Da es nun ganz langsam dunkel wird, gerät mir das poetische Schreiben in den Sinn und was es tun kann. Manchmal ist es, als wähle man Steine, die am Wegrand liegen oder im Bachbett schimmern, nehme sie auf und wende sie. Oder so, als betrete man ein Haus durch die Kellertür oder die Dachluke. Da ergibt sich was.
Allgemein
Jemand, der nicht mehr warten kann
Während ich die Serie über die Peaky Blinders ein zweites Mal sehe und nochmals empfehle (da sich etliches lernen läßt), gerate ich an ein Stück von Tom Waits und frage, ob es nicht neuerlich Zeit für einen wäre, der nicht „er selbst“ (sozial maskiert) sein kann, da er mehr sein möchte als nur ein Bürger, der nicht mehr warten kann, daß etwas Entscheidendes mit ihm und all dem anderen geschieht, sondern vielmehr ein Star, ein angeschossener, angetrunkener, vom Bühnenlicht geblendeter Stern sein mag, jemand jedenfalls, den sich andere merken werden aufgrund seiner Auffälligkeiten, beispielsweise der, daß seine Stimme nicht natürlich klingt, es sei denn, man konzidierte, daß solch jemand ebenfalls zur Natur des Menschen gehören dürfte oder könnte, jemand mit zuviel Whisky oder Zigaretten oder durchgemachten Nächten in der Stimme. Wir sind doch neuerdings ehrbar und prüde wie Viktorianer. Lebt denn dieser Thomas Alan Waits, geboren am 7. Dezember 1949, noch, freut es ihn? Er kennt die Einsamkeit und singt sie, zwingt sie, läßt sie laufen, das ist gut.
Die Geheimnisse sind hier
Als ich in die Schwierigkeiten geriet, habe ich gefragt: Wie bin ich denn gemeint? Ich habe dabei nicht an Gott gedacht, nicht an Religionen. Ich wollte wissen: Was hat es mit meiner Existenz auf sich? Mir wäre lieb gewesen, ich hätte wenigstens geahnt: Wozu bin ich hier, was läßt sich tun? Das sind ganz natürliche Fragen, und vielleicht lernt man später, sie wegzuschieben oder für kindlich zu halten. Ich kann nicht für andere sprechen, doch mir blieben sie wichtig, und sie sind es bis heute. Ich frage sie noch. Die zeitgemäßen Antworten auf solches Fragen enttäuschen. Mir ist, als verstünde das versicherte Wissen nicht, daß es wenig nur weiß. Dabei protzt es herum und stellt sich gute Zeugnisse aus. Wer weiß denn oder kann wissen, was ein einzelner Mensch ist? Ich verstehe solche Frage anspruchsvoll, also ganz in die Tiefe hinein, dorthin gefragt, wo die Tränen sind und der Schmerz seine Kammern behütet. Aber die Weisen warnen, daß es Unbefugten nicht gestattet ist, dorthin zu gelangen, wo bereits eine Berührung unermeßlichen Schaden hervorrufen kann. (Die Drogenexperimente geben Auskunft über die Verunglückten der Expeditionen ins Andere oder Abseitige der Vernunft.) Demnach ist Vorsicht geraten. Der Gemeinsinn wird empfohlen, ein gesunder Pragmatismus im Umgang mit unklärbaren Fragen und sogenannten Mysterien. Gott ist eine Letztbegründung, sagen sie, aber bereits das ist Unsinn. Ebenso wie die Fiktion eines Urknalls lachen macht. Wir tappen im Dunkeln und tasten mit allem, was wir haben und noch entwickeln werden, und ertasten stets nur Materie. Daß sich in ihr der Geist verbirgt beziehungsweise zeigt, übersteigt bereits manchen Verstand. Ich gehe derweil meinen privaten Forschungen nach und frage mich durch nach Timbuktu. Derzeit belagert, lese ich schnell noch in der Enzyklopädie.
Axiom 1
Hin und wieder taucht jemand auf, zu dem man sich ausdrücklich verhalten muß. Die anderen fließen vorbei, ohne Makel. Ich habe mich stets darauf verlassen, daß ich denjenigen begegnen werde, die meiner bedürfen und ich ihrer. Entsprechend feierlich gestalten sich in mir manche Begegnungen.
Skizzen sind Wagnisse auf das Ganze
Als ob das eigene Leben hin solle zu etwas, das nicht der Tod ist. Als ob man sich erst noch zu erfüllen habe. Als gäbe es aber eine mächtige Furcht, der zu sein, dem solches (nämlich sich zu erfüllen) aufgetragen ist. Als wäre es deutlich, daß jeder Ausweg und jede Ausrede genutzt würde. Als entginge man sich letzten Endes jedoch nicht. Als sei das ein Spiel, das mit dem Schicksal ausgehandelt wird. Als sei das ein Wettkampf, in dem schließlich keine Position unterliegen kann. Als sei die Wahrheit einzig, was tatsächlich geschieht.
Für die Freunde
Ich habe schon einige seltsame Sätze gehört. Ich mag sie notieren:
Du mußt doch ein Ziel haben.
Du mußt an dich selbst glauben.
Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst.
Hinzu kommen die Empfehlungen aus den Liedern der Liedermacher, die, da sie jung waren, als sie die Lieder schrieben, jede Menge von dem Zeug rausgehauen haben, das einem nicht einmal Eltern sagen sollten.
