Erst töten, dann (den Opfern) Denkmäler errichten. Deutschland kann das besser als andere. Daher der Stolz.
Allgemein
Aufgabe, Dienst
Ämter. Muß man sie oder soll man sie fürchten? In ihnen wird entschieden, Ämter sind uneinsehbare Orte der Macht, jedenfalls einer Befugnis, dieses zu veranlassen und jenes zu prüfen. Besser man stellt sich gut mit ihnen. Immerhin fallen dort Entscheidungen, immerhin wird von dort regiert, gemäß Anweisung. Sie haben dadurch, daß mein Vater auf einem Amt arbeitete und ich während der Freistunde gegenüber seinem Schreibtisch in der Ecke am Fenster mit Blick auf den Parkplatz saß und still sein mußte, nichts von ihrem Schrecken verloren. Ich mag es nicht, Bittsteller zu sein und auf Gnade angewiesen sein zu müssen. Dabei handelt es sich nicht um Gnade, sondern um Recht. Ich weiß das. Doch ich erkenne wie unter Röntgenbestrahlung die Struktur darunter, dunkel und scharf umrissen.
Die Tränenspur
„Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen …“ Die Macht stiefelt durch, muß sich nicht entschuldigen, entscheidet selbstherrlich. Die Fragende bleibt zurück, sieht dem Uniformträger nach. Er, nur ein unterdurchschnittlicher Repräsentant der unschlagbaren und unvergänglichen Macht, verschwindet hinter einer dieser numerierten Türen, wie sie für Amts- und Machtgebäude üblich sind. Da die Kamera läuft, kann ich das beobachten. Ist bloß ein Spielfilm, also nichts Ernstes, handelt nur von einem Häftling, der hingerichtet werden wird, und seiner Frau, die versucht, ihn wieder zurück zu sich und ihrer Familie zu holen, dorthin nämlich, wohin dieser ihr Mann gehört und von wo man ihn fortgerissen hat für einen ehrlosen Krieg. Die Geschichte von Franz Jägerstätter, in Bilder gesetzt von Terrence Malick.
Aus dem Zusammenhang 367
„Einer der frei ist, der merkt es vielleicht gar nicht.“
Ein verborgenes Leben, 2019
Hell und klar
Ein guter Morgen hat begonnen. Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt zwei Grad unter Null. Durch den Riß im Leinenvorhang leuchtet Himmelsblau, davor die Zweige des Gartenbäumchens mit einigen letzten Blättern daran in der Farbe verblichenen Grüns. Die Elstern keckern und rasseln in ihrer Sprache die Spottformeln des luftigen Lebens. Der Milchschaum knistert leise, man kann jederzeit neu beginnen.
Tempo aufnehmen
Tödliche Umschlingung
Wie unerbittlich und und störrisch die Leute rechthaben. Fehlt noch, daß sie aufstampfen oder wutentbrannt den Raum verlassen, weil schon wieder jemand wagt, eine andere Auffassung zu haben, oder die Stirn hat zu behaupten, aus einem anderen Erfahrungszusammenhang zu sprechen. So bilden sie links und rechts der, wie sie meinen: absoluten Trennlinie, die bereits als Mauer beschrieben worden ist (die Deutschen stehen auf solche Bauwerke, die sie für fest und unüberwindbar halten), ihre Selbstbestätigungsrunden und sprechen sich Mut und Zuversicht zu. Wird schon werden, denn es muß ja. Da klagen sie über Spaltung und betreiben sie jeweils nach Kräften. Ein Beobachter würde das für Irrsinn halten, nur bedürfte er, solches zu erkennen, einer anderen und durchaus überlegenen Perspektive. Die wiederum soll es nicht geben, denn im Krieg wird die dritte Position nicht mehr geduldet – und zwar von beiden Seiten nicht.
Entschlacken
Der Geist ist träge und bekenntnishaft geworden letzter Jahre. Er soll die üblichen Gebete sprechen und sicherheitshalber seine Zugehörigkeiten klären. Wer nicht dafür ist, ist dagegen – erneut auch umgekehrt. Bürgerkriegslogik im Innern, Kriegslogik im Äußern. Daß das nicht gut geht, weiß schon ein jeder. Doch wie findet man da heraus? Indem man anders denkt, spricht, handelt. Ich würde sogar mit dem Fühlen beginnen, sofern es nicht bereits von Unverständnis und Unerbittlichkeit verseucht ist.
Winterfest
Ich durchlaufe Befreiungen. Ich kann schreien und schreiben, beides in einem Satz. Lügen sind verkehrte Wahrheiten und umgekehrt, Heuchelei ist demonstrables Zugehörigkeitsbedürfnis. Wir nicken uns das Gute zu, bis es erfriert. Ich bin wunschlos glücklich.
Nicht mehr dies, noch nicht das
Vorhin lernte ich, da es laut Wettervorhersage kalt wird, das Wort „Vorwinter“. Vielleicht schneit es bereits. Auf die verzinkte Fensterbank fallen weitere Tropfen. Draußen eine Art Wispern, als sei der Regen mit einem Mal zu etwas Leichterem geworden. Ich mag nachsehen. Es ist noch Regen, doch kurz vor Schnee. Ich liebe den Regen, ich mag den Schnee. Mitmachen, empfahl ich vorgestern, als jemand sagte, die früh einbrechende Dunkelheit sei schlimm. Zeit des Rückzugs, der verminderten Aktivität. Zeit der Verlagerung vom Äußeren ins Innere. Kerzenlicht und warme Mahlzeit. Seele pflegen. Langsamer werden, die Tiefe und das Dunkel nicht fürchten. Ein Jegliches zu seiner Zeit. In der Zeit sein, mit ihr unterwegs am Rande des Verstehens.