Ein solides Hemd habe ich gekauft. Das sei meine Zukunftsinvestition. Mit solch blöden Wörtern bin ich vollgestopft wie jedermann sonst, nur daß ich nicht eigens kotzen muß. Stattdessen habe ich mir ein zweites Exemplar des soliden Hemdes gekauft. Ich gestand das der Kassiererin. Sie zeigte sich unbewegt, bekam dann aber einen Schluckauf. Nicht wegen des Hemdes, nicht wegen des Vorfalls. Ich trug das erste Hemd am Leibe, während ich das zweite käuflich erwarb. Die Verkaufsquittung trug ich bei mir. Ich hätte alles lückenlos beweisen können.
Allgemein
Als sei es normal
Saß ich im Garten des Berggasthofs vor dem Gebirgspanorama und konnte nichts Rechtes denken; auch was ich fühlte, war ungenau. So wandte ich einen alten Trick an – ich tat, als sei es normal. Der schmiedeeiserne Zaun aus der Zeit vor den Großen Kriegen, die einem Bauerngarten würdigen Blumen entlang dieses Zauns, die blütenübersäte Wiese vorm Nutzwald – und dahinter die Felswände im Abendlicht. Sie sind nicht dort, um von mir bewundert zu werden. Ganz unnötig, noch zusätzlichen Aufwand zu betreiben. Die Dinge sind, das muß reichen. Von mir selbst ist nichts verlangt, außer mich anständig zu benehmen. Da nun die Erinnerung einsetzt, kann ich bestenfalls sagen: Ich war dort. Auf dem Stuhl lag ein Sitzkissen. An den Nachbartischen saßen Gäste und unterhielten sich. Ich traute mich nicht, ins Tagebuch zu schreiben (eben stand hier noch: schreien), empfand das als affig, aufgesetzt, sinnlos. So las ich oder versuchte. Kann mich an wenig aus dem Buch oder aus meinem Kopf erinnern, nur an das Gefühl einer Übermacht des Vorhandenen.
Sinuston
Erst dachte ich, das Geräusch sei in meinem Kopf. Dann suchte ich die Wohnung ab. Man könnte wahnsinnig werden ob eines solchen Tons. Ein zweiter Ton stieg dem ersten zu und verschlang sich mit ihm. Ich trat vor das Haus und lauschte. War ein Luftangriff zu befürchten, stand eine Alarmübung an? Die vielsagenden Medien schwiegen. Mir war nach einem Idiotentest zumut. Nennen Sie Ihren Namen so schnell wie möglich. Wie hießen Sie vor Ihrer Geburt?
Rehe
Er sagt: „Ich habe seit fünfzehn Jahren kein Buch mehr gelesen.“ Das ist keine Kapitulationserklärung. Wir schnappen uns jetzt jeder ein halbwegs dickes Buch und lesen es immer dann, wenn wir eigentlich einen Film anschauen, meistens abends. Und nach ein paar Wochen treffen wir uns und berichten, was wir gelesen haben. Wir erlauben der Stille, abends bei uns zu sein. Die inneren Bilder warten. Ich zerfresse soeben Alexis Sorbas. Draußen hört man Schüsse. Hoffentlich nur ein Feuerwerk. Erhart Kästners Aufstand der Dinge hat gut durch die Reiselandschaften begleitet. Noch immer bin ich schwindlig von der Fortfolge des Gesehenen und Geschehenen. Was soll ich denn in Wien?
Geschieht recht
Seltsame Tage, da fast nichts geschieht. Wie eine Sommerblindheit. Dem Sonnenlicht ausgesetzt auf unbeschatteten Wegpartien exekutiert sich eine Mattigkeit, als dürfte ich auf der Stelle zusammenbrechen. Das wäre erlaubt, nicht zwingend erwünscht. Wirrwarr der Nachrichten. Öde Themen über das Exerzierfeld gejagt, vereint mit anderen Halbmeistern des Befehlens und Gehorchens. Umgekehrt wohl, scheiß der Hund drauf. Berlin bekommt eine Magnetschwebebahn, ein neues Messegelände auf dem Tempelhofer Feld. Hurra hurra. Das Sommerloch ist ein Loch im Kopf, nur daß niemand geschossen und getroffen hat. Rückkehr in die Stadt gelungen, mein Fazit. Ich liebe die Wirbelwinde des leichtgewichtigen Irrsinns. Wo viele zusammen sind, da geschieht auch was.