Auch die Verwandtschaft wußte was. Dort ging es vielleicht darum, rechtzeitig zu erkennen, wann man selbst als Mann endlich einmal heiraten muß.
Die Freunde kannten mich allezeit gut, sie rieten mir zu gar nichts. Das war und ist immer wieder schön. Sollte ich anknüpfen, würde ich sagen wollen: Sie wußten mehr als ich, nämlich dies: daß ich meinen Weg gehen werde. Wohin er führt und wo er endet, weiß ich nicht.
Aber ich höre und lese schon den Kommentar: Im Grab. Ja, dort dann wohl auch. (Man weiß nie.)
Noch drei Tage
Regen in Berlin. Es tropft vom Himmel, die Verbundpflastersteine glänzen. Das Eichhörnchen eilt über den Hof. Beginn der Neujahrsfeierlichkeiten in China. Das Jahr des Drachen ging gestern zuende, es beginnt das Jahr der Schlange. Wie gut und trefflich eingerichtet, daß wir nicht in die Zukunft blicken können. Gestern zerbrach mir ein Tag, heute quäle ich mich durch. Nun wird selbst mir der schwarze Januar zu lang, den ich diesjährig erstmals zu loben vermochte. Im Februar räume ich auf, die Gegenstände nehmen überhand.
Aus dem Zusammenhang 344
„Guter Geschmack ist für Leute, die sich keine Saphire leisten können.“
Peaky Blinders, S2 E2
Marionettenhaft (noch dazu billig)
Wollte man heftig werden – und warum denn nicht? – müßte man fragen, ob die Menschen wirklich so banal und stulle sind, wie die TV- und ähnlichen deutschen Filme sie zeigen. Ohne Tiefe; fast ohne Herkunft, denn die gehört in den Hintergrund (siehe die Migranten, an die sich ein verlogener Diskurs heftet, der alles beinhaltet, nur nicht das tatsächliche Leben von echten Menschen); schicksallos ohnehin; aufgehend in einem Hier und Jetzt aus Geschäftigkeit, Versorgtheit und (medial ausgewalzter) Langeweile. Wozu überhaupt leben? Man könnte es auch lassen. Vorher ein paar Amüsements einstreichen, diese oder jene Liebestechnik ausprobieren, mit oder ohne VR-Brille. Aus dem Mund kommen Sätze, die jeder (also niemand) sagen könnte. Geben wir jetzt unseren Hund zu Sabine oder nehmen wir ihn mit. Quengelnd gesprochen. Wen interessiert das. Soll man an diese oder jene Stelle das Fragezeichen setzen, ist doch ohnehin piepe. Erschießt euren Hund oder kauft ihm einen teuren Mantel. Manche Hunde leuchten auch, die Kinder leuchten ebenso schon an den Füßen. Keine Ahnung, was solche Leute, die so etwas bewerkstelligen, von sich halten oder diejenigen gar, die sie im Fernsehen zeigen (abbilden) (wozu?), ihrerseits von sich. Vermutlich nicht viel. Alles Schlacke, aber bringt Kohle. Soll das auf Realismus laufen? Aber wo ist die Wirklichkeit.
Endlich was los in Hameln
Die angeblich im Jahr 1284 vom Rattenfänger aus der Stadt geführten Kinder sind zurück. Das verspricht und versucht zu zeigen eine TV-Serie, benannt nach der Stadt Hameln, meiner Heimatstadt gewissermaßen (denn ich wuchs auf dem Land auf, nicht weit von dort). Die Kinder sind zurück und erscheinen des Nachts als Wiedergänger, es kommt zu unerklärlichen Todesfällen. Die Wiedergänger sprechen Plattdeutsch (Mittelniederdeutsch), das verstärkt den Horroreffekt. Keine schlechte Idee für eine Serie: mit Les Revenants (2012) existiert ein starke Vorlage solcher Alptraumphantasien. Doch der Horror will nicht zünden in Hameln: die Figuren, die die Lebenden darzustellen bemüht werden, geraten gar nicht erst ins Leben, und das hat Gründe. Sie können nicht leben, da sie etwas repräsentieren sollen. Eine jede Figur trägt (angeblich unsichtbar) ein Schild um den Hals, auf dem geschrieben steht, was sie sein soll. Die Schönheit, Wahrheit und Würde eines Menschen läßt sich aber nicht reduzieren auf bloßes Repräsentantentum, also ein Vorgeführtwerdenkönnen auf welcher Bühne auch immer. Mir gefallen immerhin die Luftbildaufnahmen der Stadt bei Nacht, den Drohnenkameras sei Dank, ebenso wie die Idee, daß in Hameln einmal was los sein kann. Zuletzt nahm die Welt Kenntnis von Hameln, als ein eifersüchtiger Mann seine Frau hinter das Auto band und sie durch die Straßen schleifte. Sie überlebte. Daß es in der Stadt spukt, möchte ich nicht ausschließen. Ich war vor kurzem dort, Nebel lag in den Straßen, es war unheimlich sogar am Samstagabend. Kaum jemand unterwegs, nur ein paar wohlgenährte Restaurantbesucher. Die Jungen fehlen, das Leben fehlt, der Lärm fehlt. Eine Stadt für Senioren und Touristen. Die Weser rauschte über das Wehr, als könne sie immer noch alles fortnehmen.