Von oben und allen Seiten

Leise wie ein Gerücht macht sich der Regen bemerkbar. Zunächst wird gewispert, dann getuschelt. Endlich prasselt es hernieder, notfalls vernichtend. Daß Menschen unaufhörlich aufeinander einwirken wollen, beschäftigt mich. Wer darf denn vom wem was verlangen dürfen – außer von sich selbst. Und hier ist bereits das frisch ausgepackte Fragezeichen, es wurde just in time geliefert, Trinkgeld drauf und fertig.

Von oben und allen Seiten

Bauernkinder

Anstrengendes Frühjahr, kühler Mai, wenig Regen. Das Wetterradar kündigt die Ankunft eines Wolkenbandes an. Ich öffne die Oberlichter des Fensters, möchte zuhören, wenn es aus allen Wolken fällt. In dem Spielfilm (Lamb, 2021) werden in einem Stall auf Island Lämmer geboren. Ich kenne solche Tiergeburten aus Kindheit und Jugend. Die Tiermutter leckt und reinigt das Fell der Jungtiere, die kurz darauf schon auf ihren Beinchen stehen. Anders bei den Katzen, die nicht Fluchttiere sind. Ein einziges Mal wurde ich von unserer Chef- und Hofkatze zur Geburt gebeten. Sie gab keine Ruhe, ich sollte ihr folgen. Im Stroh gebar sie vier kleine Häufchen von der Größe vielleicht eines Maulwurfs. Ich sollte dabei sein. Das ist nicht zuvor und nicht wieder danach geschehen. Katzen sind diskret, sie erledigen alles Entscheidende allein und für sich. Noch fällt nichts vom Himmel. Es ist nahezu windstill.

Bauernkinder

Aus beträchtlicher Höhe und beachtlicher Tiefe

Es gibt zwei Interventionen des akuten Sprechens. Die eine läuft darauf hinaus, daß ein ruhiges Publikum beunruhigt, die andere, daß ein beunruhigtes Publikum beruhigt wird. Beide Akte sind solche des Sprechens und Befolgens. Es gibt eine dritte, wie stets. Sie ist die erste, die angegriffen wird und zerstört werden soll, wenn die Truppen sich in Marsch setzen. Denn in einem Krieg gibt es nur zwei Mächte, das wird durchgesetzt werden. Wie lautet sie also, die dritte Position, bevor sie einstweilen und notgedrungen abgeschafft sein wird? Die des Beobachters, der Neutralität, der Unentschiedenheit, der Ausgewogenheit, des Nichtüberzeugtseins, des Nichtbefolgens, der non-binären Logik zur Not. Es ist vielleicht die Position Gottes, des Lebens, der Weisheit, des Taos, der Ewigkeit, des Sinns. Doch die Menschen wollen offenbar kämpfen, sich im Kampf entlasten, die alte gegen neue Last eintauschen, in diesem Tausch verzweifelt ihr Glück suchen und zugrunde gehen. Anschließend Wiederaufbau und Denkmäler für die Toten, Heldengesänge und Racheschwüre – oder ein neues Nie wieder. Der Zeitgeist schwitzt Blutgeld aus.

Aus beträchtlicher Höhe und beachtlicher Tiefe

Die größtmögliche Ruhe

„Nein. Es ist die größtmögliche Ruhe und das größtmögliche Gefühl, das ich jemals empfunden habe“, antwortet die Angesprochene. Der Priester wird unruhig, er spürt die Ernsthaftigkeit der Worte, die Stärke der Seele einer Abtrünnigen (wie er fürchtet). Endlich fragt er, zuvor seine Sitzposition der ihren nähernd: „Und wer ist dieser junge Mann, wie heißt er?“ (Der Leopard, S1 E2)

