Der Antiquar starrte mich an, als sei ich eine Erscheinung. Dabei wollte ich lediglich ein Buch erstehen, das auf dem Büchertisch vor seinem Geschäft lag. (Über das Buch möchte ich noch sprechen.) Hin und wieder werde ich derart angestarrt, als wüßten oder sähen die, die so starren, mehr als ich. (Natürlich sehen sie mehr als ich, ich kann mich selbst nicht beobachten, während ich lebe oder es versuche. Ich bin in mir drin und sehe von dort hinaus durch die Augen.) Soll mich das beruhigen oder beunruhigen. Sie schauen ja nicht besorgt oder entsetzt, sie starren bloß. Nein, sie starren nicht, das ist das falsche Wort. Sie schauen eindringlich oder fragend, vielleicht auch saugend, jedenfalls so, als wollten sie etwas wissen, trauten sich aber nicht zu fragen.
Allgemein
Schnell notiert, bevor es sich verliert
An einer Hauswand sitzen und hinauf in den blauen Himmel schauen, den weiße Wolken zieren. In einem Buch lesen, ein kühles Schultheiß trinken und zuhören, wie die anderen Gäste sich über die psychischen Probleme ihrer Hunde unterhalten. Meine kann ’n richtiges Miststück sein. Tanzen kannse schon, aber bring Püppilein ruhig noch’n paar Kunststückchen bei. Gestern sagte jemand am Telephon das Wort Bio-Penis, das war in einem anderen Café, da war es auch schön.
Die Elefanten aus den Zimmern lassen
Durchlöcherte Trumpfkarte
Lachen ist ein Mittel therapeutischer Praxis, las ich vorhin auf der Heimfahrt im U-Bahn-Fernsehen. Das überrascht mich nicht, ich wende es an. Niemand findet mich derart komisch wie ich mich selbst. Zugleich könnte das eine Schutzbehauptung sein. Das kognitive Immunsystem funktioniert. Ich habe nichts gegen Immunität und Schutz, doch an welcher Stelle sollte ich mich sinnvoll verwunden lassen? Ich denke an Siegfried und das Lindenblatt. Sicher wäre es besser gewesen, er hätte von seiner Schwäche gewußt. Nein, es wäre nicht besser. Das Leben zehrt davon, daß es sich für unsterblich hält.
Oder entweder
Zum Rauchen, da es nun ja ausgerottet werden soll, müßte man noch sehr viel mehr sagen. Ich erinnere mich an den Satz meines Freundes L, der eines Tages bemerkte: Ja, die Raucher, die wissen was. Was sollen die schon wissen? hätte meine Reaktion sein können, da ich selber doch eine Zeitlang geraucht habe. Stattdessen setzte sich der Satz in mir fest und begleitet mich seit etlichen Jahren. Ist es nicht so, daß sehr viele Menschen sehr viel wissen, daß aber kaum jemand da zu sein scheint, der dieses Wissen aufnimmt und mit ihm etwas anzufangen weiß? Das sind ungefähre Formulierungen, ich weiß das. Es stört mich nicht. Manches Wissen schlingert herum und umkreist den Themenherd, ehe es sich setzen kann. Ich wäre Raucher, könnte ich mich auf fünf Zigaretten am Tag dressieren.
Wieviele Zigaretten kann ein Mensch rauchen, ehe er stirbt
Warum soll man nicht ein „Toptrainer“ sein und zugleich 50 Zigaretten rauchen? Man könnte sogar siebzig Zigaretten pro Spiel rauchen, schließlich hat man einige Zeit dort außerhalb des Spielfelds. Andererseits stimmt beides nicht. Ein Spiel dauert 90 Minuten, eine Industriezigarette raucht man in sieben Minuten runter bis auf den Filter. Man müßte die Halbzeit eigens bedenken, sie beträgt 15 Minuten. 45 plus 15 plus 45 ergibt 105. Zählt man die Einspielübungen des Teams hinzu, kommt man auf wenigstens 135 Minuten. Geteilt durch 7 ergibt das 19,2857142857. Menotti konnte demnach eine Packung Kippen wegrauchen, aber keinesfalls zwei. Bernd Schuster, Fußballhalblegende, hat übertrieben, doch das tun wir ja alle.
Aus dem Zusammenhang 322
„Ein Toptrainer, aber wenn er mit einem Spieler geredet hat, hat er gefragt, ob es Frau und Kindern gut geht. Ansonsten saß er auf der Bank und rauchte 50 Zigaretten.“
Bernd Schuster über Cesar Luis Menotti (5.11.1938 – 5.5.2024)
Es grummelt in der Ferne
Wenn wir nicht tanzen, verstehen wir zu wenig. Nicht einmal das Tanzen ist hierzulande verstanden. Man scheut sich. Wer nicht tanzen kann, blamiert sich. Also wird geredet und muß weiter geredet werden, damit nichts passiert. Was ist denn Tanzen? Frag die Frauen, die wissen das ein wenig besser. Als ich zur Tanzstunde geschickt wurde, fürchtete ich mich. Ich lernte die Schritte, kaum mehr. Auf Dorffesten vermied ich Situationen, die mich in Berührung hätten bringen können. Ich stand abseits. Initiationen sind schmerzhaft, doch man muß springen. Niemals der Angst folgen, sie führt immer zurück ins Verbleiben. Ich „lernte“ das Tanzen erst, als ich aufhörte, es als etwas Schwieriges anzusehen oder anzugehen. Tanzen ist so natürlich wie sonstwas. Spricht jemand vom Tanzen, denke ich meist an Nietzsche und sein Tanzlied An den Mistral.
Musikalisches Schreiben
Es gefällt mir recht gut, wenn ich nicht weiß, welcher Tag ist. Das ergibt ein Vorgefühl von Zeitlosigkeit hinsichtlich der Einteilungen und Vereinbarungen. Ich atme uneingeteilt durch und atme weit, wie mir scheint. Die Obstruktionen sind abgefallen, ich gerate fallbeiltief in die Gegenwart, und sie ist eine Angelegenheit, über die viel gesprochen wird. Wäre sie frei, erköre ich mich selbst als ihr wichtigster Liebhaber, wissend, daß sie nicht erwidern kann, was an Liebe auf sie fällt. Die verwirrende Zeit verschiebt die Maßstäbe hin und her, das ist ihr Hauptverfahren. Mir kommt das vor wie ein Sieb, durch das man fällt oder nicht. Sicherlich ist es dienlich dem großen Plan, nur daß es einen solchen ja gar nicht geben kann.
Schöner Mai
Vor allem bin ich froh, daß ich mir selbst wieder traue. Darauf vertraue, daß ich Dinge und Zusammenhänge erkennen und benennen kann, darauf vertraue, daß ich schreiben kann, da ich wieder zu leben vermag. Das Leben soll nichts Ab- oder Ausgewürgtes sein, das Leben sei ein heiliges Fest. Selbst wenn es mitunter anmuten mag wie eine lästige Pflicht oder etwas, das man mit Ach und Krach schaffen kann, weil man muß. Muß man denn? Glanz der leuchtenden Farben dieses Tages im Mai.