Augenblicke, Augenblicke

Die Dinge (Themen und Themenkomplexe, Bilder und Bildfolgen, Gedanken und Gedankenkonstellationen, Figuren und so weiter) schießen in schneller Folge vorbei. Ist das Eine gesagt, möchte das Andere gesagt werden, anschließend ein Drittes, Viertes, ein Weiteres. Gestern ist weit entfernt, daß ein reißender Fluß uns heute zu trennen scheint. Und dauernd das Bild sprudelnden und wirbelnden Wassers, aufspritzend und funkelnd, und die Fahrt flußabwärts geht weiter ins Tosen hinein und durch es hindurch in die Stille der Erschöpfung von Rast und Ruh. Ich sehe eine Höhle am Saum des Flusses und ein Lagerfeuer, romantisch wohl, doch romantisch heißt unheimlich und ungewiß. Schnell sind die Sterne an den Himmel gebracht, der Mond schneidet scharf in schwarzer Prärie, dämmert fahl im Abglanz der Sonne. Wir sind glücklich, das sollten wir uns nicht nehmen lassen.

Augenblicke, Augenblicke

Linienführung und Zeitgefühl

Nachdem es meistenteils schwer und schleppend gegangen war, schien es nun an der Zeit zu sein, daß die Dinge in Bewegung gerieten und von leichterer Hand zu erledigen seien. Vielleicht war man selbst ein Stausee, dessen Wasser wie nach einer Sprengung entlastet zu Tal schießen könnten, dabei manches noch mitnehmend, Gegenständliches und Lebendiges, allerdings nicht aus böser Wut, sondern der Stauung geschuldet, die eine Energie auftürmen half, die zu groß war, um anschließend, nach dem Sturzfall, reguliert werden zu können. Das Tun soll sich dem Können anheften, sonst geraten die Geschäfte des Handelns und sogar die Dinge selbst in Verruf. Immerhin war da etwas aufzustauen. Da war ein Fluß, da war kein Rinnsal. Es gibt Flüsse, die müssen schnell zu Tal. Andere benötigen Zeit und schlängeln sich durch Auen und tiefe Wiesengründe, plätschernd und verlockend. In ihnen stehen die Forellen wie im Blutbachtal. Würde mir zu dieser Stunde jemand sagen, alles wird gut, würde ich es ohne weiteres glauben.

Linienführung und Zeitgefühl

Was noch fehlte

Warum sollte es jemals einen Themenmangel geben? Kaum erblicke ich Pferde, denke ich über Hufeisen nach. An Menschen beobachte ich künstliche Fingernägel und aufgeklebte Wimpern, das ist spektakulär. Vielleicht müssen die Pferde mit Hufeisen versehen werden, da ihre Hufe zu weich sind für Asphalt, Pflastersteine und die anderen harten Böden eines Pferdelebens und der Pferde Wege. Die Fingernägel sind nicht zum Kratzen da, die Wimpern aber vielleicht zum Klimpern. Schwer beschattete Augen, befiedert wie das Nest eines dunklen Brunnens. Erst das Gute sehen, dann in die Kritik.

Was noch fehlte

Kochen und Küche

Je älter ich werde, desto mehr faszinieren mich Familien. Nachdem ich sie nicht länger abwehren muß, fangen sie an, mir zu gefallen. Gott, wie abhängig sie voneinander sind, sie allesamt, die Mitglieder. Niemand kommt ungeschoren davon. Menschen sind engsoziale Wesen, sie hängen aneinander wie Bedürftige, wie Saugende, wie Abhängige. Sie sollen sich lösen, aber sie können nicht. Sie gehören zueinander, aber sie wollen nicht. Dazu noch die Familiengeschichte: dieses Sammelsurium an verschwiegenen Schandtaten, aufgetischtem Heldentum und glorifizierter Duckmäuserei. Man müßte ausspucken vor den Seinen oder salutieren, je nachdem. Wer sich von einem in der ganzen Mischpoke verstanden fühlt, hat bereits einen Freifahrtschein ins, naja, Glück. Manche Familien ähneln Bollwerken, man sieht nicht durch, meint jedoch geisterhaft Schreie zu vernehmen, andere sind locker verstreut wie campierende Sonnenfreunde an den schönen Stränden. Und so weiter. Familein sind niemals langweilig, selbst wenn das behauptet worden ist.

Kochen und Küche

Zwille 2

Wie kann man denn viele sein, werden manche fragen. Autoren aber sind viele und müssen es sein, sonst könnten sie keinen Roman zustandebringen. Im Drama wird es noch deutlicher. Da gibt es keinen Erzähler mehr, da treffen Stimmen und Typen in ausgewählten Situationen aufeinander und verhandeln ihr Geschick auf Gegenseitigkeit. Das Ich ist dem Autor eher ein Lästiges. Er muß es bändigen oder idealisieren.

