Die Kastanien blühen früh dieses Jahr

Der Himmel war blau, daß es schmerzt. Der Wind trug Kühle herein und spannte die Gesichtshaut. Ein Jazz-Trompeter nahm platz auf dem Gehsteig und spielte den Gartengästen was vor. Dahinter lag der Landwehrkanal ausgestreckt und still. Der Wind blätterte die Seiten um. Der Kuckuck ruft um diese Zeit, gelb blüht das Schöllkraut, deren Milchsaft gegen Warzen helfen soll. Die Unruhe ist eine des Herzens, der Verstand versucht zu assistieren.

Die Kastanien blühen früh dieses Jahr

Rinde und Borke

Man kann immer nur noch eigener werden, je älter man wird. Endlich sollte man sich ausgewachsen haben zu vollendeter Charakteristik. Auf der Strecke dorthin darf man nicht vorschnell haltmachen. Wir bewundern die alten knorrigen Bäume, fahren mit den Fingern über die schrundige Rinde, umarmen sie sogar, um Kraft abzubekommen und eine Art Segen zu empfangen.

Rinde und Borke

Boxhagen 4

Buchshagen, Buckshagen, Bockshagen. So geht das durch die Geschichte. Mit Boxen oder dem Faustkampf hatte es nie zu tun, ich habe den Ortsnamen mißbraucht. Er fiel ein, als ich eine Überschrift suchte, und solcher Einfall geht schnell und kann unbedacht sein. Die Themen bleiben, das Personal wechselt. Insofern erstmal Ende im Gelände, wie sie hier sagen. Ich brauche jetzt ein Lied.

Boxhagen 4

Boxhagen 3

Nicht erst seit heute denke ich, daß Individuen in Gemeinschaften vorzüglich sich selbst durchbringen möchten. Erst wenn das gelungen oder gesichert ist, gibt es eine Chance auf Wahrnehmung von Armut, Leid und Elend. Dem widerspricht die geringe Toleranz der Kinder – sie bemerken sofort und reagieren alarmiert auf die Szenen der Straße. Sie fragen zum Beispiel: Mama, warum liegt da diese Frau? Was kann Mama antworten? Was hätten wir klärend beizutragen? Wir schummeln uns durch, das ist Leben. Irgendwie sind wir irgendwas geworden, vermutlich bald Ehrenbürger. Man möchte sich im Jenseits nicht wiedersehen oder würde die Straßenseite wechseln.

Boxhagen 3

Boxhagen 2

Ich kann es noch anders formulieren: die Leute schnappen nach Luft. Sie leben sauerstoffarm, sind abgetakelt, fertig. Keine der zuständigen Anstalten und Institutionen wäre bereit, eine solche Masse an Antragstellern aufzunehmen und aufzupäppeln (versorgen). Ich bin auch fertig, obwohl ich gerade Ausgangserlaubnis habe. Nur daß keine Kur bezüglich meiner Schwierigkeiten helfen kann. Ansonsten turne auch ich im Käfig, den ich mir als Selbstverwirklichungsparcours nicht habe zurechtkitschen können. Die Dinge sind, wie sie sind, und ich wohl auch, bin. Die Leute sind fertig, kein Wunder. Man rockt sie hin und her und über den Haufen, etwas saugt sie aus, macht sie verrückt und apathisch bis aggressiv. Kommt nach Berlin, liebe Leser, ich zeige Euch, was hier los ist. Immerhin ist hier was los, man kann es sehen. Deshalb kam ich her. Ende gut, alles gut? Nein. Hier liegen nachts die Leute auf den Straßen.

Boxhagen 2

Boxhagen

Meistens kommt man ja gar nicht ins Denken. Ich kenne auch kaum jemanden, der solches tut. Nicht einmal die Professionellen tun es. Was geschieht stattdessen? Stattdessen wird geglitten, geritten, gerutscht, geschnuppert, verfolgt, gewedelt, aufgegegriffen (apportiert), kommentiert, analysiert, paraphrasiert, kopiert. Doch es verläßt nicht die Box. Oder es verläßt die Box und springt über in die Nachbarbox, die Gegen-Box, wo es gut aufgehoben ist, denn die Boxen stecken in einer noch größeren Box, und das bedeutet: systemisch. Systemisch bedingt man sich, also versteht man sich. Selbst wenn man sich nicht versteht, versteht man sich. Umkehr der Abneigung. Fast schon Zuneigung, jedenfalls Abhängigkeit. Man teilt Zeit, Problem, Ort (nimm es nicht zu genau), Zugang, Ansatz, Attitüde – nicht zuletzt die Klasse, das Milieu, die Distinktion. Sogar die Wünsche für das eigene Fortkommen in sogenannten Karrieren ähneln sich. Was ist Karriere? Rennbahn, Lauf, Fahrt, Erschöpfung. Derart ermüdet bleibt keine Zeit für das Denken, selbst wenn es bezahlt würde. Denken als berufsmäßiger Zwang ist kein Denken, es ist irgendwas anderes. Vielleicht ist es Häkeln. Das wäre hüsch und verdiente Rührung.

Boxhagen

Ich hier am Rande der Welt

Als man noch unverstanden sein konnte und eine Haarsträhne ins Gesicht hing, das waren Zeiten. Seitdem ist einiges geschehen. Das Unverstandensein ist abhanden gekommen, alle Welt (in unserer) will oder soll verstanden sein oder es demnächst werden. Das geht mich fast nichts mehr an, und dennoch macht es gruseln. Denn die „repressive Toleranz“, ein Schlagwort aus älterer Zeit, weitet sich aus zu einigermaßen totalitären Ansätzen, nach denen man dazugehören muß. Es sind die Angebote gemacht worden, nun sind Sie an der Reihe, sich einzufügen. Es gibt einen doppelten Zungenschlag bei jeder Integration und Inklusion. Man kann geschluckt, aber vielleicht nicht verschluckt werden. Insofern besteht Hoffnung. Die Systeme fressen Menschen und werten sie ein. Dazu sind sie da. Romantisieren wir auf weniger obszönen Terrains. Hymne an die Nacht, aprilhaft.

Ich hier am Rande der Welt

Zypressen-Wolfsmilch

Es gibt Glückstage. Eins geht ins andere über, alles flutscht, funktioniert von selbst. Man muß nur noch mitmachen, Strömung nutzen, Rückenwind verstehen. Weiter und noch weiter, unmöglich ist ein seltsames Wort. Manchmal gerate ich in Glückstage nach Zeiten der Pein oder des Unverstehens. Dann ist mir, als hätte wenigstens der Tag mich verstanden und auch aufgenommen und geleitet. So stellte man sich früher seinen Gott vor. Mir geht es jedoch nicht um Gott oder Tag, sondern um Wirbel und Strömungen, Phasen und Abfolgen, Ablösung und Neubeginn sowie die Zwischenzeiten. Wie ausgesteuert wir sind! staune ich ins Nichts, das Nichts der Nihilisten. Nihilisten sind enttäuschte Gläubige, die gläubige Enttäuschte geworden sind. In der sogenannten Natur sind Nihilisten stumm, man könnte auch sagen fassungslos, oder grundlos, oder verloren. Das macht ja Mut.

Zypressen-Wolfsmilch