Traummalerei

Aus einer Reihe von Träumen erwacht, von denen nur der letzte gehalten werden konnte, ungenau und schemenhaft. Einzelne Bilder und Bildfolgen sind erhalten geblieben: die Mauer zum Nachbargrundstück, die eine Hauswand ohne Fenster war. Es herrschte offenbar eisige Abneigung, fehlte nur der Stacheldraht. Das Haus diesseits der Mauer war hell erleuchtet, auf mehreren Etagen wurde gefeiert. Die Gäste wirkten klug und waren schön, die Unterhaltungen klangen aus den geöffneten Fenstern in den Hof hinaus und waren in die Musik gewoben. Ein kleines Orchester spielte. Die Gastgeber machten sich nicht bemerkbar. Sie mochten mich begrüßt haben, das lag hinter dem Traum. Es schien eine Verabredung zu existieren, jedenfalls zog es mich, wenngleich ich zögerte, unweigerlich von Saal zu Saal und in die angrenzenden Kabinette. Ich würde die Versprochene erkennen, lautete die Vorgabe. So geschah es auch.

Traummalerei

Action

Um diese Zeit beginnt es jährlich kühl zu werden. Ein leiser Wind läuft vorbei. Wann ist ein Text zuende, wann ein Leben, wann ein Sinn. Ich wippe vor und zurück, als wollte ich etwas sagen. Wieder wispern die Blätter. Morgen ist auch noch ein Tag, sagen sie. Ich denke nach über den Rausch und wie ihn sich die Kulturen beschaffen im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten ihrer Grundüberzeugungen. Verbote, Gebote, Erlaubnisse. Steuerung von Verhalten über autoritative Setzung. Kann man mich mal in Ruhe lassen? fragt der Rentner vor dem Empfangsgerät für Wahrheit.

Action

War denn Kunst letzter Zeiten wichtig

War denn Kunst letzter Zeiten nicht wichtig? wird zu fragen sein. Die Antwort fällt mir leicht: Nein, war sie nicht. Sie ist das Verzichtbarste, das man sich denken kann, neben Werbung und anderen Trends zur Verringerung des Menschen. In der Angstspirale hat Kunst keine Chance, bestenfalls eine narkotisierende Wirkung. Insofern wäre sie seitens der Angsttreibenden willkommen, müßte aber zu Diensten sein. Hervorbringungen solcher Art existieren und werden gefördert. Sichtweisenbestätigung, positive Seitenwahl, Wertekanon abgesungen. Preis drauf. So bekommt der Künstler sein Geld und kann sich die nächste Portion Fritten leisten. Der Firlefanz der Festivals und Wettbewerbsdarstellungen geht weiter, denn die Bestätigten benötigen weitere Bestätigung durch ihrerseits Bestätigte. So wird man doch noch richtig sein zum wirtschaftlichen Ende. Ein Elend hat die Künste befallen, es lautet schlimmer noch als Anpassung. – Schon lärmen draußen die Barbaren. Die konnten ja nicht ausbleiben, großer Gott. Kommt mir morgen oder übermorgen jemand mit deutscher Kunst, lache ich mich tot oder verlasse das Land. – Kunst hat sich einmal aufgerichtet aus den Erzwingungen und Unterwerfungen, hat sich stolz erhoben bis hinauf in den schöpferischen Größenwahn. Und die Kritiker? fragt jemand plötzlich und wie aus dem Nichts.

