Das Gute zum Schluß

Menschen sind gut darin, sich ihre höchstpersönlich eigene kleine Hölle einzurichten und sie anschließend mit Zähnen und Krallen zu verteidigen. Diese durchaus komfortable Hölle ist umstellt von den Mauern eines Verstands, der sich noch nicht wirklich aufs Verstehen versteht, aber schon mit einiger Entschiedenheit seinen verquälten Stolz in die Höhe getrieben hat. Der bildet die Zinnen des zwergenhaften Traumschlosses. Im Innern hängen Gemälde und bedruckte Wandteppiche mit den Bildern und Szenen der geglaubten Zusammenhänge und Bedeutungen. Auch die Musik spielt Bestätigung. Läuft man die Flure entlang und gelangt treppauf treppab in Keller und Dachgeschoß, redet man sich ein, man bewohne ein Labyrinth, nur daß man wisse, wo der Aufgang ist. Den erreicht man allerdings nicht, da das Traumschloß überallhin getragen wird, wo man selbst zu sein hat. Immerhin sind wir keine Nacktschnecken.

Das Gute zum Schluß

Origami 2

Was ist mit dem Schwan. Der zieht gemessen seine Kreise, kontrolliert die Ufer, läßt sich füttern und hält dennoch Abstand. Er kennt die Menschen. Wenn es ihm zu bunt wird oder die Liebe lockt, quält er sich in die Lüfte und zieht etwas weiter, den Hals nach vorn gestreckt, nicht ohne Anstrengung. In seiner edlen Schwimmhaltung wirkt er ein wenig eingebildet, wie ein Poseur in weißem Frack, zugleich zeugen Blick und Kopfhaltung von Nachsicht und Mitgefühl. Betritt er das Festland, läßt sich ein Watscheln nicht leugnen. Ich entsinne mich der Origami-Schwäne von letztem Sommer.

Origami 2

Origami

Labil stabil. Stabil labil. Zustände. Die stehen einem zu. Auf und ab, ab und auf. Morgen geht die Welt unter, aber heute ging sie auf. Die Flüsse fließen rückwärts, die Berge stehen kopf. Wirrendes und sirrendes In-der-Zeit-Sein. Man möchte sich hin und her wälzen, ab und an eine Position der Ruhe und des guten Wissens und Gewissens erlangen, verschnaufen. Doch die Kessel sind unter Druck, die Zeit schmiedet dank ihrer Gehilfen die fürchterlichen Pläne, die wir lediglich ahnen und deshalb unsere, denkt man noch, ureigenen Alpträume ausbrüten. Architektonisch habe ich die Ära des Digitalen Faschismus identifiziert, doch wie soll man über so etwas mit irgendwem sinnvoll reden. Der Schwan.

Origami

Ich könnte es annehmen

Der Ton macht die Musik, heißt es. Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus, sagt man. Hilfreiche Redewendungen, praktikables Alltagswissen. Behandle niemanden, wie du selbst nicht behandelt werden möchtest – vernünftige und nachvollziehbare Grundlage jeder Ethik. Bricht jemand solche Regeln, wird es interessant. Entsprechend der Aufruhr: im Innern des einzelnen Menschen, im Außen der umgebenden Gemeinschaft. Selbst die Gesellschaft (abstraktere Größe) erleidet Pressuren, erfolgen die Verstöße wiederholt und wahrnehmbar lang genug. Das geht alle an. Alle gibt es nicht, demnach geht es viele an. – Ansonsten ist Gesellschaft eine volatile Größe. Volatil heißt schwankend, unbeständig, sprunghaft. Ich möchte das Wort einmal in meinem Leben benutzt haben. – Sag mir etwas, aber bitte sag es schön.

Ich könnte es annehmen

Wie spaltet man

Wie spaltet man ein Stück Holz? Man ergreift ein Beil, holt aus, zielt in die Mitte und schlägt zu, mit der scharfen Seite des Beils nach unten, mit der stumpfen nach oben. Hat man gut getroffen, liegt das Holzstück in zwei Teilen beidseits des Hackklotzes. Der Hackklotz ist ebenfalls aus Holz, damit das herabsausende Beil nicht Schaden nimmt.