Zwille 2

Fachwerkhaus

Auf dem Fußboden sitzen und Seifenblasen in die Luft pusten. Kunst und Poesie zu Ehren der Schönheit und des Glanzes von Vergänglichem. Siehe die Blüten der Blumen, siehe die Pracht eines Sommertages, an dem sich eine neue Wirklichkeit entfaltet und präsentiert. Das muß doch nicht sein, sagten sie im protestantisch-spartanischen Niedersachsen und befanden, weniger sei mehr – nicht hinsichtlich der Natur, sondern der Prachtentfaltung von Poesie und Kunst. (Ganz Deutschland ähnelt inzwischen Niedersachsen, scheint es. Bin ich dort, empfinde ich Rührung. Doch, sie suchen und ersehnen auch das Schöne.) Derart beschult trieb es mich fort von dort. Sicher kehre ich zurück, einstweilen nur in Träumen.

Fachwerkhaus

Disclaimer

Texte und Tage ist kein privates Tagebuch. Die Texte, die hier erscheinen, sind inspiriert von Tagesgeschehnissen, Begegnungen, Träumen und Alpträumen, Halluzinationen, Visionen, Wirklichkeiten und Möglichkeiten, Denkbarkeiten und Vorstellungen, Befürchtungen und zaghaften Hoffnungen. Hier kann man nicht einszueins auftauchen, nicht einmal ich selbst. Ich spiele hier nicht nackter Mann und offenbare mich vor der „Weltöffentlichkeit“. Das Künstlerische, sofern es einspielt, ist niemals allein autobiographisch, sondern zugleich schon verallgemeinernd und überindividuell. In diesen Texten an den Tagen, da ich eintrage, ist der Logbuchschreiber ein Mensch meines Namens in meinem Namen. Ich autorisiere, was er hier treibt. Ob wir zugleich einer Meinung sein müssen? Nicht zwingend, und was sind schon Meinungen. Nicht selten schäme ich mich seiner tags darauf – und bin stolz auf ihn aus der Nachbetrachtung von einigen Monaten oder Jahren. Wer ein solches Logbuch schreibt, muß unerschrocken sein und darf sich nicht fürchten vor „Ich-Dissoziation“, sie vielmehr bejahen und die Gefahr auf ihrem Weg begleiten . Ich bin einige und halte sie konstruktiv beieinander. Feigheit verzeihe ich mir schwer. Man verglich mich bereits mit einer Harpyie. Das ist der Ehre zuviel.

Disclaimer

Stadtplan

Man läuft herum, sucht die Straßen ab, weiß ja noch ungefähr, wo die Freunde und wo die Bekannten leben, kennt ihre Trefforte, stößt auf Figuren, die in etwa jenen gleichen, die man gesucht hat, berührt sie am Arm oder spricht ein paar Worte zur Begrüßung, stellt fest, daß sie nicht reagieren, steif sind oder kalt, der Stimme beraubt, seltsamerweise dennoch anwesend, nur daß undeutlich bleibt, als wer sie dort noch residieren und was sie repräsentieren, offenbar einen Stillstand, jedenfalls haben sie eine Ruhephase eingelegt, verschnaufen wohl ein wenig nach Strapazen der letzten Zeit, die nicht die letzte Zeit sein kann, also läuft man nochmals weiter und vergrößert den Radius und begibt sich in die äußeren Bezirke, wo einen die Leute ansehen, als brächte man die ersehnte Krankheit, nach der dann endlich Schluß ist und die Leiden sich entlohnen.

Stadtplan

Papier

Manchmal habe ich Sehnsucht nach Nachrichten. Nach intelligenten Nachrichten – falls es solche geben kann. Nachrichten sind ja neutral, habe ich gelernt und nicht vergessen. Ich stelle mir dann vor, ich könnte eine Seite aufrufen, auf der sich das befände, was ich suche. Was suche ich denn? Ich suche das Schöne und das Wahre, doch ich habe gehört und gelesen, das Wahre sei nicht schön und das Schöne meistenteils erlogen oder gefälscht. Das ist traurig. Früher habe ich nach einer Zeitschrift gesucht, die ernsthaft klug ist und sich nicht in den Meinungsstrudeln der wechselnden Interessenlagen irgendwelcher Bonzen und Schlipsgesichter verliert. Wir waren einmal kurz davor, selbst eine Zeitschrift für Kunst und Lebenskunst herauszubringen, und ich weiß auch noch deren Namen. Ich habe keine Sehnsucht nach bloßen Nachrichten, ich habe Sehnsucht nach Gedankenblitzen, nach aufflammendem Genie, nach kühler Analyse, nach einem Wissen, das in die Tiefen aller Herkunft leuchtet, nach einer ungekauften Wahrnehmung, nach der Vermählung der widerstreitenden Impulse des Herzens und des Hirns.

Papier