„Concetta, der Körper kann nicht über die Seele siegen!“ ermahnt der Priester die Tochter des Fürsten von Salina, zum Beispiel in der neuerlichen Verfilmung des Romans Il Gattopardo (Der Leopard) von Guiseppe Tomasi di Lampedusa. Schon recht, doch wovon kündet der Körper, sofern er nicht lediglich als untergeben angesehen und solcherart abgewertet ist? Ohne den Körper wäre auch die Seele arm und flackernd, gleichsam nichts, also bestenfalls irrend, suchend. Vielleicht kann auch die Seele nicht über den Körper siegen, obgleich sie oder ihre Fürsprecher das wünschen. Möglicherweise halten sie sich die Waage und sollen durchaus auf solches Gleichgewicht hinaus. Die Seele kann sich nicht vom Körper befreien, wenngleich sie es wünschen mag. Der Körper fällt kalt ins Grab oder auf die harte Erde, wenn die Seele ihn verläßt. Sofern sie das vermag. Es bleibt schwierig. Auch die Ersatzbegriffe fruchten nicht.
Autor: Holger Tegtmeyer
Ich scheue stets davor zurück
Das Verhältnis des Ausgesprochenem zum Unausgesprochenem ist nicht ausgeglichen. Zum Unausgesprochenen gesellt sich das Unaussprechliche, demnach wohl ein Unaussprechbares. Da türmt sich was auf. Ich habe fast von Kindheit an, insbesondere dank meiner Mutter, an die Kraft des Aussprechlichen und Ausgesprochenen geglaubt, und wurde darin als Jugendlicher oder junger Erwachsener zusätzlich bestärkt, als eine einfühlsame Tante mir sagte: Wenn du es sagst, kann ich es annehmen – und das geht auch den andern so. Ich wußte schon damals: Der Ton macht die Musik. Das läßt sich spüren. Nicht jeder darf alles sagen, doch manche dürfen fast alles, sogar sagen. Eine Ungleichheit, eine Ungerechtigkeit. Ihr verbunden sind Verantwortung und Verpflichtung. Wenn du es sagen kannst, dann sag es. Die Tante sagte auch: Wenn du ohne Gott leben kannst, dann glaube ich dir das. Aber die Menschen hier brauchen einen Halt.
Nachtrag: Sie sagte nicht, die Menschen hier. Sie sagte auch nicht, die Leute. Ebenso wenig sagte sie, die Menschen. Sie spürte etwas an mir, das ungerecht sein oder werden könnte. Ich verstand sie gut und habe mir das gemerkt. Meine sogenannten Prinzipien sind nicht die der anderen, ein jeder mag leben nach eigenem Gesetz. Ich habe ein bißchen Glück mit meinen Verwandten, aber auch das wußte ich lange Zeit nicht. Mir war meistens, als sei ich allein.
Gartenkleinheimverein
Erwacht von Stimmen. Draußen saßen welche und sprachen, ich erkannte die Sprecher. Ich wußte augenblicklich, wo ich mich befand. Nicht auf dem Schiff, wie geträumt, nicht im Hafen von Marseille. Schon fliegt mir eine Fliege ins Ohr, hat sich verflogen, ist fort. So mag ein guter Tag beginnen, dachte ich. Ich schrieb auf Papier einen richtigen Brief. Ich trank aus Schalen einen richtigen Milchkaffee. Ich schritt auf der Straße einem richtigen U-Bahn-Eingang zu und hörte auf richtigen Kopfhörern die Sex Pistols und Kombattanten, The Great Rock’n’Roll Swindle. Ich dachte folgerichtig, daß es irre sei, hier so zu tun, als kämen die jeweiligen Kleinbürgerverbotsgehirne mit dem durch, was sie sich jeweils unter Reinigung und keine Probleme mehr vorstellen. Leben ist ein schmutzig-schönes und schauriges Geschäft mit Öffnungen zur Herrlichkeit. Aber das weiß man doch.
Auf die Masten, Matrosen
Aus dem sogenannten Nichts
Heimweg an einem wundersamen Tag. Mich wundert gar nichts mehr. Steht eine Frau im Trechcoat an der Ecke, fragt erst den einen Mann, dann mich, ob ich wolle. Nicht das, was zu denken oder angeblich zu erwarten wäre. Sie bietet Kokos-Pralinen an, hält die geöffnete Packung vor mich hin, einfach so. Ich entschuldige mich, daß ich eilend war, sage auch, daß es schlimm ist, stets das Schlimmste zu denken. Sind die vergiftet? Sie zeigt mir die Packung, sind wie Rafaelo, nur so ähnlich. Ich nehme eine und gehe weiter. Ihre Augen sind gut. Sonst hätte ich nicht genommen. Was sie dazu treibt, Pralinen zu verteilen, geht mich nichts an. Ich möchte auch geben, insofern verstehe ich das.
