Nachtfahrten

Nacht- oder Dämmerungsfahrten durch die Lüneburger Heide. Der Scheinwerfer reicht nicht weit und fächert sich schmal. Wildwechsel kann überall geschehen. Ein Reh bricht aus dem Dickicht, ein Hirsch schnaubt vor. Wildschweine sind gewiefter. Einmal querte ein Dachs in flachen Sprüngen die Fahrbahn. Andernmal verflog sich ein Uhu und raste auf die Windschutzscheibe zu. Langsam fahren, ruhig bleiben. Achtzig Stundenkilometer in einem Waldgebiet voller Tiere ist ein Wagnis, das in Versicherung zielt. Je nach Jahres- und Brunftzeit. Entlang der ländlichen Straßen die Kreuze der jungen Toten, die nach der Party oder dem, wie man früher sagte, Diskobesuch an einem Straßenbaum endeten, umdampft, verschmort oder eingeklemmt in den gestauchten Resten ihres Personenkraftwagens. Die Feuerwehr schneidet sie raus. Ein Toter pro Sarg, vorher in Folie. Achtet die Tiere wie euch selbst, könnte man texten. Bringt genauso wenig wie alle anderen Kampagnen. Leben muß man eigens lernen, sofern man Mensch ist.

Nachtfahrten

Sich selbst zum Sprechen bringen / Unruhe und Ruhe

Wie soll denn in dieser Zeit Poesie möglich sein – angenommen einmal, man sei jung, also im empfindsamen Alter, noch nicht abgerichtet im stereotypen Auffassen und Benennen von Wirklichkeiten, sondern noch nah an sich selbst, sein eigenes Wesen verteidigend gegen den Zudrang von falschen Empfehlungen und sogenannten Lebensregeln. Dies einmal angenommen. Auch angenommen, man sei dem Trotzalter entwichen, müsse nicht andauernd verneinen und wüßte bereits, daß man früher nur deshalb dagegen war, um sein eigenes Wesen vor Zugriffen zu schützen. Zugriffen der Autorität, Zugriffen der akzeptierten Mächte. Es sind einige. Angenommen weiterhin, man hätte schon verstanden, daß die Freiheit, von der geredet wird, nicht bedeutet, daß man frei ist. Und nun die Poesie – sie ist eigenstes Sprechen, notfalls Stammeln, das alle angeht, die hören können und verstehen mögen, und reicht über die noch weit hinaus. Wie kann man eine eigene Stimme bekommen (die eigene finden – man bekommt sie ja gar nicht) angesichts dessen, was mit den Bildern und mit den Sprachen und dem Denken geschehen ist? Die Trostlosigkeit könnte ansteckend wirken, die junge Stimme müßte vielleicht meinen, sie sollte es „gleich bleiben lassen“, „interessiert sowieso keine Sau“, zu wenig Sex, zu wenig Kitzel, zu wenig Geld. Überall Parolen und Rezepturen. Wie man einen verdammt guten Roman schreibt. Wie man professionell sein Manuskript Verlagen anbietet. Es wäre zum Verzweifeln, wüßte man nicht, daß die Stimmen, die zu sich selbst gefunden haben, und das heißt, zur Welt gekommen zu sein in einem Akt zweiter oder dritter Geburt, sich durchsetzen werden. Ich denke deshalb an die Jungen, da man ihnen mit Karriere Mut machen möchte. Das ist das falscheste aller Angebote. Man soll sich nicht marktgängig machen. Es sei denn, man möchte. Auf dem Marktplatz verbrennen die Talente. Immer mit der Ruhe, ganz bei sich selbst bleiben, voller Vertrauen (trotz der umstoßenden Zweifel), die Sinne schärfen. Irgendwann spricht man wie von selbst richtig. Das kann auch über Nacht geschehen.

Sich selbst zum Sprechen bringen / Unruhe und Ruhe

Rülpsen

Ab und an war es wohltuend, laut zu rülpsen. Nicht vor anderen, nur vor sich selbst. Man weiß, was man sich schuldig ist. Die Befreiung ist etwas Persönliches und nicht für andere gedacht. Rülpst mich jemand an, sollte er sehr betrunken sein oder ein Kind oder ein Freund aus unsterblicher Zeit.

