seiten

Bauernkinder

Anstrengendes Frühjahr, kühler Mai, wenig Regen. Das Wetterradar kündigt die Ankunft eines Wolkenbandes an. Ich öffne die Oberlichter des Fensters, möchte zuhören, wenn es aus allen Wolken fällt. In dem Spielfilm (Lamb, 2021) werden in einem Stall auf Island Lämmer geboren. Ich kenne solche Tiergeburten aus Kindheit und Jugend. Die Tiermutter leckt und reinigt das Fell der Jungtiere, die kurz darauf schon auf ihren Beinchen stehen. Anders bei den Katzen, die nicht Fluchttiere sind. Ein einziges Mal wurde ich von unserer Chef- und Hofkatze zur Geburt gebeten. Sie gab keine Ruhe, ich sollte ihr folgen. Im Stroh gebar sie vier kleine Häufchen von der Größe vielleicht eines Maulwurfs. Ich sollte dabei sein. Das ist nicht zuvor und nicht wieder danach geschehen. Katzen sind diskret, sie erledigen alles Entscheidende allein und für sich. Noch fällt nichts vom Himmel. Es ist nahezu windstill.

Bauernkinder

Aus beträchtlicher Höhe und beachtlicher Tiefe

Es gibt zwei Interventionen des akuten Sprechens. Die eine läuft darauf hinaus, daß ein ruhiges Publikum beunruhigt, die andere, daß ein beunruhigtes Publikum beruhigt wird. Beide Akte sind solche des Sprechens und Befolgens. Es gibt eine dritte, wie stets. Sie ist die erste, die angegriffen wird und zerstört werden soll, wenn die Truppen sich in Marsch setzen. Denn in einem Krieg gibt es nur zwei Mächte, das wird durchgesetzt werden. Wie lautet sie also, die dritte Position, bevor sie einstweilen und notgedrungen abgeschafft sein wird? Die des Beobachters, der Neutralität, der Unentschiedenheit, der Ausgewogenheit, des Nichtüberzeugtseins, des Nichtbefolgens, der non-binären Logik zur Not. Es ist vielleicht die Position Gottes, des Lebens, der Weisheit, des Taos, der Ewigkeit, des Sinns. Doch die Menschen wollen offenbar kämpfen, sich im Kampf entlasten, die alte gegen neue Last eintauschen, in diesem Tausch verzweifelt ihr Glück suchen und zugrunde gehen. Anschließend Wiederaufbau und Denkmäler für die Toten, Heldengesänge und Racheschwüre – oder ein neues Nie wieder. Der Zeitgeist schwitzt Blutgeld aus.

Aus beträchtlicher Höhe und beachtlicher Tiefe

Die größtmögliche Ruhe

„Nein. Es ist die größtmögliche Ruhe und das größtmögliche Gefühl, das ich jemals empfunden habe“, antwortet die Angesprochene. Der Priester wird unruhig, er spürt die Ernsthaftigkeit der Worte, die Stärke der Seele einer Abtrünnigen (wie er fürchtet). Endlich fragt er, zuvor seine Sitzposition der ihren nähernd: „Und wer ist dieser junge Mann, wie heißt er?“ (Der Leopard, S1 E2)

Die größtmögliche Ruhe