Scheint so

Heißen wir die Krisen willkommen. Sie kommen nicht von ungefähr, jeder weiß es. Wir bekommen, was wir verdienen, so oder so. Scheint so, als sei schlecht gewirtschaftet worden. Scheint so, als sei die Demokratie in Gefahr. Scheint so, daß Europa sich politisch nicht darstellen kann. Scheint so, als seien Reformen überfällig. Scheint so, als trage die Kultur nicht mehr. Scheint so, als dürften wir nicht vertrauen. Scheint so, wir müßten neuerdings denken.

Scheint so

Fehlwahrnehmung

Die Machtmenschen sind immer noch was anderes, nämlich nicht nur Geliebte oder Ehepartner. In Liebe und Ehe suchen sie Stärkung und Unterstützung, ihre Leidenschaft und Wollust gilt den Geschäften und dem Erfolg. Sie müssen oben und beachtet sein. Sind sie es nicht, fühlen sie sich zerstört und suchen nach Schuldigen. Gefügigkeit halten sie für Zustimmung, einen Widerspruch für Meuterei. Das macht sie ausrechenbar, so gewitzt sie sonst auch sein mögen. Sie lassen sich schmeicheln und verachten die Schmeichler. Kommt jedoch niemand mehr herangekrochen, werden sie nervös. Daß etwas nicht stimmt, bemerken sie eigenartig spät.

Fehlwahrnehmung

Das Züngeln der Flamme über der Glut

Der Kapuzenpulli riecht zwei Wochen später noch immer nach Lagerfeuer. Ich werde ihn vorerst nicht waschen. Zwei volle Wochen mit einem Schwarm an frei und hoch fliegenden Gedanken. Vor zwei Wochen war ich noch ein bißchen bedrückt und popelte irgendwo weiter unten an politischen Problemen herum. Nun weiß ich, daß die Aktivisten und die Bonzen (Aktivisten sind die Bonzen von morgen) am besten lernen, indem sie selbstverschuldet scheitern. Anderenfalls halten sie sich für Märtyrer, dann wird es grotesk. Ihr Sinn für Opportunität wird sie nicht heilen, lediglich umstimmen. So schwappen die Bewegungen in- und übereinander wie in einem Aquarium, das ein Erdbeben überstehen soll. Man zurrt es fest und verläßt das Gebäude. Politik mag wichtig sein, doch zugleich vergiftet sie die Beziehungen. Wer soll ich denn sein, wenn ich nicht verstünde, daß etwas geändert werden muß. Sehr vieles sogar. Ich würde nur ganz woanders beginnen, und es würde weniger kosten und bedeutete mehr Freude für die Menschen, die sich ja gar nicht bekriegen wollen. Doch ich bin kein Chef, kein Funktionär und werde nie einer werden. Es zu sein wäre mir langweilig bis traurig. Ich würde mich sogar schämen, Anweisungen zu geben. Macht ist peinlich, Ohnmacht ist peinigend. Dazwischen mag ein Platz sein. Das Lagerfeuer macht glücklich. So sehr, daß man still werden kann und eine Spur von Ewigkeit meint verspüren zu können, menschlicher und näher als beim Anblick der Sterne.

Das Züngeln der Flamme über der Glut

Hallo hallo hallo ruft ein Kleinkind in den Nachmittag hinaus und entdeckt sein Stimmchen

Die Welt ist groß und bunt und rund, pflegte ich früher zu sagen. Früher: vor zehn oder zwanzig oder dreißig Jahren. Auch damals gab es Kriege und Bullshit-Politik; sie hielten mich nicht davon ab, die Wunder des irdischen Lebens zu empfinden und zu preisen. Es ist gut, lebendig zu sein, auch wenn es wehtut. Offenbar sind wir nicht geschaffen, hier einfach so glattdurch zu gehen wie eine heiße Klinge durch den Butterlaib. Wir ecken an, beziehen Schläge, erleiden Niederlagen, werden zurückgewiesen. Solche Erfahrungen zu machen bewegt sich in der Ordnung des Bestehenden. Stirb und werde heißt André Gides Autobiographie Si le grain ne meurt [1926] in deutscher Übersetzung (Ferdinand Hardekopf), Zitat eines Goethe-Verses. „Wenn der Samen nicht stirbt“, kann nichts wachsen. Das Latenzstadium muß überwunden (gesprengt) werden. Aber: „Entwicklungsfremdheit ist die Tiefe des Weisen“ (Gottfried Benn) als Gegenstandpunkt aus der Distanz des unbewegten Alters, des stoischen Ertragens und Erkennens. Das hat noch Zeit, ich mag reisen, sonstwohin, und mich der Schönheit des Lebens überlassen.