Wie spaltet man

Bluthochdruckzone

Aufgeregte Menschen in turbulenter Zeit. Wer herumbrüllt und mit dem Finger auf andere zeigt, ist Teil des Problems. Zu jedem Thema der letzten Jahre bilden sich bürgerkriegsähnlich Fraktionen, die herumfuchteln und sich nicht mehr beruhigt bekommen. Ich zähle die Konflikte nicht auf, das kann jeder selbst leisten. Wie es einem möglich ist, nur die einen leiden zu sehen, aber nicht die anderen? – Man befindet sich gedanklich und emotional im Krieg. Allerorts herrscht Krieg, und die Streitenden nennen das, was sie auf die eine oder die andere Seite streben läßt, nicht anders. Fahnen tragen sie auch, später dann wohl Waffen. Einstweilen Megaphone und Mikrophone. Wie sollen wir hier die Probleme lösen, die dort entstanden sind. Ich frage lieber gar nicht erst, sonst dringen oder brüllen sie sofort auf mich ein. Die Kriegführenden wissen immer, was zu tun ist – bis sie es nicht mehr wissen, weil sie verloren haben.

Bluthochdruckzone

Tourenwagen

Das Ich muß man bändigen. Es ist das kleine Fahrzeug der Seele. Man kann es behandeln wie einen Sport- oder einen Kleinwagen, wie eine Luxuslimousine oder einen Transporter, Geländewagen auch oder Panzer. In ihm ist man unterwegs, in ihm richtet man sich ein. — Mach es dir bequem in deinem Ich und besorg dir ein neues und besseres, wenn das alte nichts mehr taugt. — Mein Ich ist etwas zerschlissen, ich spachtle daran herum und bessere ein paar unschöne Stellen aus, noch hält es. Bald wird es wie eine Täuschung oder Enttäuschung wahrgenommen werden, dann muß es weg. Ich halte bereits Ausschau nach einem geeigneteren Fahrzeug, habe schon an ein Cabrio gedacht, immerhin ist Sommer und der Himmel hoch. Dann haben alle was zu lachen, und ich werde mir für die Leute eigens eine Sonnenbrille aufsetzen, die ich bei Bedarf nach hinten ins Haar schiebe.

Tourenwagen

Trennungsstriche

Der Sohn ist siebzehn, der Vater kommt vom Joggen heim. Kurzer Wortwechsel im Eingangsflur. Der Sohn hat eine Verabredung, der Vater möchte wissen, wann er zurückkommt. Der Sohn zuckt mit den Schultern, keine Ahnung. Gut, sagt der Vater, ich werde bis dahin wach bleiben.

Wie gut, daß ich keinen Vater hatte, der joggen ging. Wie gut, daß niemand eigens aufblieb, nur weil ich unterwegs war. Wie gut, daß mein Vater sich nicht an mich herankumpelte. Wie überaus erfreulich, daß er niemals wußte, in wen ich verliebt war oder hätte sein mögen.

Trennungsstriche

Weiße Schürze, schwarze Weste

In einem leeren Café läßt sich die Musik ein wenig lauter stellen. Niemand da zu reden, das ist angenehm. Die Spiegel an den Wänden spiegeln die Wände und Teile der Decke, die einen neuen Anstrich nötig hätte. Das Flaschenregal müßte entstaubt werden, der Füllstand der Spirituosen bedarf einer Überprüfung. Einige der Stühle an den Tischen sollten baldmöglich neu verleimt werden. Warum schaffen es die Fensterputzer nicht, die Scheiben streifenfrei zu bekommen. Allerdings wird es Sommer, und die Sonne fällt gnadenlos ein. Auf dem Tresen liegt ein Bestellblock, da paßt vor der Bestellung ein Gedicht drauf. Der Deckenventilator kreist. Gegenüber ist ein Hotel. Ein Bus fährt vorüber, von links nach rechts, Einbahnstraße. Möge niemand kommen, die Stunde ist kurz und schön. Das Kellnerportemonnaie steckt fest im Gürtel, die Kaffeemaschine ist intakt. Im Kuchenbuffet stehen die Torten anschnittbereit. Der erste Vers ist da.

Weiße Schürze, schwarze Weste