Weiß was

Zurück in der großen Stadt, hier herumstreifend wie ein Besucher. Von dort, wo ich war, habe ich mitgenommen den Blick derer, die, was sie sehen, nicht kennen und deshalb anders schauen: suchender vielleicht, sehnsüchtiger mag sein, fragender ganz sicher. Was ist das hier? Wo bin ich? Es ist abermals ein heißer Tag, man geht langsam und vermeidet ausufernde Bewegungen oder Gefühlsaufwallungen. Ein Taschenbuch-Alexis-Sorbas soll mich nächster Tage begleiten, ich erkunde meine Stadt. Sie ist nicht meine Stadt, sie gehört mir nicht. Ich gehöre nicht ihr. Auch die Vertrautheit mag täuschen, ich fühlte mich hier fremd bis zur Ausgestoßenheit. Das merkt sich. Auf der Weserstraße kommen mir zwei jüngere Leute entgegen, eine Frau und ein Mann, sie sehen aus wie ein Mädchen und ein Junge, wenngleich sie dreißig Jahre alt sein mögen oder fünfundreißig. Sie sagt: „Ungeimpft und …“ Er vollendet: „Ungeimpft und weiß.“ Schon sind sie fort, und ich weiß nicht, wen sie vor Augen haben für dieses Zwei-Merkmale-Portrait. Weiß waren auch sie, jedenfalls hellhäutig.

Weiß was

Lauf der Dinge

Wo ein Wille ist, da mag ein Weg werden. Die Straßen und Tunnel bezeugen es. Wo ein Wille ist, mag ein Werk entstehen. Stärkung der Willenskräfte wird den Erschlafften empfohlen. Mit bloßem Willen vermag ich selbst – wie könnte ich für andere sprechen – beinahe nichts. Gestern wollte ich Gedanken haben. Vergeblich. Manche Dinge brauchen Zeit. Endlich sind sie reif. Dann mag der Wille einspringen und die Sache voranbringen. In den Künsten des Lebens ist mit Willenskraft wenig gewonnen, die Gunst des Gelingens muß hinzutreten. Wie die zu erlangen ist, braucht es Leben.

Lauf der Dinge

Die Badenden kehren zurück

Die Küchenuhr schlägt den Takt der Zeit, nimmt es aber nicht genau. Sie ist schon alt und darf nachgehen, sieben Minuten nimmt sie sich heraus. Junghans Exacta, ein Star ihrer Ära, man zieht sie auf. Vor sieben Minuten saß der Gartenrotschwanz auf den Sprossen der zersägten Leiter vorm Haus. Die Wäsche auf der Leine läßt vom Wind sich wiegen. Das Holz auf der Schubkarre steht für ein Feuer bereit. Ganz allmählich und ohne Eile Teil eines Ortes werden.

Die Badenden kehren zurück

Die Unvorsicht des Wünschens

Aktivitätsmaximum der Perseiden am gestrigen Montag, gut sichtbar in der vergangenen Nacht. Sich unter den Sternenhimmel stellen und warten, schon schießt in langer horizontaler Bahn eine Sternschnuppe vorüber, viel zu schnell für einen Wunsch. Da ich zufrieden bin, möchte ich nichts wünschen. Es ist, wie es ist; es kommt, wie es kommt – ich will in den Feldern des Wirklichen und des Möglichen nicht für Unruhe sorgen.

Die Unvorsicht des Wünschens

Kulturlandschaft

Etwas irritierend, derart ohne Gedanken zu sein. So ergeht es dem Städter auf dem Land. Die Dinge sind hier ausreichend sie selbst, provozieren zu nichts. Ich könnte hinauslaufen ins Dorf und mir ein Ärgernis suchen. Der Hochsommer knistert nach Weizenstroh, die Mähdrescher ziehen Runde um Runde. Ich schlafe und döse, döse und schlafe, scheine erschöpft gewesen zu sein. Die Hirtenhunde liegen angeleint im Schatten und hecheln. Es gibt kein ländliches Idyll, auch wenn es so aussieht. Was man sieht, ist erarbeitet. Einzig der Himmel nicht, die Sterne nicht, das Landschaftprofil kaum.

Kulturlandschaft

Schienenstrang

Zugfahrten sind Exkursionen in ungesichertes menschliches Verhalten. Quälende Unruhe der jungen Männer, die voller Ungeduld sind und denen die Gliedmaßen jucken. Wohin mit den elend langen Beinen und den großen Füßen in den noch größeren Schuhen. Für die Finger gibt es die Geräte. Da läßt sich was tun und ändern. Am Fenster reisen die Landschaften vorbei. Die Begierden reisen eingesperrt mit. Der Sitzplatz ist noch frei, da könnte sich doch eine Schöne hinsetzen. Am Himmel sammeln sich die Wolken, ohne etwas vorzuhaben. Noch zwei Stunden bis irgendwo.

Schienenstrang

Die Nacht zum Tag

In dieser Nacht, die dem Tag folgt und Ruhe spendet den Erschöpften und Schlaf ausgiebt den Ermüdeten, gedenke ich der Irrzeiten der Vergangenheiten und Gegenwarten und, hätte ich ausreichend Güte und Weitblick, auch der künftigen Zeiten. Wie sehr man sich vertun kann, um wie weit ein Ziel verfehlen. Wie ärmlich die Parolen klingen einen Atemzug danach. Wie die Überzeugungen knistern und rascheln, kaum schon Dokument. Gab es jemals für irgendwen Ruhe und Frieden in den letzten sechs bis zehn Generationen. Hat jemals jemand sie, die Unzählbaren, beruhigen können, ohne sie erneut zu mobilisieren und abermals hochzuhetzen für oder gegen sonstwen oder -was? Friede den Seelen der Lebenden und Toten. Es ist Sommer in Wien und woanders, und die Erde stöhnt vor Leid.

Die Nacht zum Tag

Mir macht das Hoffnung

Von Zeit zu Zeit muß man sich selbst kurieren. Vorurteilskritik im eigenen Haus, Maßstäbe prüfen, verwerfen und korrigieren. Für Wirklichkeit sorgen, die atmen läßt und in den Ohren braust, eine Stille erfahren, die beweglich macht. Wechsel der Verhältnisse. Entlang der Höhen- und Tiefenlinien landschaftsnah denken. Dazu der Gesang der Grillen, die Stimmen der Menschen vorm Haus. Das Aufgeregte von jetzt ist das Abgeregte von später. Mir macht das Hoffnung.

Mir macht das Hoffnung

Das Wilde und das Zahme

Der schwarze Hund liegt unter dem Tisch, an dem die Gartengäste speisen. Er ist zuvor bedacht worden, leckt sich die Lefzen. Am Zaun blühen die Blumen, werden von Insekten besucht. Die Sonne verschwindet hinterm Berg. Noch Stunden später leuchten die Gipfel hoch oben unter dem Himmel, der jeden Tag eine andere Farbe zeigt. Es ist wunderbar, auf Erden zu sein, wenn man sich läßt. Nimmt man das Leben ernst, erscheinen einem die allgemeinen Debatten wie Blödeleien für ein bemitleidenswert anspruchsloses Publikum.

Das Wilde und das Zahme