Rülpsen

Hunger zwei

Alles ist käuflich, sagt es sich, und weiter sagt es sich aus mit: Die Höhe der Summe gibt den Ausschlag. Auch du bist käuflich, Mann! versprach mir ein zernarbter, Charles Bronson ähnelnder Typ am Tresen einer Bar in Hameln, Weser; da war ich siebzehn oder achtzehn Jahre alt. Demnach alt genug, um die Botschaft zu verstehen. Halt dich nicht für was Besseres, lautete sie. Ich nahm sie mir zu Herzen und mit in die weitere Welt. Als Hinweis, als Warnung, als sonstwas. Zu manchen Teilen hatte ich Glück, zu anderen Teilen wurde mir eingeschenkt. Nun bin ich schon ganz schön lange auf Erden unterwegs, wie ich finde, und noch immer beschäftigen mich solche Themen. Käuflichkeit eines Menschen. Andererseits: Was ist Geld, wenn es nicht mehr alles sein muß? Ich trage die Freiheit im Portemonnaie, sagte Manfred Krug, als er in die Bundesrepublik übersiedelte, von Deutschland-Ost nach -West geriet und die neue Ordnung schnell verstand. Ganz altmodisch, als käme ich von sonstwo, sorge ich mich um die Seele. Ich kriege das hin, ohne kirchlich oder konfessionell gebunden zu sein. Man könnte weltweit darüber sprechen und sich Geschichten erzählen und auch die Wissenschaften befragen. Es kann doch zu etwas gut sein, daß wir Menschheit sagen manchmal.

Hunger zwei

Bauernsterben

Das Haus, in dem ich aufwuchs, steht nun leer. Der Hof, der dieses Haus umgibt, ist verlassen. Wir sind seit langem keine Bauern mehr. Es war ein kleiner Hof, wenig Land, große Not. Meine Vorfahren brachten sich durch. Als Bauernkinder halfen wir bei der Ernte und täglich in Stall, Scheune, Schuppen, Hühnerhof, Baumhof. Baumhof hieß der Garten, der nicht Gemüsegarten war, sondern Grasfläche um das Haus herum mit Obstbäumen darauf, unter denen die Kälber grasten. Wir sagten bis zum Schluß Baumhof, auch als dort keine Kälber mehr grasten. Nun steht das zum Verkauf: Haus, Stall, Scheune, Baumhof. Was soll ich sagen? Ich suche, jedoch nicht nach meiner Kindheit. Ich suche die gute Bedeutung solcher Verlassenheit. Man kann das jetzt kaufen, Haus und Hof.

Bauernsterben

Sich ein Loch graben, in das man paßt

Jemand stirbt, hat sein Alter erreicht. Jetzt weiß man es, vorher hat man es sich gedacht. Nachrufe sind fällig. Wer war dieser Tote, der zuvor noch atmete und sprach und essen mochte und dies und das verlangte? Wohin fliegt die Seele, wenn es eine gibt? Wenn es keine gibt, dann verendet mit der Materie auch der Geist. Wäre das schlimm? Schlimm ist es, zu vegetieren und nichts zu spüren, das einen trägt oder hält oder sinnvoll leitet. Wozu bin ich denn da! schreit es laut aus jedem, der disloziert lebt und dort zu leben versucht, und alles rebelliert gegen solche Art von Nicht-Existenz. Und an jeder dieser Bedürfnisstellen können unbefugte Mächte ansetzen und einen verführen. In solchem Risiko leben wir und machen täglich weiter. Das ist richtig so, denn die Kapitulation wäre der Selbstmord. Man kann sich und darf sich töten, da widerspreche ich den Geboten. Doch nicht zu früh, nicht zu überhastet. Man weiß nicht, was hinter der nächsten Biegung des Flusses auftaucht; man kann nicht wissen, was der morgige Tag beschert. Bin ich denn hier fertig? läßt sich hin und wieder fragen. Ich war bereits einige Male davon überzeugt, solches behaupten zu dürfen. Dann geriet ich in Bedrängnis, und ich rebellierte. Das war ein Weckruf. Ich werde noch gebraucht. Das tröstet.

Sich ein Loch graben, in das man paßt