Jemand brüllte mich an: Ja, was willst du denn! Er geriet mir sehr nah. Ich erblickte die blutunterlaufenen Augen, die Zornesschwellung der Adern an den Schläfen. Ich fürchtete ihn nicht. Ich sagte nicht: Beruhige dich. Er beruhigte sich auch ohne solche Worte. Die Sanftmut ist uns zu eigen, wir explodieren förmlich, das heißt formvollendet. Die Frage verfolgt mich nicht erst, seit sie gebrüllt wurde. Was kann man denn wollen oder sollen, abgesehen von dem Rest?
Allgemein
Keine Nachgeschichte
Wie können wir uns denn so ein Dichterleben vorstellen, damals und heute. Der Phantasie setzt ausschließlich die jeweilige Einbildungskraft Grenzen. Selbst aus einem tristen Leben können aufregende Verse aufsteigen. Insbesondere solch eingepreßter Verhältnisse verdanken wir Werke. Die Einpressung erhöht den Druck der Entladung. Interessant wäre die umgekehrte Variante: die Kunstfähigkeit der freien Verhältnisse. Sofern es die gibt oder geben kann. Sie werden neuen Zwang ausüben, dessen bin ich gewiß. Die Kunst stirbt nicht, auch wenn einstweilen geröchelt wird.
Zeit spannt Flügel
Fragen sind gut, besonders, wenn sie weh tun. Man könnte fragen, wer steht zu sich selbst. Man müßte fragend ergänzen: steht er dort gut, steht er dort richtig. Das sind Baumschulengedanken. Irgendwohin wird es uns geweht haben, und dann gewöhnten wir uns an Bedingungen, und unter denen wurden wir groß, blieben klein oder gerieten einstweilen mittel. Das ist, mit Verlaub, unsere Geschichte. Kein Wunder, daß so gedacht wird, wenn so gelebt wird. Ich verneige mich vor Jakob Michael Reinhold Lenz, der ähnlich fragte.
Die offenen Fragen
„Du überschätzt dich, darum machst du dich so klein.“ Schöner Felice-Bauer-Satz in der Verfilmung eines Lebens namens Kafka. Verdreht und gewendet klingt er auch: Du unterschätzt dich, darum machst du dich so groß. Der Trick hinter solchen Paradoxien liegt darin, daß die Stellenwerte getauscht werden. Überschätzen wird der Größe zugeordnet, das Unterschätzen dem Geringen. Es mag jedoch eine Angst vor der Größe geben und mindestens ebenso eine vor dem verschwindend Kleinen. Was läge näher, als sich vor dem Großen klein zu stellen – um es nicht erreichen zu müssen, zu können, zu sollen, zu dürfen. Um ein Recht zu erhalten, die Mission auszuschlagen. Aus Demut, aus Versagensfurcht. Was aber mißt den Menschen und wer?
Das Eine ins Andere
Es gibt diejenigen, die schreiben (sagen), wenn sie wissen. Es gibt auch jene anderen, die erst wissen, wenn sie schreiben (geschrieben haben). Ersetzen wir schreiben durch leben, stellt sich der Unterschied deutlicher heraus. Daher die Allergie gegen Pläne und Konzepte, gegen ein Ausfüllen vorgesehener Positionen. Mir lauert dort der Tod. Anderen öffnet sich an solcher Stelle ein Hort des Schutzes und der Vorhersagbarkeit. Segen und Sicherheit. Wer aus dem Unsicheren stammt, strebt ins Sichere und bezahlt dafür, umgekehrt ebenso. Wer behauptet, Menschen seien schwer zu lesen, irrt an diesem Punkt. Daß Menschen Mischwesen sind – ja, ich weiß das.
Nach der Kreuzigung
Der Gedanke des Nachher läßt sich fortführen, ich denke ihn oft. Durch die vielfältigen und in Übermaß dargebotenen Krisen des Systems oder der Systeme orientiere ich mich folgendermaßen: indem ich die Imagination anstrenge. Wie wird sich die aktuelle Angelegenheit in zehn Jahren betrachten lassen? Wird man sie als wichtig erachten, kann sie Geschichte schreiben, lohnte der Aufwand, der seinerzeit betrieben wurde? Meistens lohnt es nicht. Oft betrauert man die Toten. Nicht selten ist es später schlimmer als zuvor. Solches Denken ist nicht pessimistisch, sondern beruht auf Erfahrung. Wladimir Hitler ist nicht Adolf Putin, sie auseinanderzuhalten und richtig zuzuordnen mag dauern. Politische Emotionalisierung führt in die Erfahrung der Hilflosigkeit, im eigenen Leben ist genug zu tun. Politik ist ein Zoo mit zeitweilig geöffneten Käfigen. Affen auf die Bäume, Löwen in die Arena. Es bleibt schwierig, es bleibt spannend. Am Ende ist das aktuelle Spektakel vorüber, und alle müssen oder dürfen sich gegenübertreten und in die Augen schauen, ein DIN-A4-Blatt über dem Herzen, einem der Organe, dem die Gefühle des Denkens zugeschoben werden.
Hundert Jahre tot, endlich in Serie
Nach Freud nun Kafka. Die Serien sind dem Leben nachgereicht. Erst leben wir, dann werden wir verfilmt. Bedingung ist, daß wir es zu Berühmtheit bringen. Während ich Kafka beim Leben zusehe, drücke ich ihm den Daumen. Möge er sich nicht verfälschen lassen, möge er bei sich bleiben und ein klein wenig, aber ausreichend genug in Erinnerung behalten, daß es nicht die vorrangige Aufgabe eines Menschen ist, anderen zu Gefallen zu sein, selbst wenn sogar die Liebe sich solcherart verwechselt. Wen liebst du mehr: dein Schreiben oder mich … Eine solche Frage serviert zu bekommen ähnelt einem Todesurteil.
So als ob
Angst und Tanz
Es ist sogar für die Vereinzelten klug, sich von Zeit zu Zeit unter die Menschen zu mengen und teilzunehmen an Spektakeln, beispielsweise einem Fußballspiel von halbnationaler Bedeutung. So gerät zusammen, was zusammen gehört, denn Gemeinschaft macht stark, und wenn sie es nicht tut, so doch immerhin nichts Gegenteiliges. Freundschaftsspiel gegen die Niederlande, 2:1 im Ergebnis, der Gegner kam eigentlich nicht vor, nur daß er auch auf dem Feld war. Deutschland als Fußball-Land kann sich sehen lassen, plötzlich doch. Vorher die üblichen Orgien der Angst. Wer Angst kennenlernen möchte, sollte Deutschland buchen. Daher die Sicherheit. Geht etwas schief, sterben sie hier. Das ist so, das bleibt so.