War denn Kunst letzter Zeiten wichtig

Kunst wird wieder wichtig werden

Im Rückblick auf die furchtbarsten Phasen meines Lebens denke, auf die Schnelle formuliert wie stets, daß es darauf ankommt, die Ein- und Anpassungsprozeduren, die seitens der Umgebungen vorgenommen werden, halbwegs unbeschadet zu überstehen. Diese Prozeduren können vernichten, nichts an ihnen ist niedlich oder von vornherein gut. Sie verfälschen dich. Sie mogeln und modeln dich um. Das ist ihr Auftrag, sie erfüllen ihn gut. Die Ordnungen, in denen wir leben, verstehen sich noch nicht auf Persönlichkeiten. Sie ebnen ein, sie egalisieren, sie nivellieren. Extrem genommen: Du bist nichts, dein Volk ist alles. Höhe- und Tiefpunkt systematischer Verringerung des unverstanden Einzelnen. Wir Nachgeborenen sind Abkömmlinge und Entsprungene solcher Kollektivpsychosen. Wir tragen das in unseren sprechenden Körpern. Die Sprache der Gewalt lautet: Du sollst nicht sein. Die Gegenwehr durchläuft die Generationen subkulturell. Ich selbst fühle mich als ein kleines Element des Widerstandes gegen die ungeheure Vereinnahmung (Zerstörung) des Lebens durch die vernutzenden Systeme.

Kunst wird wieder wichtig werden

Haare sind Antennen

Ich dachte bereits daran, mir die Haare raspelkurz zu schneiden. So wie früher und erneut aus sanftem Protest. Doch dann schauen wieder alle und fragen sich was. Sie wuchsen ja auch munter ins Freie, die Haare, ich dachte dabei an Dalí. Die profilierten Schnitterfrisuren der Sport- und Medienstars erinnern ohnehin an Krieg. Moden irren selten. Mögen sie also weiter wachsen und für guten Empfang sorgen, fiele ich doch ansonsten unter die Haar- und Bartsteuer, die der begnadet und gewieft alles übertrumpfende Katalane für jene forderte, die lange Haare oder Bärte trügen, ohne nachweisen zu können, daß sie auch nur ein Kleinstes über ihre immerhin installierten Antennen aufnehmen und verstehen.

Haare sind Antennen

Es ist ganz und gar nicht rätselhaft, wenn jemand aufbricht und geht

September logisch, die Melancholie springt mich an. Süßes, weiches, verführerisches Ungeheuer. Am Weintraubenstand vorüber, an den Straßencafés vorüber, an den Jauchzenden und Schmachtenden vorbei. Türen öffnen, Einkehr halten, zuhause sein. Die Gegenstände grüßen, das Licht entfachen, ausatmen. Den Duft des Gulaschs einatmen, dem Tier danken, das gestorben ist. Rituale des Lebens. Leben ernährt sich von Leben. Übermorgen wird in dieser Stadt politisch gewählt. Für das Wahlrecht starben Menschen, allein deshalb wähle auch ich, und sei es das geringste Übel. Ich denke an den Film von Agnès Varda, Vogelfrei. Da lernte ich Sandrine Bonnaire kennen, ich verliebte mich auf der Stelle (im Kino). Filme können das. Herumstreunen, abgewiesen werden, auf Glück angewiesen sein. Man stirbt dort draußen ohne Dach über dem Kopf und jenseits des für die Bürger gesetzten Gesetzes. Man müßte im September geboren sein, dachte ich letztens, als er begann. Die Farben, die Gerüche, das Licht, die Kostbarkeit des Vergehenden, das letzte Haltenwollen.

Es ist ganz und gar nicht rätselhaft, wenn jemand aufbricht und geht

Dystopische Träumerei

Zugriffe auf die Person. Bewegungsdaten, Standortbestimmung, Kommunikationsverhalten. Medizinische Daten, biometrische Erfassung, Gesichtserkennung. Videomaterial. Kaufverhalten. Politische und sexuelle Disposition. Wenn alles, was du benutzt, gratis ist, bist du das Produkt. Das wird verkauft. Später, wenn die Dinge schiefgelaufen sind (sie tendieren dazu), kommen sie kassieren. Irgendwas mußt du falsch gemacht haben. Auch das wird erklärt werden, damit die Leute verstehen, warum einige leider sonderbehandelt werden müssen. Welche Intelligenzen dann die entsprechenden Maßnahmen ausbrüten, wird sich zeigen. Die Daten sind vorhanden, potentiell jeden auszusondern. Die Gesetze dafür lassen sich schreiben. Die Gegenwart wird stets das Beste sein, was wir haben. Es könnte noch viel schlimmer sein, denkt nach dem Schiffbruch der Mann auf seiner Holzplanke inmitten der ozeanischen Wüste.

Dystopische Träumerei