Sonntag im kühlen Mai
Es weht, es ist kühl, mir ist kalt. In unregelmäßigen Abständen fallen ein paar Tropfen aus den klumpigen Wolken. Die Pflanzen strotzen vor Grün. Die Leute tragen Wind-und-Wetter-Jacken, die Biergärten haben zu. Den Spaziergang befiehlt die praktische Vernunft. So waren die Sommer meiner Kindheit, weiß ich noch. Ich erwartete ihre Monate mit einem bangen Hoffen, daß sie nicht erneut verregnet wären. Zuhause muß man es sich gemütlich machen, Blumenkohlsuppe kochen, Kerzenlicht entzünden. Vielleicht findet sich ein Film, der das Herz erwärmt und die Sinne erfreut.
Rätselhaftes Tun
Die eigenen Aussagen sind einem immer zu nah. Sie sind wie die Haut, die die Schlange abgeworfen hat, und die frische Haut darunter ist noch wund. Manche Sätze hier sage ich, um sie loszuwerden. Austreibung böser Geister. Sie sind nicht adressiert, sondern treiben ins Weltall, das sich für Wörter und Sätze kaum interessiert – nach jetzigem Wissensstand. Aus dem Herzen soll man keine Mördergrube machen, heißt es. Das Kommunikationsquadrat (Friedemann Schulz von Thun, 1981) hilft – es handelt sich um die Seite der Selbstkundgabe, wie auch in der Lyrik. Es ist keinerlei Appell damit verknüpft. Doch da wir Wirklichkeiten teilen und in ihnen zuhause sind, manchmal fremd uns fühlend, mögen sich Ähnlichkeiten zu der Wahrnehmung anderer ergeben. Sie dienen nicht dem Beziehungsauf- oder -abbau, ihr Sachbezug mag schwach sein. Dennoch fordern sie wie störrische Wesen ihr Recht.
Uns sind Stimmen gegeben 3
Es muß noch mehr gesagt werden, und ich will versuchen, es angemessen zu sagen. Ich müßte eine Eloge ausbringen, eine Lobrede. Sie handelte von Furcht und Schrecken, ausgesandt von einer Rachegöttin, die ihren Schmerz nicht länger in sich bergen kann, sondern ihn hinausgibt in die Sphären. — Wir werden unverzeihlich verletzt, wieder und wieder, und stecken es ein, stecken es weg, schweigen es fort, versimpeln es zu Anekdoten oder zucken hilflos mit den Achseln, sagen Ist so. Ja. Und doch schwelt dieses Feuer und wartet, könnte es denn warten, darauf nämlich, in Brand gesetzt zu werden und hohe, verzehrende Flamme zu werden. Dafür sind die Künste gegeben, uns zu reinigen von der vernichtenden Kraft tief erlittener Wahrheit.
Uns sind Stimmen gegeben 2
Als ich Grace Cummings aus Melbourne, aufgezeichnet in jenem Studio in Seattle, hörte und sah, dachte, vielmehr fühlte ich: Wenn sie so singt, wie lebe ich denn dann! Es verursachte eine Empörung, einen inneren Aufstand gegen mich selbst – also für mich selbst. Denn auch ich möchte mich äußern und quälen, ganz an meine Grenzen geraten, und zwar derart, daß ich mich nicht zu entschuldigen habe. Sie zu hören glich nicht einer Erweckung, sondern einer Erinnerung. Der Erinnerung, hier nicht unvollendet zu verschlafen oder zu verdämmern, sondern es hinauszuschreien, zu flüstern, zu wispern, was nicht zu verschweigen ist.
Einsame Mitte
Die Kleidermotten schwirren und irren im nächtlichen Licht. Die Insekten sind zurück, ich begrüße jede einzelne bei ihrem Namen. Bald werden die Fruchtfliegen eintreffen, die so klein sind, daß ich sie lieben könnte. Ich habe zwei angebrannte Zündholzer gekreuzt und hoffe, daß sich daraus kein Omen ergibt. Bisher verlief die Woche gut, ich konnte lachen. Das Politische klärt sich, ich verlasse mich darauf. Ich weiß schon ganz gut, wann ich kämpfen muß. Ich verteidige jeden gegen jeden, damit das mal klar ist.