Hallo hallo hallo ruft ein Kleinkind in den Nachmittag hinaus und entdeckt sein Stimmchen

Reise ohne Paß und Reiserücktrittsversicherung

Aufgeregtheit heftet sich menschlich an vieles, auch an Vorstellungen vom Leben nach dem Tod – ob es eines gibt oder nicht geben kann; was leben noch heißen mag, wenn die körperlichen Funktionen ausfallen; wohin eine körperlose Seele unterwegs sein könnte usw. Bezeichnend ist die Ungeduld der Lebenden. Sie werden es doch ganz sicher erleben, erfahren, jedenfalls mitkriegen, wie es sein wird, wenn der Tod sie erreicht (Schluß hier), das Sterben also erfolgreich absolviert ist. Ja, aber sie möchten vorher schon wissen, ob sie dort, wie nach einer Reise, ein Zimmer buchen sollten, um nicht vor der Tür oder recht allgemein blöd dazustehen. Sie wollen gut vorbereitet sein und jetzt bereits das Richtige tun, um anschließend wirklich gut aufgehoben zu sein. Ernst Jünger äußerte sich abweichend: er freue sich auf den Tod als auf ein letztes Abenteuer.

Reise ohne Paß und Reiserücktrittsversicherung

Vor dem Tod

Ich weiß nun, daß man auch innerlich einfrieren kann. Man sitzt fest, vermag sich nicht zu regen, ist ausgekühlt und überdauert in der Starre eines Eisfachs. Neben einem liegen, nicht minder kalt, Fischstäbchen, Gartenkräuter, Eintöpfe in Plastikbehältern. Schließlich ist es soweit, man ermuntert sich und ruft stimmlos: Endlich! Schon wird es wärmer, man spürt sich atmen, die Finger spreizen. Bald läßt sich auferstehen und gehen, man verläßt den einen Raum und betritt den nächsten, tritt hinaus ins Freie eines Nachmittags und läßt sich von der Sonne segnen. Die Pflanzen, die Tiere, die Menschen – alle machen mit, wenn man sie nur läßt. Leben kann das.

Vor dem Tod

Heranrücken

Früher sah ich an den Menschen empor und bestaunte von unten ihre geistige Größe und die lässige Vollkommenheit ihrer Handlungen und Gesten. Erwachsen müßte man sein, und wäre man es, würde man Großes und Edles vollbringen. Jetzt, etliche Augenblicke später, sehe ich uns gemeinsam anstehen vor einem nur schemenhaft erkennbaren Gebäude, dessen Tore und Fenster zerfranste Löcher und Durchgänge sind, in das es von oben hineinregnen kann, da das Dach schadhaft ist, und das einen Gebieter beherbergen soll, den keiner von uns Lebenden jemals zu Gesicht bekommen hat. Das Haus der Erkenntnis. Höchst zweifelhaft, das jemand dort residieren wollte, allenfalls noch ein König der Bettler. Ich sehe um mich und weiß nun, daß wir die Bettler sind und bunte Lumpen vielleicht deshalb tragen, um einander zu gefallen. Ein Wind kommt auf und durchstürmt die Ruine und bringt sie zum Klingen. Wir fahren zusammen unter ihrem schaurigen Gesang. „Der Große Garten liegt hinter dem Kasten!“ brüllt einer aus unseren Reihen. „Dort stolzieren Pfauen umher und schlagen ihr Rad!“ Zaghaft setzt er neuerlich einen Schritt nach vorn. Der Gesang wird lauter, das Gebäude stöhnt auf.

Heranrücken