Charlie Prince
3:10 to Yuma, ein Spätwestern mit Russell Crowe und Christian Bale in den Hauptrollen. Die Filmhandlung spielt im Jahr des Herrn 1884, der Film kam 2007 in die Kinos. Ben Foster spielt Charlie Prince, den Adlatus des Bandenchefs. Klaus Kinski hätte solche Rolle spielen wollen, doch Foster erledigt sie besser. Sollte ich mich gruseln wollen, wählte ich ihn zur Illustration meiner Ängste. Da ich dem Tod bereits begegnet bin, kann ich sagen, daß sein Blick demjenigen ähnelt, den Charlie Prince auf seine Opfer richtet. Kurz, knapp, unmißverständlich. Du magst laufen wollen – so laufe doch. Ich treffe dich später, du magst erstaunt sein. Anschließend bist du tot.
An der Hochsommer-Spätsommer-Scheide
Blick aus dem Fenster: schon dunkel. Abendwind. Anflug von Melancholie. Verlustgefühl. Der Sommer läßt sich nicht halten, das Leben läßt sich nicht halten, nichts läßt sich halten. Also bewegt man sich mit, wird Teil der Zeit und durchmißt die irdischen Räume. Im Spiegelbild verkennt man sich selbst. Jemand hustet. Raus damit. Ein paar Tropfen Regen käme jetzt gut.
Es wird immer lustiger
Wäre man genötigt, womöglich vor sich selbst, Texte zu verfassen, die vor einer Ewigkeit standhalten müßten, handelten sie knapp und deutlich von der Existenz als Mensch auf Erden unter einem Sternenhimmel und in Anbetracht der Gefahren, die dort lauern, wo Sicherheit versprochen ist. Daß die Ewigkeit nicht existiert, spricht nicht gegen sie.
Keine Ahnung haben
Allein zu sein bereitet Mühe, nicht allein zu sein ebenso. Als hätten wir eine Wahl. Allerdings haben wir sie oder scheinen sie zu haben. Ich bin skeptisch. Wir können nicht ungeschehen machen, wer uns begegnet. Das hat mit uns zu tun, das geht uns an. Wir sind aufeinander bezogen, es gibt Gedichte. Die Nacht trägt Geräusche ein, Menschen streiten sich, es geht um Liebe. Die ist Zugehörigkeit, Schutz, Bekenntnis. Man kann rasend werden in solchen Sachen, durch solche Sachen. Die Liebe macht uns irre, wenn wir nicht achtgeben. Liebe mag an den Wahnsinn grenzen, doch ist das nicht ihre Aufgabe, vielmehr (wortspielerisch) die Aufgabe ihres Sinns. Vor der Liebe sind wir Kinder oder benehmen uns wie solche, schreiend nach der unbedingten Liebe, die uns einst zustand. Die unbedingte Liebe aber gibt es nicht unter Erwachsenen, denn Erwachsene sind freie und notfalls unabhängige Menschen. Dennoch, trotz all der Erwachsenen, gibt es die unbedingte Liebe – jedoch als Topos, als Idee, als Phantasma. Wir handeln, wenn wir über Liebe sprechen, von Annäherungen.
Ursachenwirkung
„Ich weiß, was du kochst“, sagt der bärtige Mann am Packtresen hinter den Kassen des Lidl-Ladens. „Es gibt Lammfleisch mit Salat.“ Jetzt wissen es alle. „Weißt du“, sagt er, „ich hatte einen Stand am Kotti. Und weißt du, was meine Spezialität war? Rindergulasch, aber mit zehn Prozent Lammfleisch, nur das Fett. Rindfleisch allein ist trocken, weißt du.“ Ich nicke, kenne das Problem. Manche nehmen Schmalz, um Abhilfe zu schaffen. „Das schmeckt gut zusammen, perfekt“, sagt er. „Aber!“ Jetzt muß ich verstärkt zuhören, es wird wichtig. „Aber – die Frauen mögen kein Lammfleisch. Deshalb ging mein Gulasch nicht. Verstehst du?“ Gemeinsam verlassen wir den Laden, verabschieden uns. „Ich koche jetzt“, sage ich. „Laß es dir schmecken!“ winkt er nach. Seine Kumpel warten, er bringt Nachschub.