Die größtmögliche Ruhe

Nun in Serie

„Concetta, der Körper kann nicht über die Seele siegen!“ ermahnt der Priester die Tochter des Fürsten von Salina, zum Beispiel in der neuerlichen Verfilmung des Romans Il Gattopardo (Der Leopard) von Guiseppe Tomasi di Lampedusa. Schon recht, doch wovon kündet der Körper, sofern er nicht lediglich als untergeben angesehen und solcherart abgewertet ist? Ohne den Körper wäre auch die Seele arm und flackernd, gleichsam nichts, also bestenfalls irrend, suchend. Vielleicht kann auch die Seele nicht über den Körper siegen, obgleich sie oder ihre Fürsprecher das wünschen. Möglicherweise halten sie sich die Waage und sollen durchaus auf solches Gleichgewicht hinaus. Die Seele kann sich nicht vom Körper befreien, wenngleich sie es wünschen mag. Der Körper fällt kalt ins Grab oder auf die harte Erde, wenn die Seele ihn verläßt. Sofern sie das vermag. Es bleibt schwierig. Auch die Ersatzbegriffe fruchten nicht.

Nun in Serie

Ich scheue stets davor zurück

Das Verhältnis des Ausgesprochenem zum Unausgesprochenem ist nicht ausgeglichen. Zum Unausgesprochenen gesellt sich das Unaussprechliche, demnach wohl ein Unaussprechbares. Da türmt sich was auf. Ich habe fast von Kindheit an, insbesondere dank meiner Mutter, an die Kraft des Aussprechlichen und Ausgesprochenen geglaubt, und wurde darin als Jugendlicher oder junger Erwachsener zusätzlich bestärkt, als eine einfühlsame Tante mir sagte: Wenn du es sagst, kann ich es annehmen – und das geht auch den andern so. Ich wußte schon damals: Der Ton macht die Musik. Das läßt sich spüren. Nicht jeder darf alles sagen, doch manche dürfen fast alles, sogar sagen. Eine Ungleichheit, eine Ungerechtigkeit. Ihr verbunden sind Verantwortung und Verpflichtung. Wenn du es sagen kannst, dann sag es. Die Tante sagte auch: Wenn du ohne Gott leben kannst, dann glaube ich dir das. Aber die Menschen hier brauchen einen Halt.

Nachtrag: Sie sagte nicht, die Menschen hier. Sie sagte auch nicht, die Leute. Ebenso wenig sagte sie, die Menschen. Sie spürte etwas an mir, das ungerecht sein oder werden könnte. Ich verstand sie gut und habe mir das gemerkt. Meine sogenannten Prinzipien sind nicht die der anderen, ein jeder mag leben nach eigenem Gesetz. Ich habe ein bißchen Glück mit meinen Verwandten, aber auch das wußte ich lange Zeit nicht. Mir war meistens, als sei ich allein.

Ich scheue stets davor zurück

Gartenkleinheimverein

Erwacht von Stimmen. Draußen saßen welche und sprachen, ich erkannte die Sprecher. Ich wußte augenblicklich, wo ich mich befand. Nicht auf dem Schiff, wie geträumt, nicht im Hafen von Marseille. Schon fliegt mir eine Fliege ins Ohr, hat sich verflogen, ist fort. So mag ein guter Tag beginnen, dachte ich. Ich schrieb auf Papier einen richtigen Brief. Ich trank aus Schalen einen richtigen Milchkaffee. Ich schritt auf der Straße einem richtigen U-Bahn-Eingang zu und hörte auf richtigen Kopfhörern die Sex Pistols und Kombattanten, The Great Rock’n’Roll Swindle. Ich dachte folgerichtig, daß es irre sei, hier so zu tun, als kämen die jeweiligen Kleinbürgerverbotsgehirne mit dem durch, was sie sich jeweils unter Reinigung und keine Probleme mehr vorstellen. Leben ist ein schmutzig-schönes und schauriges Geschäft mit Öffnungen zur Herrlichkeit. Aber das weiß man doch.

Gartenkleinheimverein