Voller Mond

Erneut ist es Nacht, und die Nacht gewährt. Das politische Tralala ist das, was es ist. Doch ich lebe in explosiver Zeit und kann das nicht leugnen. Die Gedanken dazu gehen hin und her. Ich möchte mich der Poesie widmen, dem Unausgesprochenen. Okay, doch selbst die Politik ist Poesie, nur daß sie es nicht weiß. Mir ist nach Hundert Jahre Einsamkeit.

Voller Mond

Das Geschehen

Die Geschichte lehrt nicht. Niemand traut sich das zu sagen. Man rührt an ein Tabu. Daß die Geschichte nicht lehrt, bedeutet nicht, daß nichts zu lernen ist. In solcher Genauigkeit liegt der Schlüssel zum Verständnis einer Kunst und einer Wissenschaft, die es mit denjenigen aufnehmen muß, die sich tatsächlich erinnern und erlebt haben, was man eine Geschichte nennen kann.

Das Geschehen

Die Geschichte lehrt

Da, wie man weiß, ein jegliches Spektakel einer Inszenierung bedarf, möchten wir fortan die politischen Geschäfte diesbezüglich inspizieren: nämlich auf ihren Unterhaltungs- und Erregungsgehalt, sogar auf ihre Emotionalisierungsfähigkeit, ihr Potential, aus der grauen Menge der Vielen die Individuen herauszuoperieren (Sezierarbeit), die besonderer Beobachtung zugeführt werden sollten im Interesse des übergeordneten Ziels, nämlich der Exekution der totalen Bewußtseinsleere.

Nachtrag, etliche Stunden später: Dies ist oder war ein Vollmondtext. Ich bewundere den Schwenk. Solcher gelingt nur nachts und halbwegs unbewußt. Fragte man mich, wäre ich ein Freund der écriture automatique.

Die Geschichte lehrt

Durcheinanderbringung

Wir sind auf eigenen Straßen unterwegs, sonstwohin. Darin besteht ein Trost. Die Vermengung der Menschen hat ein Ende, mag ich hoffen. Ich meine die Vergesellschaftung des Individuums und seiner Rechte, insbesondere desjenigen im Einzelnen, das niemanden etwas angeht und besonders geschützt werden muß. Ich möchte kein Wort dafür anheften. Es hieß Gewissen einstmals. Lassen wir das. Was nicht benannt ist, kann nicht erkannt sein.

Durcheinanderbringung

Vibrieren

Innerhalb der bestehenden Debattenkultur habe ich gar nichts mehr zu suchen. Ich könnte dort wenig finden. Für das eine und gegen das andere zu sein – wie ermüdend. Da kann ich gleich Plakate kleben gehen oder mit einem Megaphon die Straßen verunsichern, mich einem dieser zahlreichen Demonstrationszüge anschließen und in Gruppenstärke bekunden, was gefühlt aktuell richtig ist. Die debattierten Probleme – nennen wir sie Schwierigkeiten – sind deutlich und erkennbar schwieriger und interessanter, als sie sich schnellhin darstellen oder in einen Protest- oder Demonstrationseifer übersetzen lassen. Am liebsten würde ich sagen: Treibt eure Spiele, aber spielt sie ohne mich. Doch ich soll auch vorkommen darin. Das hat mich die C-Affäre (eine solche ist sie längst) gelehrt. Ich frage mich, da nun bald Ostern ist, wo ich überhaupt etwas zu suchen und zu finden habe. Man soll sich selbst nicht schonen, wenn man über das eigene als Leben nachdenkt.

Vibrieren

Langfristig zuversichtlich, kurzfristig nicht

Das Hautaufschürfende dieser kalten Frühlingstage. Ein bißchen Grün und Gelb auf nackter, harter Erde. Ihr tapferen Pflanzen. Frohsinn, komm herbei. Ich hasse dieses Gezerre zwischen Winter und Sommer, es bekommt mir nicht. Nicht einmal in den Cafés ist es warm genug. Mir ist schon so, als hätte ich nichts mehr zu geben. Ein abgedrehtes Leben, ein Pfeifen auf letzten Löchern. Doch auch ich werde von der Sonne mich kaufen lassen und erneut mich bekehren. Anfang April fällt gern noch Schnee. Kurzfristig rechne ich auch sonst mit dem Schlimmsten.

Langfristig zuversichtlich, kurzfristig nicht

Linien und Kreise

Mit neuzehn kam es mir vor, als hätte ich den Zirkus einmal bereits durchtanzt und käme nun in die zweite Runde. Die Astrologen wissen es besser, wie stets, sie sagen, im Alter von achtundzwanzig sei dies der Fall. Jedenfalls sind hier Runden zu absolvieren, ein Lebenslauf führt nicht geradeaus – ins Meer, in den Himmel, in die Grube. Ich mache mich osterfein und bedenke das Leben. Aufgewacht mit der Vision, daß meine zukünftigen Tage in langer, gewundener Linie zum Horizont führen, jeder Tag ein winziger Punkt auf der Linie, und von nahem betrachtet wird deutlich, daß die Tage Kugeln sind, fußballgroß. Tritt man gegen sie, bricht man sich den Fuß. Sieht man sich um, sind die Tage bloß noch Schatten, sie schlängeln sich durch die Landschaft des Lebens und führen ins warme, höhlenhafte Dunkel der vorgeburtlichen Zeit. Aus den Kugeln könnte man die Stunden ziehen, ließen sie sich lösen. Die Tage sind aus den Stunden zusammengesteckt. Genauer wurde das Bild nicht.

Linien und Kreise

Aus dem Zusammenhang 319

„Die Gesellschaft ist nicht mehr faschistisch, sie ist auch eigentlich nicht mehr autorität. Sie ist eher zwangsneurotisch geworden. Zwangsneurotisch im Sinne von ewig besorgt, politisch korrekt ewig besorgt. Die Sorge ist unser liebstes Gefühl. Und auch unser progressives Gefühl ist die Sorge. Während ich der Meinung bin, Progression oder Fortschritt hat auch etwas mit Überschwang, mit Leichtsinn, mit Übermut und vor allem auch mit, ein Begriff, der bei uns ganz schlecht gehandelt wird, Freiheit zu tun.“

Katharina Rutschky in: Was war links? Teil 1: Protest und Theorie [2003]

Aus dem Zusammenhang 319